Kein Karton für zwei

Spielen auf Abstand: Wie die Kleinsten im Kindergarten mit Corona umgehen

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Damit die Erzieher auf den neusten Stand sind, haben die Mädchen und Buben im AWOlino-Kindergarten ihre Erlebnisse von Zuhause festgehalten.
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Am evangelischen Haus für Kinder stapeln sich derweil Steine, darauf die Namen der Kinder, die sich gerade nicht so nah sein dürfen wie die kleinen Brocken.
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In Corona-Zeiten steht vieles still, aber sicher nicht der Alltag im evangelischen Haus für Kinder und im AWOlino-Kindergarten in Penzberg: Es geht mit dem Bollerwagen nach draußen zum Spaziergang,...
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...die neuen Hygieneregeln werden gelernt, wobei mal handgefertigte Plakate,...
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... mal bunte Kärtchen helfen.
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Außerdem wird viel gebastelt, zum Beispiel eine Mondlandschaft aus Styropor und Pappe Außerdem wird viel gebastelt, zum Beispiel eine Mondlandschaft aus Styropor und Pappe oder ...
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...auch, mit reichlich Seife, kleine Filzkunstwerke. 
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Kindern, die derzeit zuhause von ihren Eltern betreut werden, packen die Erzieher des AWOlino-Kindergartens Kreativtüten und stellen diese in einer Kommode am Eingang zur Abholung bereit.

Penzberg – Ein wenig wellig ist das Papier, wegradierte Bleistiftlinien lassen sich noch erkennen, eine gezeichnete Hand, die wohl zu klein war. Denn nun leuchten stattdessen zehn große Finger auf der unteren Blatthälfte. „Richtig Händewaschen“ steht auf der oberen. Dann folgen vier Regeln begleitet von einem gemalten Männchen, das erklärt, wie Haut und Nägel sauber werden. Da dürfte nun im evangelischen Haus für Kinder, wo der Zettel hängt, der Wasserhahn öfter aufgedreht werden. Und nicht nur dort, auch im AWO-Kindergarten werden die Kinder an verstärkte Hygienemaßnahmen herangeführt. Doch fernab solcher Regularien sind die Mitarbeiter der beiden Kindergärten darum bemüht, den Kleinen den Alltag zurückzubringen, den sie wochenlang vermisst haben. Und wer, wenn nicht Erzieher, Meister im Tonpapierschneiden, Wasserfarbenmalen und Geschichtenerzählen, könnten das auf kreative Weise schaffen.

Nach einem aufregenden Wochenende ist es nichts Ungewöhnliches, wenn die Kinder Montagmorgen die Erzieher anlächeln und von ihren Erlebnissen berichten, von Spielplatzabenteuern, Geburtstagsfeiern, Schwimmbadgeplansche, strahlend, glücklich, quirlig. Doch nach Wochen der coronabedingten Abstinenz hörten die Mitarbeiter im Haus für Kinder nicht allein das, sondern auch Sätze wie „Ich vermisse meine Freunde, aber sie kommen nach dem Coronavirus wieder“ oder „Ich durfte so lange Oma und Opa nicht mehr sehen“, erinnert sich das Team um Leiterin Susanne Teubner. Eines wird für die Erzieher dabei klar, nämlich dass die Kinder „diese Krise sehr bewusst wahrnehmen“, zumal sie nicht die gleichen Freiheiten genießen wie einstmals. Normalerweise können die Kleinen im Kindergarten frei umherlaufen, doch nun „mussten sie in ganz feste, geschlossene Gruppen eingeteilt werden, was für alle, auch für die Erwachsenen, viele Umstellungen mit sich brachte“, berichtet das Kindergartenteam. Und auch wenn die meisten Spielkameraden in dieselbe Gruppe eingeteilt wurden, so mussten doch manche Gefährten getrennt werden. „Dennoch haben sie Verständnis für die Situation“, sagen die Erzieher. Und mehr noch, sie wissen genau, wie sie sich verhalten sollen. So beobachteten die Mitarbeiter einmal mit Staunen und Freude zwei Kinder, die zusammen in einem Karton spielten, plötzlich sagte eines: „Wenn wir uns zusammen hinlegen, können wir ja gar keinen Abstand halten.“ Sätze wie diese bringen Teubner zum Lächeln, „Manchmal unterschätzen wir die Kinder“, sagt sie. Bedeckungen von Mund und Nase sind bislang kein allzu großes Thema im Haus für Kinder, die meisten Buben und Mädchen sind keine sechs Jahre alt und müssen daher ohnehin keine Maske tragen, auch wenn sich die ein oder andere Oma dennoch für den Enkel an die Nähmaschine gesetzt hat. 

Dass das keine Maske für einen Superhelden ist, wissen die Kinder genau, denn schon vor der Schließung wurde die Corona-Pandemie thematisiert, „weil damals bereits Verunsicherung zu spüren war“, erklärt das Kinderhaus-Team. Beim Raumwechsel die Hände zu waschen und auf Abstände zu achten, ist also nichts Neues für die Kinder, die sich auch nicht erschrecken, wenn der Paketbote plötzlich nicht nur mit einem großen Karton am Eingang steht, sondern auch mit einer bunten Maske im Gesicht. 

Und auch wenn es so scheint, die Corona-Krise ist nicht das bestimmende Thema im Haus, nach wie vor stehen die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt. „Unser Personal gestaltet den Alltag der Kinder zur Zeit sehr anregend, um den Kindern viele positive Erfahrungen in dieser herausfordernden Zeit zu ermöglichen“, betont das Team. Die Hände werden nicht allein beim Waschen seifennass, sondern auch beim Filzen, die Spielburg wird kurzerhand zum Puppentheater umfunktioniert, nach draußen geht es mit dem Bollerwagen zum Blumenpflücken und mit Wäscheklammern werden Astronauten für eine Weltraumszenerie gebastelt. Wenn die Leiterin auf all die bunten Basteleien blickt, auf die lachenden Kinder und ihre Erzieher, so zeigt sie sich sichtlich stolz. „Meine Mitarbeiter leisten derzeit sehr viel, um die Situation für die Kinder und deren Eltern gut zu gestalten. Es wird aufgrund der teilweise sehr kurzfristigen, politischen Änderungen sehr viel Flexibilität und Belastbarkeit von allen gefordert“, sagt Teubner und macht dabei deutlich, wie dankbar sie für ihr engagiertes Team ist. 

Dankbar zeigt man sich im AWOlino-Kindergarten auch gegenüber den Eltern, welche die Kinder wochenlang zuhause betreut haben. „Sie meistern diese Situation mit viel Verständnis und sind eine große Unterstützung“, sagt Einrichtungsleiterin Bianca Höfler. Zu den Kindern, welche nicht in die Notbetreuung in den Kindergarten kommen können, halten die Erzieher steten Kontakt. Am Eingang der Einrichtung können Eltern mit ihren Kindern täglich eine Kreativtüte abholen, und mit dieser ein Potpourri aus Bastelideen, Malvorlagen, Rezepten und Spielzeugen. So kehrt zuhause keine Langeweile ein und die Kinder verlieren nicht ganz die Verbindung zu ihrem alten Alltag an der Schulstraße 1. 

Einige Kinder basteln, schlummern und toben aber bereits wieder im AWOlino-Haus. Und diesen versuchen die Erzieher den Alltag so normal als möglich zu gestalten. „Dazu gehören unsere Rituale und Angebote“, erklärt das Team. Ungewohntes, wie das Tragen von Masken oder das unbedingte Wahren von Distanz, wird aber auch thematisiert, nicht schulmeisterlich, sondern spielerisch, im Morgenkreis oder bei speziellen Angeboten. Die Erzieher begeistert dabei nicht allein die Freude der Kinder, sondern auch deren Vorwissen, was auf „die gute Vorarbeit der Eltern“ zurückzuführen sei, ist sich das Team sicher. Auch den AWOlino-Erziehern entgeht in ihrer Arbeit eines nicht, „die meisten Kinder bekommen diese außergewöhnliche Zeit schon mit“, so Tobias Szekeli, der stellvertretende Einrichtungsleiter. Manche Kinder verstehen mehr, manche weniger. Doch spurlos geht diese Zeit an keinem Mädchen, an keinem Buben vorüber. „Nach meinem Eindruck bringen sie das Virus negativ in Verbindung“, so Szekeli. Die Frage nach dem Warum stellt sich nicht: Die Kinder konnten in den vergangenen Wochen nicht ins Schwimmbad, keine Freunde besuchen, keinen Eisbecher mit Pinocchio-Gesicht aus Schokolinsen oder Biene Maya-Streifen aus Lakritz essen. Und der Eindruck scheint die Erzieher nicht zu trügen, wenn sie die Kinder beobachten und reden hören. „Wegen dem Virus kann ich vielleicht meinen Geburtstag nicht feiern, und dann bekomm‘ ich weniger Geschenke“, rezitiert Szekeli ein um seine Präsente besorgtes Kind. Ein anders Kind ist dagegen um die Einhaltung der Hygienevorschriften bemüht, wenn es auf der Toilette appelliert: „Wasch‘ dir deine Hände gut, sonst bekommst du den Corona!“ Wie sich die Hände richtig reinigen lassen, erläutert im AWOlino-Kindergarten kein selbstgemaltes Bild, sondern ein Stapel bunter Erklärkärtchen. 

Einmal hat ein Kind dem Virus sogar gedroht, mit erhobener Hand und ernster Miene im Stuhlkreis: „Wenn ich diesen Corona in die Finger bekomm‘!“ Eine Einstellung, die wohl viele Menschen mit ihm teilen. Zwischen die Finger wird man das Virus im wörtlichen Sinne wohl kaum bekommen, mit regelmäßig gewaschenen Fingern kann man zumindest versuchen, es sich vom Leibe halten. Das wissen die Kinder genau, von denen manche Erwachsene glauben, dass sie nicht begreifen, was seit Wochen vor sich geht. Zu diesen zählen aber gewiss nicht ihre Erzieher. ra

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