Eine ominöse Tür

„Penzberg – katholisch“: Ausstellung im Pfarrzentrum offenbart Erstaunliches

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Erstaunte Blicke: Heinrich Sollinger erläutert die Kreuzigungsgruppe, die einst in der Barbara-Kirche über dem Flügelalter (im Hintergrund) thronte. Beides überstand den Bombenangriff von 1944 relativ unbeschadet.

Penzberg – Die Bilder haben nichts an ihrer Strahlkraft verloren, obwohl sie jahrelang zwischen Gerümpel ihr Dasein fristeten. Auf dem Flügelaltar wissen sie noch immer zu wirken. Der Altar ist nicht das einzige Relikt aus der Barbara-Kirche, das nun im Pfarrzentrum Christkönig zu bestaunen ist.

Kirchen, zumal solche wie jene der Pfarrei Christkönig, sind ziemlich große Häuser mit sehr vielen Räumen, Zimmern, Kabinetten. Gut, im Kirchenschiff, da ist immer was los, vielleicht nicht so viel, wie der Pfarrer gerne hätte, aber immerhin. Auch die Sakristei wird regelmäßig frequentiert, da tut man sich schwer, wenn man etwas verstecken möchte. Aber dann gibt es Türen, die seit Jahrzehnten keiner mehr geöffnet hat und die zu Räumen führen, die unerwartete Schätze bergen. Vor solch einer Tür standen, ein paar Jahre ist das jetzt her, drei ältere Herren: Heinrich Sollinger, Sylvester Kohs und Gerhard Wieser, die in der Pfarrei Christkönig mit der ebenso ehrenvollen wie zeitintensiven Position der Archivare betraut wurden. Was sie da zu Tage befördert haben, bildet nun den Kern einer Ausstellung mit dem Titel „Penzberg – katholisch, 1899 bis 2019“. In deren Mittelpunkt steht der 1936 errichtete Flügelaltar aus der ehemaligen Barbara-Kirche. 

Bürgermeisterin Elke Zehetner ist verzückt: Soeben hat ihr Stadtpfarrer Bernhard Holz ein CD überreicht, darauf der Mitschnitt eines Dialogs zwischen dem von 1950 bis 1978 amtierenden Pfarrer Erich Beneke und dem damaligen Bürgermeister Anton Prandl. Versöhnlich klingen die beiden Herren, ja, man ist sogar zu Scherzen aufgelegt. Dabei hatten sie Monate zuvor noch erbittert gestritten. Beneke war ein entschiedener Gegner der Gemeinschaftsschule, in der katholische und evangelische Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollten. Prandl war ein ebenso entschiedener Befürworter. Ihre Auseinandersetzung sorgte Mitte der 1950er Jahre sogar bundesweit für Schlagzeilen, die beiden wurden als „Don Camillo und Peppone aus Penzberg“ sogar den Zeitungslesern in Hamburg ein Begriff. Am Ende musste Beneke klein beigeben, die Schule wurde gebaut. 

Pfarrer Holz schmunzelt, wenn er daran erinnert, und er schmunzelt noch mehr, wenn er sagt, dass die Ausstellung durchaus auch Kurioses zeige. Holz zitiert aus einem Schreiben des Bezirksamtmanns Frank vom 28. August 1878, in dem sich dieser mit dem Ansinnen der Penzberger zum Bau der Barbarakirche auseinandersetzt. Viel zu groß, viel zu pompös und vor allem viel zu teuer, urteilt der Amtmann, um sodann hinzuzufügen: „Auch ist denn noch nicht zu übersehen, dass – sei es auf 50, 60 oder 100 Jahre – das Bergwerk ausgebeutet sein und die Ortschaft Penzberg aber so wohl auf wenige Häuser zusammenschrumpfen wird, als sie jetzt emporgewachsen ist. Was soll dann mit einer so luxuriösen Kirche geschehen?“ Nun, die Geschichte Penzbergs hat den guten Mann eines Besseren belehrt, wie man an den Dokumenten an den Stellwänden erkennen kann. Dass diese Dokumente und eine stattliche Zahl an Exponaten aus der am 16. November 1944 bei einem Bombenangriff alliierter Flieger zerstörten Barbara-Kirche nun im Pfarrzentrum der Öffentlichkeit präsentiert werden können, ist zum einen dem Umstand zu verdanken, dass der vormalige Stadtpfarrer Josef Kirchensteiner von dem Wunsch eines Pfarrarchivs beseelt war. Und dann kam auch noch die Diözese Augsburg, die eine Inventarliste sehen wollte, die es aber gar nicht gab. „Da haben wir halt einfach mal angefangen“, sagt Sylvester Kohs und erinnert sich an große, verstaubte Kisten im Speicher des Pfarrhauses voller Papier. Zusammen mit Sollinger und Wieser begann er, immer am Mittwochnachmittag, mit dem Sichten, Sortieren, Ordnen, Fotografieren und Abheften. „Eine Heidenarbeit“, stöhnt Kohs noch immer. Während so das Archiv langsam Gestalt annahm, wurde das Drängen der Diözese nach der Inventarliste immer größer. Und so machten sich die drei Herren in der Kirche auf die Suche nach allem, was in so einem Bestandsverzeichnis aufgeführt gehört. „Und eines Tages standen wir dann oben auf der Empore vor dieser Tür“, erinnert sich Kohs. Kein Mensch wusste, für was dieser Raum gut sein sollte. Und als man aufgesperrt hatte, glaubte Sylvester Kohs, dass ihn gleich der Schlag treffen werde. „Der erste Eindruck war: alles nur Sperrmüll.“ Was Frauenbund und Kindergruppen in den vergangenen Jahrzehnten zu kirchlichen Festen gebastelt hatten, wurde da einfach hineingeräumt. „Wir haben einer Container geholt und alles weggeschmissen“, sagt Kohs. Doch dann traute er seinen Augen kaum: Plötzlich standen sie vor Relikten aus der Barbara-Kirche, von denen kein Mensch wusste, dass es sie noch gibt. Darunter auch der Flügelaltar, der eigens für Penzberg angefertigt wurde und der nun im Elisabeth-Raum des Pfarrzentrum ausgestellt wird, zusammen mit der ursprünglich über im thronenden Kreuzigungsgruppe. Das war aber noch nicht alles: Auch die Figuren der Heiligen Afra, Aloysius, Ulrich und Josef von Nazareth waren dort abgestellt worden, als die in den Ruinen der Barbara-Kirche errichtete Notkirche abgetragen wurden und man für sie in der neuen Christkönig-Kirche keine Verwendung mehr hatte. Am strahlendsten aus diesem nunmehr erstmals gezeigtem Fundus aber ist eine aus Gold und Silber gefertigte Monstranz, von der Heinrich Sollinger unter Berufung auf Experten aus der Augsburger Diözesanverwaltung sagt, dass sie um die 300 Jahre alt ist. 

Bürgermeisterin Zehetner zeigt sich jedenfalls sehr angetan darüber, dass im Jahr des Stadtjubiläums die Penzberger Geschichte um ein bislang eher unbekanntes Kapitel bereichert wird. Die Ausstellung im Pfarrzentrum ist noch bis zum 22. September zu sehen. Was danach mit den Exponaten geschieht, ist aber noch völlig unklar. Für einen Teil davon hat Pfarrer Holz vorübergehend einen Seitenaltar in der Christkönig-Kirche zur Verfügung gestellt. „Für eine Dauerausstellung haben wir im Pfarrzentrum aber leider keinen Platz“, bedauert Sylvester Kohs. Er hofft jetzt mit Heinrich Sollinger und Gerhard Wieser, dass sich noch eine Möglichkeit findet, zumindest die Relikte aus der Barbara-Kirche über die Ausstellung hinaus öffentlich zu zeigen. Denn eines möchte er auf keinen Fall: den Flügelaltar und die Heiligenfiguren für die nächsten Jahrzehnte wieder in den ominösen Raum auf der Empore zurücktragen. la

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