Boten vom Feld

Bayerischer Bauernverband plädiert für regionalen Einkauf, um das Klima zu schützen

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Appellieren an die Verbraucher, Regionales in den Einkaufskorb zu packen: Thomas Müller, BBV-Geschäftsführer in Weilheim, die stellvertretende Kreisbäuerin Maria Lidl, Landwirt und Gastronom Peter Höck mit Tochter Michaela und BBV-Kreisobmann Wolfgang Scholz (von rechts).

Penzberg – Keine Schelte soll es sein, kein erhobener Zeigefinger, kein Biss ins Gewissen. Peter Höck, Wirt des Märznhof in Nantesbuch und Landwirt, möchte Verbraucher darauf aufmerksam machen, was es bedeutet, regional zu konsumieren, vor allem aber, was es bedeutet, dies nicht zu tun. Auf seiner Seite weiß der Antdorfer dabei die Geschäftsstelle Weilheim des Bayerischen Bauerverbandes (BBV), die schon seit längerem an Kampagnen arbeitet, welche auf die Verbindung von Regionalität und Klimaschutz aufmerksam machen.

Er muss ein wenig fassungslos lächeln, wenn er an den Widerspruch denkt. „Einerseits wird nach Auflagen in der Landwirtschaft geschrien, anderseits soll der Umweltschutz steigen“, sagt Thomas Müller. Der Leiter der BBV-Geschäftsstelle in Weilheim sitzt wenige Meter von Höck entfernt auf der Terrasse des Märznhofs. Dabei, so betont der Geschäftsführer, müssten sich Natur- und Klimaschützer darüber im Klaren sein, dass die von der Landwirtschaft erzeugten Produkte im Grunde genommen Umwelt- und Klimaschutz fördern. Denn wer regional einkaufe, der schütze das Klima, so Müller. Doch die Aussicht auf immer strengere Auflagen machen es vielen Höfen, vor allem kleinen Betrieben, zunehmend schwer, an eine gewisse Zukunft zu denken. 

Dabei scheint es, als ob mit zweierlei Maß gemessen wird: „Bei uns werden Lebensmittel unter besten Bedingungen produziert“, betont Müller. Bei vielen importierten Lebensmitteln sieht das aber anders aus. Der Aufschrei der hiesigen Verbraucher bleibt da aber aus. Verärgert zeigt sich Höck, wenn Menschen auf Fleisch verzichten, diesen Verzicht aber mit Sojaschnitzel kompensieren. Schnitzel, dessen namensgebende Zutat nicht nur unzählige Kilometer nach Bayern zurücklegt, sondern bekanntermaßen auch alles andere als umweltfreundlich angebaut wird. In Höcks Märznhof gibt es dagegen Speisen, die aus regional erzeugten Lebensmitteln zubereitet werden. So kann sich der Wirt von der Qualität der Produkte selbst überzeugen. 

Maria Lidl, stellvertretende Kreisbäuerin, sitzt zu seiner Linken und nickt. „Dem Verbraucher ist es oft egal, wo ein Lebensmittel herkommt“, sagt sie mit ernster Miene. Vor allem bei weiter verarbeiteten Produkten wie Wurst oder Nudeln sei das der Fall. Und da wäre auch noch das Palmöl, das in so vielen Produkten zu finden ist. Um die Ölpalme anzupflanzen, wird Regenwaldholz abgebrannt. „Die Pflanze wird 20 Jahre genutzt, dann liegt die Fläche brach“, kritisiert die Landwirtin. Im Gegensatz dazu habe ein in Bayern landwirtschaftlich genutzter Ackerboden einen deutlich geringeren Kohlenstoffdioxid-Fußabdruck als eine Palmölplantage, ergänzt BBV-Kreisobmann Wolfgang Scholz. Ein gezielt optimierter und richtig bewirtschafteter Boden könne sogar den Klimaschutz fördern, indem er Kohlenstoffdioxid speichert, so Scholz.

Doch viele Verbraucher kaufen umwelt- und klimaschädliche Produkte nicht nur aus Unwissenheit oder Willkür, sondern auch aus Kostengründen. Gegen importiertes Fleisch und Milchprodukte aus dem Ausland haben regionale Lebensmittel da oft das Nachsehen, kein Wunder, müssen Landwirte hierzulande doch die vielen kostensteigernden Auflagen erfüllen. „Regionale Lebensmittel haben ihren Preis, und das sollen sie auch haben“, findet Lidl. Höck pflichtet ihr bei. Er glaubt, dass die Verbraucher drei bis fünf Euro mehr im Monat ausgeben würden. Doch bis es soweit ist, heißt es „aufklären und kämpfen“, so Höck. „Der Verbraucher muss nur begreifen, dass regional einkaufen Klimaschutz bedeutet“, meint Lidl. 

„Wir Bauern nehmen unsere Verantwortung ernst – für eine sichere Lebensmittelversorgung“, betont Müller, der dabei nicht nur Soja und Palmöl im Sinn hat. „In vielen anderen Regionen der Welt findet Umweltzerstörung und Raubbau an der Natur statt“, so der Mann vom BBV. Müller denkt da etwa an die Feedlots in Südamerika. „In der EU wird nach Vorgaben produziert, der Grad an Prozessqualität ist hoch“, erklärt Scholz. In Übersee sei das anders. Höck horcht auf und klopft auf ein Pappschild, das er mit an den Tisch gebracht hat. Darauf ist ein Bild einer solchen Rinderfarm zu sehen, darüber prangt die Frage „Tierwohl in Südamerika?“. Es ist eines der Plakate, mit denen der BBV für Essen aus Bayern und somit für regionalen Einkauf wirbt. Andere Plakate zeigen auch die heimische Viehwirtschaft. „Wir wollen diese Gegenüberstellung“, sagt Müller und lässt seinen Blick über die Wiesen von Nantesbuch streifen, Natur, die nicht durch Landwirtschaft zerstört wird. 

Doch nicht allein am Konsumenten wolle man ansetzen, auch an der Politik. „Die Agrarpolitik muss neu aufgestellt werden, die Betriebe brauchen gute Rahmenbedingungen“, fordert Müller. Und auch die Landwirte selbst sind gefragt. „Jeder Bauer muss reden. Manche machen das mehr, manche weniger“, sagt Scholz und ergänzt: „Jeder Bauer ist Botschafter“. Und ein paar dieser Botschafter möchte die BBV-Geschäftsstelle vom Feld und aus dem Stall holen. Derzeit sind Projektwochen unter dem Titel „Schule fürs Leben“ geplant, in denen Landwirte als Fachleute in die Schulen kommen und über Lebensmittel­erzeugung und -kennzeichnung, Klimaschutz oder auch Regionalität referieren. Im Gegenzug besuchen die Schüler dann den Betrieb des Landwirtes. „Wir wollen einen intensiven Kommunikationsaustausch“, betont Müller. Sowohl Kinder aus Grundschulen als auch Jugendliche weiterführender Schulen sollen Zugang zu dem Projekt haben, „wir wollen die Leute von unten bilden“, sagt Lidl und meint damit, bereits Käufer von Morgen aufzuklären und zu sensibilisieren. 

Höck geht das aber „zu langsam“, wie er sagt. Er möchte mit großen Plakaten an prägnanten Plätzen für Aufklärung sorgen. Doch um eine solche Aktion flächendeckend zu realisieren, müssten „mehr Bauern dabei sein“, sagt Scholz. Am bayerischen Milchförderungsfonds, in dem Mittel für Zentralwerbung liegen, beteiligen sich nur etwa 75 Prozent der bayerischen Bauern. Auch müsste der Satz erhöht werden und mehr Vertreter der verarbeitenden Branche gewonnen werden, ergänzt Scholz. Müller nickt: „Wir wollen uns nicht auf die Landwirtschaft beschränken.“ Vielmehr wolle man Verbündete finden. Verbündete, welche die regionale Erzeugung als Form des Klimaschutzes begreifen. ra

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