In voller Blüte

Benediktbeurer Garten- und Verschönerungsverein mit Umweltpreis ausgezeichnet

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Von der Kugel zum Saft: In der Obstpresse in Benediktbeuern herrscht zur Erntezeit reger Zugang.

Benediktbeuern – Jüngst zeichnete der Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen die Gartenbauvereine in der Region mit dem Umweltpreis aus, welche Obstpressen betreiben. Unter den Prämierten: der Garten- und Verschönerungsverein Benediktbeuern, der auf eine 116-jährige Geschichte zurückblicken kann.

Seit 1993 verleiht der Landkreis im zweijährigen Turnus den Umweltpreis an Initiativen, die sich vorbildlich für Umwelt- und Naturschutz sowie den Erhalt des Lebensraumes einsetzen. Die diesjährigen Umweltpreisträger sind die Gartenbauvereine Benediktbeuern, Beuerberg, Egling, Eurasburg und Königsdorf, die allesamt Obstpressen betreiben. Landrat Josef Niedermaier würdigte die ehrenamtlichen Helfer für ihr großes Engagement und ihren Beitrag zur sinnvollen Verwertung regionaler Lebensmittel, durch den die Wertschätzung von Obstbäumen durch die Bevölkerung gesteigert werde. 

Von Bienen zu Äpfeln

In Benediktbeuern verwertet man bereits seit mehreren Generationen die Apfelernte unter dem Dach eines Vereins. 1902 oder 1903 wurde dieser gegründet und bot zugleich dem zuvor aufgelösten Bienenzüchterverein eine neue Heimat. 60 Mitglieder wurden zu Jahresbeginn 1914 verzeichnet, nach Ausbruch des 1. Weltkriegs waren es nur noch 47. Weißer Klarapfel, Hagedorn, Schöner aus Boskoop und Danziger Kantapfel waren damals gefragte Sorten, wie aus historischen Unterlagen hervorgeht. Aus der Zeit von 1920 bis 1940 liegen dem Verein keine Dokumente vor, dafür belegten Schriftstücke von 1941 eine behördlich angeordnete Schädlingsbekämpfung enormen Ausmaßes. Während des 2. Weltkriegs wurde offenbar auch ein Krieg gegen die Natur geführt: Im Obst-, Gemüse- und Ölfruchtbau wurden alle möglichen Gifte gespritzt und das Töten von Spatzen, Hornissen und Wespen als Schädlinge für Hühnerfutter und Obst war „dringend empfohlen“. 

Ein Kilo Obstkerne für zehn Reichsmark

Im September 1943 wurde erstmals die Sorte „Benediktbeurer Wachsrenette“ erwähnt. Ein Jahr später erbaute der Verein sein erstes festes Gebäude, eine Gerätehütte. Nach Kriegsende fehlte es nicht nur an Mitgliedern, sondern auch an Anzucht- und Unterlagenmaterial für Obstbäume. Um die Verhältnisse zu verbessern, veranstaltete der Verein Obstkernsammlungen und entlohnte ein Kilo mit zehn Reichsmark. 1947 wollte das Landrats­amt die Vereinshütte für Wohnzwecke beschlagnahmen, wogegen die Mitglieder vehement und erfolgreich protestierten. In den Folgejahren ging es langsam wieder bergauf, so konnte 1950 eine hydraulische Doppelpackpresse erworben werden. Mitte der 1950er Jahre half der Verein in den Gärten mit großen Leitern beim Baumschnitt aus und verteilte prächtig bepflanzte Blumenkästen an die Häuser. Ein Poststempel „Blumendorf Benediktbeuern“ zeugte in jener Zeit von dem verschönerten Klosterdorf. 1958 wurde schließlich das heutige Gebäude am Angerfeldweg erstellt, 30 Jahre später eine gebrauchte, generalüberholte Doppelpackpresse gekauft und Anbauten wie Keller, Lagerraum und Toilette vorgenommen. 

Kostenloser Apfelsaft für Kindergarten und Schule

Heute steht der Verein in voller Blüte: Knapp 400 Mitglieder zählt er, alleine in diesem Jahr kamen um die 20 neue hinzu. Sie alle profitieren von den Fachleuten, die bei monatlichen Gartlerstammtischen und regelmäßigen Infoveranstaltungen ihr Wissen über Streuobstwiesen, Obstbaumschnitt, Rosen und Sträucher, Wildblumen oder Schädlingsbekämpfung teilen. Der Verein hat sich eine flache Hierarchie gegeben und will „künftig vermehrt junge Leute aktivieren“, kündigt der stellvertretende Vorsitzende Winfried Schmitt an. Im Auge hat er dabei junge Familien mit Garten sowie Kinder, die bei Vorführungen selbst Obst pressen dürfen. Den Ertrag der 5.000 Quadratmeter großen heimischen Streuobstwiese stellt der Verein kostenlos der Gemeinde zur Verfügung, welche den Saft an Kindergarten und Schule spendet. Heuer werfen die 53 Obstbäume nicht ganz so viel Ernte ab wie im Vorjahr, die funktionierende Direktvermarktung aus der Region für die Region kann man damit trotzdem wunderbar aufzeigen. „Wir wollen das ökologische Bewusstsein bei der Bevölkerung steigern und den Grundstein für einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln legen“, betont Schmitt. Die Nachfrage nach Saft aus eigenem Obst sei auf jeden Fall vorhanden, weshalb man den Produktionsprozess künftig noch intensiver den Schulklassen und Kindergärten in der Region zeigen wolle. 

Eigene Früchte, echter Geschmack

„Zu den Grundsätzen unserer Obstpresse zählt, dass jeder Kunde den Saft aus seinen eigenen Äpfeln oder Birnen erhält und selbstverständlich auch bei der Verarbeitung zusehen und den Prozess vom Apfel zum Apfelsaft mit verfolgen kann“, erläutert Schmitt. Dabei kann man vor Ort warten, denn die Maschine verwandelt innerhalb nur einer Stunde ansehnliche zehn Zentner, das sind 500 Kilogramm, Äpfel in etwa 300 Liter hochwertigen Direktsaft. Eine recht hohe Saftausbeute, wie Schmitt betont, noch dazu mit dem unverfälschten Geschmack der eigenen Äpfel, denn Zusatzstoffe wie Zucker, Aromen oder Konservierungsmittel sucht man bei der schonenden, hygienischen Verarbeitung vergeblich. „Das unterscheidet uns von größeren, vorwiegend wirtschaftlich orientierten Lohnmostereien“, betont Schmitt. 

Obstpresse in regem Betrieb 

Die gute Qualität hat sich offensichtlich herumgesprochen, denn die Obstpresse füllt nicht nur den Saft für Vereinsmitglieder ab, sondern erhält Zulauf von Kunden aus dem großräumigen Umfeld, und das reicht von der Jachenau bis nach München-Grünwald. Auch die Digitalisierung hat inzwischen Einzug gehalten beim Garten- und Verschönerungsverein: Auf der neu gestalteten Homepage wurde für den Bereich der Obstpresse eine Online-Terminverwaltung eingerichtet. „Sie soll den Anforderungen unserer Kunden gerechter und an die jeweiligen Kapazitäten der Obstpresse angepasst werden“, erklärt Schmitt. Nach ersten Erfahrungen kommt dies sehr gut an, Kunden ohne Internetzugang können aber nach wie vor zur Terminvereinbarung vorbeikommen. Neu ist auch die Möglichkeit der bargeldlosen EC-Kartenzahlung, welche aus Gründen des Aufwands und der Sicherheit bevorzugt wird. cw 


Weitere Informationen über den Verein, aktuelle Termine und die Möglichkeit, sich als Kunde zu registrieren, findet man unter unter www.gvv-­benediktbeuern.de.

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