Ein Oscar für den Faserwickler

Rainer Kurek tüftelt in einer Sauna an revolutionären Lösungen für Autos und Flugtaxis

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Zwei Preise auf einmal: Bürgermeisterin Elke Zehetner gratuliert Rainer Kurek zu seinen Trophäen. Recht viel mehr darf man in dem Dampfbad unterm Dach des Glaspalastes nicht fotografieren. Könnten Prototypen für die Industrie darunter sein, sagt der Mann, der einfach nicht schwitzen mag.

Penzberg –  Wenn man wie Pierre Bischoff auf dem Fahrrad quer durch die USA strampelt, dann dürfte sich der extra leichte Flaschenhalter spätestens in den Rocky Mountains auszahlen. Dem normalen Radfahrer wäre das Teil aus der Penzberger Manufaktur aber wohl zu teuer.

Wer sich von seinem E-Bike durch die Gegend kutschieren lässt, dem sind solche Petitessen eh wurst. Aber nicht Rainer Kurek, einem von zwei Köpfen der Firma AMC, der nicht Krethi und Plethi im Blick hat, sondern den High-End-Bereich in Autos, Fahrrädern, Flugzeugen und in der Raumfahrt. Kurek ist ein Mensch, der gerne und viel redet, am liebsten über sich und seine Entwicklungen. So einen könnte man sich auch bei der Schweizer Ausgabe von AMC gut vorstellen. Die stellen zwar keine Flaschenhalter her, sondern sündteure Töpfe und Pfannen, die man nur dann kaufen kann, wenn man, Tupperware lässt grüßen, Teil einer Kochparty ist. Kureks Kochparty findet unterm Dach im Glaspalast statt, Penzbergs im Sommer vielleicht unwirtlichster Arbeitsplatz. Es ist heiß und schwül, Kurek aber trägt Sakko und raunt: „Man kann derzeit in der Welt nicht leichter bauen, als wir das tun.“ So was sagt sich mal schnell so dahin, doch wer jetzt die Stirn runzelt, dem hält Kurek zwei gläserne Trophäen unter die Nase: den German Innova­tion Award und den Altair Enlighten Award, den Oscar im Leichtbau, den AMC (die aus Penz­berg) mit zwei anderen Unternehmen vor knapp vier Wochen in den USA für einen Ultraleichtsitz erhielt. Dieser Sitz ist um zehn Kilo leichter als ein herkömmlicher Autositz. Man lernt: Was für Pierre Bischoff 30 Gramm sind, sind für die Ultra­leichtbranche zehn Kilo. Rainer Kurek lehnt sich zurück und strahlt, etwas ratlose Gesichter blicken ihm entgegen. Er merkt, dass seine Begeisterung über diese Leistung nicht spontan geteilt wird. Also sagt er etwas, das jeder kapiert: „Die Flugtaxis, die werden über kurz oder lang kommen. Und dafür braucht man ultra­leichte Teile.“ Die ratlosen Gesichter erhellen sich, Kurek ist jetzt zufrieden. 

Der 52 Jahre alte Maschinenbauingenieur entstammt einer Tüftler- und Leichtbaufamilie. Sein Vater Heinz hatte schon 1970 einen Sportwagen für den Eigenbedarf hergestellt. Mit seinem Sohn bastelte er dann 1998 den nur rund 800 Kilo schweren GT6, der immerhin bis zu 280 km/h schnell ist. Später war Rainer Kurek dann Projektleiter bei der Einführung des Audi A 4, ehe er im Jahr 2001 seine eigene Firma gründete, damals noch in Olching: AMC, Automotive Management Consulting. Der Tüftler wurde jetzt Berater, mehr als eine Dekade später aber wieder Tüftler. Vor vier Jahren etwa, kurz nach dem Umzug von AMC nach Penzberg, hatte Kurek, der inzwischen in Bichl lebt, begonnen, sich mit Fasern aller Art zu beschäftigen: Glasfasern, Basaltfasern und Naturfasern. Aus dem Leichtbauer wurde der Ultraleichtbauer. Und dann hatte sein Mitarbeiter Peter Faßbender die Idee mit dem Flaschenhalter. Das sogenannte xFK in 3D-Wickelverfahren war geboren. Und das funktioniert so: Hatte man bisher Fasern, zum Beispiel solche aus Carbon, immer großflächig und somit zweidimensional verarbeitet, so ist der Clou bei dem Flaschenhalter seine Dreidimensionalität. Die mit Harz imprägnierten Endlosfasern, die aus 48.000 Einzelfilamenten (von denen jedes dünner als ein Haar ist) bestehen, werden gewickelt, also ohne Unterbrechung verlegt. Dies verringert nicht nur das Gewicht, sondern erhöht auch die Belastbarkeit. Sofort ist man wieder beim Auto, das im Gegensatz zum Eiffelturm doch so klein erscheint, aber viel mehr an Belastung aushalten muss. Während der Turm in Paris vor allem statisch belastet wird, wirken auf das Auto oder auch ein Flugzeug jedoch vielfältige dynamische Belastungen: auf Zug, auf Druck, auf Biegung, auf Torsion. Wenn da künftig mehr gewickelt und folglich leichter gebaut wird, könnte dies ein technologischer Quantensprung sein. Rainer Kurek bemerkt jetzt, dass sein Publikum langsam versteht, um was es hier eigentlich geht. Deshalb spricht er jetzt vom Versagensfall, womit jene Situation gemeint ist, in der auch seine Wickelfasern der auf sie wirkenden Belastung nicht mehr standhalten. Er sagt dazu auf Denglisch: „Was passiert im misuse?“ 

Während es im Glaspalast unterm Dach trotz weit aufgerissener Fenster immer noch unerträglich heiß ist, mag der Mann im Sakko einfach nicht schwitzen. Besteht das Karomuster womöglich aus so leichten Fasern, dass das Sakko gar kein Sakko im herkömmlichen Sinn ist. Wäre dies tatsächlich der Fall, müsste Kurek auch wissen, ab welcher Temperatur das Karomuster reißt und der Einreiher einfach von ihm abfällt. Denn genau diese Präzision in der Prognose hat AMC, im Verbund mit der Leichtigkeit, nun in Michigan den Altair Enlighten Award eingebracht. „Wir können am Rechner den Versagensfall simulieren, das hat es bisher noch nicht gegeben“, sagt Kurek.

In der Sauna im Glaspalast liegt die Frontschürze eines Lamborghini. Daneben ein Stück in einem so knalligen Rot, als müsse es von einem Ferrari stammen, was es aber nicht tut, wobei Kurek auch nicht verrät, um was es sich hier genau handelt. Jedenfalls: ganz schön biegsam, das Teil. Sofort reicht einem Kurek das Vergleichsmodell aus seiner Wickelwerkstatt: Da muss man ganz schön drücken, der Widerstand ist ungleich größer. Man ist nun im Allerheiligsten von AMC, wobei es hier, im Tabernakel, eher aussieht, als hätte jemand vergessen, rechtzeitig den Gelben Sack zu bestücken. Da ein Stück Plastik, dort ein Teil, das an Fischer-Technik und somit an die eigene Jugend erinnert. Rainer Kurek ist jetzt nicht mehr ganz so gelassen, erste Schweißperken zeichnen sich auf seiner Stirn ab. „Sind da Protoypen dabei“, fragt er seine Mitarbeiterin, die zunächst abwinkt, ein paar Tage später aber trotzdem in der Redaktion anrufen und fragen lässt, ob man die Bilder, die man zu veröffentlichen gedenke, nicht vorher nochmal kurz sehen dürfe. Wenn da wirklich was Sensibles drauf wäre, also ein Teil, das von einem Unternehmen als Studie oder Prototyp in Auftrag gegeben wurde, dann wäre dies, so wird einem mitgeteilt, nicht vorteilhaft. Vorsichtsmaßnahmen wie diese kennt man in Penzberg sonst nur von Roche. Gerade deshalb ist Bürgermeisterin Elke Zehetner umso aufgeräumter. Auch sie mag nicht schwitzen, sie sagt aber mit Blick auf Kurek und den Ultraleichtbau-Oscar: „Penzberg tut es gut, im Bereich der Innovationen nicht nur einen big player zu haben und breit aufgestellt zu sein.“ Big player und misuse, es ist schön zu sehen, wie sich hier Wirtschaft und Politik auch sprachlich annähern. 

Zurück zum Flaschenhalter: Wenn man nicht wüsste, dass Pierre Bischoff im Glaspalast auch schon geschwitzt hat, könnte man fast annehmen, dass er irgendwo in Wyoming aus dem Sattel geworfen worden wäre, hätte man ihm gesagt, wo und wie sein Flaschenhalter entstanden ist. Im Tabernakel von AMC: An einem unscheinbaren Tisch wird hier noch von Hand gewickelt. „Das ist aber auch das Einzige, was wir selbst herstellen“, entschuldigt sich Rainer Kurek. Ansonsten wird hier von fünf festangestellten Leuten nur entwickelt, getestet, geprüft. Für Airbus zum Beispiel, wie Kurek verrät, oder die Raumfahrtindustrie. Überall dort, wo Gewichtseinsparung eine große, wenn nicht die entscheidende Rolle spielt, ist AMC in Verhandlungen. Auch wenn daraus noch kein konkreter Fertigungsauftrag entstanden ist, bleibt Kurek sehr gelassen. Es gibt weltweit offenbar keinen, der besser wickelt als seine Firma. Dabei setzt er große Hoffnungen auf Naturfasern, „denn dann könnten wir völlig regenerativ arbeiten“. Es wäre vielleicht der erste Beitrag der Auto- und Flugzeugindustrie, der dem Weltklima nicht weh täte. 

Jetzt gibt es aber erstmal den prämierten ultraleichten Autositz. Der ist zwar ultraleicht, aber für herkömmliche Autos „zu teuer“, wie Rainer Kurek bereitwillig einräumt. Die Zielgruppe für diesen, gemeinsam mit der schwäbischen Firma Cis Entwicklungstechnik und dem auf Polsterung spezialisierten österreichischen Unternehmen Alba tooling & engineering entwickelten Sitz liegt im High-End-Bereich. Bei den PS-Riesen von Toyota, McClaren oder Aston Martin. Das ist super fürs Renommee der Firma, hilft dem Weltklima aber nicht weiter. Deshalb setzt Rainer Kurek auf die Naturfasern. „Wenn wir nur noch damit arbeiten würden, wäre dies vollständig ressourcenschonend“, schwärmt Kurek. 

Während die Sport Utility Vehicles noch immer tonnenschwer über die Straße gleiten, scheint sich im Glaspalast zumindest eine Option abzuzeichnen, wie man den Klimawandel begegnen will. Dafür ist jede Maßnahme willkommen. la

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