Nicht gekannt, nicht vermisst

In Benediktbeuern wird über den gesellschaftlichen Rang des Naturschutzes diskutiert

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Auf der Suche nach mehr Anerkennung für den Naturschutz: Claus-Peter Hutter, Ursula Heinen-Esser, Lutz Spandau, Hannes Jaenicke, Christoph Schenck und Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz.

Benediktbeuern – Philosophisch klang der Titel schon, doch so lebensfern die Liebe zur Weisheit manchmal erscheint, sollte es nicht werden: Bei den 23. Benediktbeuerer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung ging es um die Frage, welche Anerkennung der Naturschutz in der Gesellschaft genießt.

Bei den 23. Benediktbeurer Gesprächen im Allianzsaal des Klosters traten Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen, Christoph Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, Claus-Peter Hutter, Präsident der Stiftung NatureLife International und Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz in Baden-Württemberg, sowie Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltaktivist, in eine Diskussion. 

Kein Landwirtschaftsbashing

Als Moderator Lutz Spandau die Ministerin aus Nordrhein-Westfalen ankündigt, gibt er ihr eine Steilvorlage, um mit Blick auf das erfolgreiche Volksbegehren zur Insektenrettung, die Landwirtschaft zu kritisieren. Doch als sich die Lippen von Ursula Heinen-Esser dem Mikrofon nähern, verkündet ihre angeraute Stimme: „Ich mach jetzt kein Landwirtschaftsba­shing“. Stattdessen zeigt sie sich dankbar, dankbar dafür, dass in Bayern ein solches Begehren realisiert werden konnte. Denn als sie dem Düsseldorfer Kabinett beigetreten war, habe sie als Umweltministerin, die immer Geld koste, am Katzentisch gesessen. Doch das habe sich nun geändert, teilt sie den über 350 Zuhörern mit, und kann und will sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Schließlich seien viele Forderungen des Volksbegehrens bereits in den Naturschutzgesetzen Nordrhein-Westfalens verankert. Und was die Landwirtschaft anbelange, so betont die 53-Jährige: „Wir sind alle selber schuld, dass es in der Landwirtschaft so ist, wie es ist“. In ihr Visier gerät dagegen die Politik, welche „mutiger in Umweltfragen“ agieren sollte. 

Von Mondlandschaften und aussterbenden Wölfen

Wechsel am Mikrofon: Christoph Schenck spricht und erklärt, warum es um den Umweltschutz so steht, wie es steht. Dass es Schätze auf der Erde gebe, sei klar, und auch, dass diese anerkannt werden. Doch das Bewusstsein müsse ins Handeln übergehen, mein Schenck, und Peter Garett ergreift – vom Band – das Mikro: „How could we sleep when the beds are burning“, schallt durch den Allianzsaal. Die Wach-Auf-Hymne von Midnight Oil. Aufwachen sollen die Menschen auch beim Anblick der Bilder und Fakten, die Schenck nun an die Wand projiziert. Von gefährlich starkem Bevölkerungswachstum („1.000 Millionen Menschen in Afrika 2050“), über die Verwandlung von Regenwäldern in Mondlandschaften durch den Abbau von Gold, bis hin zum Äthiopischen Wolf, „ein ganz heißer Kandidat fürs Aussterben“, so Schenck. 

Die Politik in der Pflicht

Und während Schenk mit Wahrheiten und Wölfen die Kehlen der Zuhören einzuschnüren weiß, lässt es Claus-Peter Hutter in den Kehlen vor Lachen gurgeln, ehe dieses angesichts der bitteren Wahrheit im Halse stecken zu bleiben droht. Mit einer Maske, welche das Gesicht von Greta Thunberg, der Initiatorin von „Fridays for Future“, zeigt, betritt Hutter die Bühne, wo er dann klarstellt, dass der „ökologische Staatsbankrott“ jeden etwas angehe. Denn: „Wenn eine Art verschwindet und ich kenne sie nicht, dann weiß ich nicht, dass mit der Umwelt etwas nicht stimmt.“ Was nicht gekannt, das nicht vermisst. Dementsprechend sei die „Wissens­erosion“ eine der größten Herausforderungen. Hinzu komme, dass sich der Natur- und Umweltschutz in einer Blase befinde. Diese platzen zu lassen, scheint das Plädoyer Hutters zu sein, jedenfalls appelliert er, bei den Menschen anzufangen, die Jäger, Fischer, Landwirte zu verstehen und zu erreichen. Zu beklagen wusste­ er daher Konzepte, die nur sagen, was falsch läuft, aber keine Lösungen liefern. Anstatt in Bereichen, die zur Genüge erforscht seien, ewig rumzuforschen, sollte das Handeln treten. Handeln und Handelnde, doch „Hannes Jaenicke kann sich nicht klonen, denn er ist, so weit ich weiß, gegen Gentechink“, scherzt Hutter zum Amüsement des Publikums und gibt damit geschickt das Wort an den Umweltaktivisten weiter, der radikaler ausdrückt, was Heinen-Esser bereits zu Beginn angedeutet hat. Die Politik sei untätig, und das „ist der Grund, warum ich so Rabatz mache“, sagt Jaenicke bestimmt und blickt dabei auf die To-go-Becher-Flut und PET-Flaschen-Welle, die Deutschland überschwappen, oder auch auf durch Nitrat und Mikroplastik verunreinigte Flüsse. 

Windparks versus Fledermäuse – die Widersprüchlichkeit im Naturschutz

Anschließend münden die Einzelvorträge in eine Diskussion. Stuhl an Stuhl beziehungsweise Sessel an Sessel schmiegen sich die Referenten, und auch ihre Meinungen zeigen sich anschmiegsam. Einig ist man sich auf dem Podium darin, dass die Politik handeln müsse. Und auch, dass Naturschutz nicht am Geld scheitere, sorgt bei fast allen für Kopfnicken. „Geld ist das geringste Problem in einem der reichsten Länder der Erde“, meint Schenck. Doch hier und da weicht die Anschmiegsamkeit einer leichten Kratzbürstigkeit. Zum Beispiel bei der Frage nach dem Umgang mit der Widersprüchlichkeit im Umweltschutz, zu der Moderator Spandau sogleich ein anschauliches Beispiel liefert: Windparks werden gebaut, um auf regenerative Energien zu setzen, doch rund eine Viertelmillion Fledermäuse fallen den Bauten zum Opfer, sagt Spandau, ehe er auf Heinen-Esser blickt und nach den Umgang mit solchen Problemen in der Politik fragt. Diese antwortet mit anderen Beispielen: Auf der einen Seite wolle man eine bessere Haltung von Schweinen, indem ihnen mehr Freilauf an der frischen Luft ermöglicht werde, auf der anderen Seite gibt es Emissionsregeln, welche eine Freilandhaltung verhindern. Auch gebe es seit Jahren ein Gesetz zur Luftreinhaltung in den Städten, und dennoch halten sich einige Städte einfach nicht daran. „Klingt nicht sehr hoffnungsvoll“, meint da Spandau, worauf die Ministerin kontert: „Okay, Herr Spandau, wie machen Sie das?“ 

Eine Frage, die nochmals die Krux im Naturschutz betont: die fehlenden Lösungen zu all den Problemen, die von Naturschützern angeprangert werden. ra

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