Wahres gepinselt

Expressiver Realismus bereichert Buchheim Museum

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Ausdrucksstark und wirklichkeitsnah, aber keineswegs so kühl wie die Neue Sachlichkeit ist der Expressive Realismus. Zu Werken dieser Epoche zählt ­Erich Glettes Blumentisch mit Mädchen von 1936 (hier ein Ausschnitt).

Bernried – Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nahe liegt, dachten sich die Mitarbeiter des Buchheim Museums wohl, als sie die Bilder für die Ausstellung „Wahrheitsmalerei. Expressiver Realismus aus der Sammlung Joseph Hierling“ an die Museumswände hingen. Vergangene Woche wurde die farbintensive Bilderwelt eröffnet.

Gerade einmal fünf Kilometer wohnt der Tutzinger Joseph Hierling vom Buchheim Museum entfernt. 1942 wurde er in München geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er als Fernsehkameramann, er war er Personalratsvorsitzender beim Bayerischen Rundfunk, Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in Bayern, er führte einige Jahre lang eine Galerie in München und war Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Fernsehen. Ein vielbeschäftigter, vielseitig interessierter und versierter Mann. Kaum zu glauben, dass Hierling bei all den Aufgaben Zeit fand, eine so stolze Sammlung aufzubauen. Die Werke häuften sich „über die Jahrzehnte hinweg und in enger Zusammenarbeit mit dem Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann“, weiß Sabine Bergmann, Pressesprecherin des Buchheim Museums. Zimmermann gilt als der Wiederentdecker des Expressiven Realismus. Er würdigte die Sammlung Joseph Hierling als „größte und qualitätsvollste Kollektion von Gemälden des Expressiven Realismus“, rezitiert Bergmann. 

Die Gemälde sind Bilder, die sich im Spannungsfeld zwischen Realismus und Abstraktion besonders wohlfühlen. Die Künstler des Expressiven Realismus feierten Erfolge in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen. In Auseinandersetzung mit dem Impressionismus, Expressionismus und der neuen Sachlichkeit waren sie in den Weimarer Jahren zu einer von malerischen Valeurs und kompositorischer Schönheit geprägten Malerei gelangt. Dies passte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in das Bild einer nach reiner Abstraktion strebenden Kunstgeschichte. Die Künstler und Ihre Werke wurden diskriminiert, sie galten als rückständig, obwohl sie genau das Gegenteil, den Fortschritt, suchten. Eine neue Generation trat schließlich an, sich einer neuen Wirklichkeit zu widmen, ohne dabei vom Expressionismus abzulassen. Zugleich besann man sich auf malerische Qualitäten und auf vorangegangene Strömungen zurück, die man kurzerhand verband. Heraus kam der Expressive Realismus, so wirklichkeitsnah, dass er auf den ersten Blick an die Neue Sachlichkeit erinnert. Von deren kühlen Distanz will diese Strömung aber nichts wissen, stattdessen widmet sich der Expressive Realismus den Themen des Lebens empathisch und beschwingt. 

Wahrlich Freude an der Schönheit dieser Werke schien Lothar-Günther Buchheim, Gründer des namensgleichen Museums, gehabt zu haben, der „einst die Vorstellung bestrickend fand, diese Bilder in der Nähe seiner Expressionistensammlung ausgestellt zu wissen“, rezitiert Bergmann. Die Sammlung Hierlings umfasst derzeit über 1.280 Gemälde sowie Skulpturen von über 300 Künstlern des Expressiven Realismus. 88 Werke von 53 Künstlern, deren Biografien die Werke textlich begleiten, sollen nun den Augen der Besucher ein Fest bereiten. Im benachbarten Expressionistensaal hängen zeitgleich die Gemälde der Brücke-Künstler aus den Sammlungen Gerlinger und Buchheim. Eine räumliche Nähe, die zeigt, dass der Expressionismus im malerischen genauso wenig Grenzen kennt wie im Zeitlichen. „Der Expressionismus ist keine abgeschlossene Epoche, im Gegenteil: Er vertritt die Ansicht, dass der Begriff die widerstrebenden Grundtendenzen verkörpere, die für die gesamte Kunst der Moderne bis zur Gegenwart maßgeblich sind“, erklärt Bergmann. ra 

Die Ausstellung „Wahrheitsmalerei. Expressiver Realismus aus der Sammlung Joseph Hierling“ ist bis 18. Oktober im Buchheim Museum der Phantasie zu sehen.

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