Penzberger Dominoeffekt

Ein Ticket bis zum Olympiapark: Beitritt zum MVV so gut wie beschlossen

Ein Zug, ein Ticket: Künftig soll man von Penzberg nach München mit der Bahn fahren können, ohne verschiedene Fahrkarten lösen zu müssen.

Penzberg/Landkreis – In der jüngsten Kreistagssitzung in Weilheim wurde ein Grundsatzbeschluss pro Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) gefasst. Eine Entscheidung von großer Tragweite.

 Seit Monaten beschäftigt viele Pendler in den Landkreisen Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen, die mit der Bahn täglich zur Arbeit nach München müssen, vor allem ein Thema: Welche Vorteile hätte ein Beitritt der beiden Landkreise zum Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV)? Während sich der Kreistag in Bad Tölz schon vor geraumer Zeit für diesen Schritt ausgesprochen hat, zierte man sich in Weilheim lange. Jetzt aber fasste auch der dortige Kreistag einen Grundsatzbeschluss pro MVV. Allerdings herrschte am Ende der Abstimmung so große Verwirrung, dass nach wie vor unklar ist, ob sich auch jeder der Kreisräte der Tragweite seiner Entscheidung bewusst war. 

Bezeichnend für das Tohuwabohu: Ja, sagt Georg Leis, der Geschäftsführer des Weilheimer Landratsamtes, am Tag nach dem Schwur, der Kreistag habe eine Grundsatzentscheidung getroffen, allerdings nicht explizit für einen Beitritt zum MVV, sondern lediglich darüber, dass man einem einheitlichen Tarifverbund beitreten möchte. Unterm Strich kommt dies aber de facto aufs Gleiche heraus, weil der MVV weit und breit der einzige Anbieter eines solchen Konstrukts ist. Hinzu kommt, dass sich der Weilheimer Kreistag bereits Mitte Oktober hinter verschlossenen Türen nach einem Gespräch mit MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch einstimmig für einen Tarifverbund ausgesprochen hatte. 

Als das Gremium nun öffentlich tagte, ging es vordergründig lediglich um die Anträge von Wolfgang Sacher (BfL) und Klaus Breil (FDP), welche die Aufnahme einzelner Bahnhöfe in den MVV-Verbund gefordert hatten. Sacher hatte im April die Aufnahme der Bahnhöfe in Bernried, Seeshaupt, Iffeldorf und Penzberg beantragt, Breil schloss sich dem im Juni mit dem Wunsch um Ergänzung des Weilheimer Bahnhofs an. Bereits da war allerdings klar, dass diese Ansinnen keine Aussicht auf Erfolg haben würden: Wie Manfred Plonner, der ­ÖPNV-Sachbearbeiter im Landrats­amt, nun vor dem Kreistag ausführte, sei eine Anbindung einzelner Bahnhöfe nicht zielführend, da die Staatsregierung solche Insellösungen mit einzelnen Bahnhöfen ablehne. Strebe der Landkreis hingegen auch mit dem Busverkehr in einen Tarifverbund, sei die staatliche Förderung, die immerhin 86 Prozent der anfallenden Kosten beträgt, nicht in Gefahr. Unter diesem Licht betrachtet und eingedenk des Votums aus der nicht-öffentlichen Sitzung von Mitte Oktober ergibt der Wischi-Waschi-Beschluss des Kreistags plötzlich doch einen Sinn. Zumal Georg Leis über den künftigen Tarifverbund ganz ungeniert sagt: „Es wird der MVV-Tarif sein.“ 

Die Vorteile dieses Schritts liegen auf der Hand: Durch einen Beitritt zum MVV-Tarif könnten die Fahrgäste alle Verkehrsmittel innerhalb des Verbunds mit einem einheitlichen Fahrschein nutzen. „Das erleichtert den Ticketkauf“, so Agnieszka Urban, die stellvertretende Pressesprecherin der Bayerischen Eisenbahngesellschaft in München. Und sie fügt hinzu: „Der Preis für die Fahrt wäre durch die Zusammenfassung mehrerer Einzeltarife und die Anwendung der tariflichen Sonderangebote des MVV voraussichtlich günstiger.“ Wie hoch die Vergünstigung ausfällt, ist derzeit noch offen, die Verhandlungen dazu müssen noch geführt werden. 

Dazu braucht es verlässliche Daten, die eine Machbarkeitsstudie liefern soll, welche vom Kreistag Mitte Oktober ebenfalls beschlossen und an die MVV-Consulting vergeben wurde. In dieser Studie werden die bereits vorhandenen Bus- und Schienenverkehre betrachtet, Pendler- und Verkehrsströme gemessen sowie Einwohner- und Arbeitsplatzprognosen berücksichtigt. Aus diesen Daten werden dann die künftigen MVV-Tarifzonen für das neue Gebiet ermittelt. Für insgesamt neun Landkreise sowie die beiden kreisfreien Städte Rosenheim und Landshut wird eine solche Studie erstellt, Weilheim-Schongau soll dabei den Anfang machen. Ab Dezember 2020 werden ein Jahr lang in den Zügen die Fahrgäste gezählt, dies gilt auch für den Penzberger Stadtbus sowie den gesamten Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Für beide Landkreise ist derzeit ein Beitritt zum MVV-Verbund für den Fahrplanwechsel im Dezember 2023 angepeilt, allerdings hofft die Weilheimer Landrätin Andrea Jochner-Weiß, dass es schneller geht: „Wir würden gerne ein Jahr früher starten“, betont sie. Den Kreistagsbeschluss wertet sie trotz aller Verwirrung der Exekutive als „politisches Signal“ in Richtung München, dass man es mit dem MVV-Beitritt ernst meine. 

Dies wäre ganz im Interesse von Norbert Moy vom Fahrgastverband Pro Bahn: „So könnte man mit einem Fahrschein mit dem Bus von Schlehdorf bis zu einer beliebigen U-Bahnstation in München fahren“, blickt er schon mal voraus. Und eine Bahnfahrkarte etwa von München nach Penzberg gelte dann auch noch für den Penzberger Stadtbus, wenn Bahnhof und Busstrecke in derselben Zone liegen. Für Moy steht jedenfalls fest: „Insgesamt ist der MVV-Tarif günstiger als die vorhandenen Tarife anderer Unternehmen.“ 

Aber: Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Durch den Beitritt zum MVV hätten die Verkehrsunternehmen geringere Fahrgeldeinnahmen, welche die Aufgabenträger, also die Landkreise, ausgleichen müssten, warnt Moy. „Entsprechend dem Leistungsangebot kommen auf die Landkreise nicht unerhebliche Kosten zu“, betont er. Und: Der MVV-Beitritt bedeutet nicht automatisch auch mehr Verbindungen. Hier kommt es darauf an, was der Freistaat Bayern für den Schienenverkehr und die Landkreise für den regionalen Busverkehr bestellen. „Ein Vorteil wäre“, so Moy, „dass der MVV landkreisübergreifende Express-Buslinien organisiert.“ 

Zumindest was die Mindereinnahme auf der Schiene betrifft, kann der Landkreis auf den Freistaat hoffen. Das bayerische Verkehrsministerium hat zwischenzeitlich erklärt, die hier anfallenden Kosten für fünf Jahre zu zwei Dritteln und ab dem sechsten Jahr komplett übernehmen zu wollen. 

In Penzberg ist man mit dieser Entwicklung sehr zufrieden. „Ein Beitritt zum MVV bringt für unsere Pendler eindeutige Vorteile“, sagt Bürgermeisterin Elke Zehetner, die sich überdies darüber freut, dass nun auch der gesamte Kreistag diese Einschätzung teilt. Erleichtert auf das Weilheimer Votum reagiert man auch im Lois­achtal. Die dortigen Gemeinden Bichl, Benediktbeuern und Kochel, die an der Bahnlinie Tutzing-Kochel hängen, wären andernfalls von dem neuen Tarifgebiet abgekoppelt worden. „Für uns ist das eine sehr positive Nachricht“, sagt etwa Kochels Bürgermeister Thomas Holz. Und Penzbergs Stadtrat Wolfgang Sacher kann sich darüber freuen, dass sein Antrag auf eine Insellösung für einzelne Bahnhöfe im Osten des Landkreises Weilheim-Schongau einen Dominoeffekt ausgelöst hat, der bis an die Grenze ins Allgäu reicht. ms/la

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