Blasebalg und Schwimmring

 „Venezianische Mehrchörigkeit“: Chorworkshop mit Andrea Fessmann im Kloster

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„Was immer hilft, ist grooven“, sagte Chorleiterin Andrea Fessmann (rechts) und sorgte schon beim Aufwärmen dafür, dass ihre Workshop-Teilnehmer nicht nur ihre Stimmbänder in Bewegung setzen, sondern ihren gesamten Körper.

Benediktbeuern – Die Eiche warf einen großen Schatten in den sonnengefüllten Innenhof des Klosterbaus. Unter dem Schutz der Blätterkrone stellten die Frauen und Männer ihre mitgebrachten Stühle auf, mit reichlich Abstand untereinander. Unter einem Stein legten sie ihre Notenblätter ab, sie sollten ja nicht wegfliegen. Vorne stand ein Klavier, an das sich schon bald Andrea Fessmann, Leiterin des KlangKunst-Chors Iffeldorf, Stimmbildnerin und Sängerin, sogleich setzte. Sie strahlte, denn trotz Corona konnte sie nun ihren Workshop, der heuer unter dem Motto „Venezianische Mehrchörigkeit“ stand, durchführen.

Mit all den Corona-Regeln war die Chorworkshopwoche, die sich um zeremonielle Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert drehte, für Fessmann und ihre Teilnehmer ungewohnt. Beim Singen musste noch mehr Abstand gehalten werden als im Bus oder im Supermarkt, die Aerosole strömen und verteilen sich beim Gesang nämlich deutlich stärker. Und so zeigten sich an Tag eins der Proben unter der Eiche im Innenhof des Klosters lichte Stuhlreihen im Schatten. Eigentlich wurde ja der Allianzsaal für die Sänger reserviert, doch das Wetter war einfach zu schön. Und auch der Abstand ließ sich draußen deutlich besser gewährleisten. Und abgesehen davon ist die Akustik zwischen in dem Innenhof eine ganz besondere. 

„Nichts ist normal, alles ist schwierig“, sagte Fessmann, als sie erste Worte an die Teilnehmer richtete. Stundenlang hätte man gesessen, um ein Konzept zu erstellen. Und ZUK-Direktor Pater Karl Geißinger hätte sich dafür eingesetzt, dass gesungen werden darf. Mit Erfolg. Nun standen die Teilnehmer vor Fessmann, geübte Sänger, aber auch Laien, Frauen und keine Handvoll Männer. „Wir wandeln mit dem Schatten mit“, lachte Fessmann, während bereits jetzt um 9.30 Uhr die Sonne auf sie und das Klavier herunterbrannte. Aber nicht allein in der Gruppe und in Kleingruppen sollte in den darauffolgenden Tagen gesungen werden, es gab auch Einzelstunden bei Kammersänger Martin Petzold und Stimmbildnerin Beate Gartner, die einige Teilnehmer nutzten, um ihre Stimme zu perfektionieren. 

Doch bereits am ersten Tag arbeitete Fessmann mit ihren Teilnehmern an deren Stimmen. Beim Aufwärmen und Einsingen. Zu „Ho“- und „Ha“- Ausrufen öffneten und schlossen die Sänger ihre Körper, versuchten ihre Lunge als einen kontrollierbaren Blasebalg zu sehen und stellten sich vor, ihren Körperschwerpunkt umgibt ein Schwimmreifen, der empfindlichst auf das Ein- und Ausatmen reagiert. „Schultern locker lassen, nur in den Reifen atmen“, sagte Fessmann, und die Sänger folgten ihrer bildhafte Anweisung. Zum Atmen gesellte sich dann lautes Summen, das zeigte, das die Teilnehmer es kaum erwarten können, zu Gehör zu kommen. Anschließend wurde der Gaumen noch trainiert, der wie beim Gähnen auch beim Ausatmen gehoben werden sollte. Der Ton, das machte Fessmann dabei klar, sollte nach innen geholt werden, „inhalare la voce“, eine Methode aus dem 17. Jahrhundert und für Fessman in Zeiten beängstigender Aerosol-Ausstöße ein guter „Corona-Trick“, wie sie schmunzelnd anmerkte. Nicht nur der Ton soll im Körper sein, auch „Freude und Power“, appellierte die Chorleiterin , denn man brauche innere Energie zum Singen. Einem schönen Gesang abträglich ist dagegen der Kopf: Wer singt, der sollte vergessen, was er darüber denkt, so ein weiterer Appell Fessmann. 

Da kann man sich nur zu gut vorstellen, auf wie viele Techniken die Sänger am heutigen Samstag, 1. August, um 18 Uhr achten, wenn sie bei ihrem Abschlusskonzert im Maierhof, der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen, ihr Können mit imaginärem Schwimmreifen an den Hüften und scheinbarem Gähnen in den Gesichtern zeigen. ra

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