Mission Gold

Der Schreiner Florian Meigel will bei der WM der Handwerker den Titel holen

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Die Leidenschaft für das Holzhandwerk steht ihm ins Gesicht geschrieben: Florian Meigel vertritt Deutschland bei der WM der Berufe in Russland.

Benediktbeuern – Alle zwei Jahre findet der World-Skills-Wettbewerb, eine Weltmeisterschaft der Berufe, statt. Heuer lädt Russland als Ausrichter mehr als 1.300 junge Handwerker aus über 70 Ländern ein, ihr Können unter Beweis zu stellen. Auch ein Talent aus Benediktbeuern wird in Kasan antreten.

Florian Meigel wurde 2017 deutscher Meister im Schreinerhandwerk und qualifizierte sich damit automatisch für die Reise nach Russland. In der Penzberger Schreinerei Hundhammer beugt sich Meigel hochkonzentriert über den Zeichentisch. Er fertigt einen Abriss von jenem Teststück an, das zwei Meter neben ihm steht und möglicherweise in Kasan als Wettbewerbsaufgabe auf ihn zukommt. Der 20-Jährige ist so vertieft in seine Arbeit, dass er spät merkt, dass der Besuch ihm gilt. Routiniert erklärt er, was es mit den World Skills auf sich hat, schließlich ist der Schreinergeselle Interviews gewohnt seit er vor zwei Jahren deutscher Meister in seinem Handwerk wurde. „Im Bauschreinerbereich trete ich gegen Konkurrenten aus 23 Ländern an“, berichtet Florian. Jedem seiner Kontrahenten wurden vorab drei Teststücke zugesandt, von denen eines bei der WM drankommt. Derzeit übt er an einem Rednerpult mit hochklappbarem Fußteil, ein Entwurf aus Dänemark. Vielleicht bestimmt die Jury aber auch eines der anderen Werkstücke, alles Kombinationen aus 2D- und 3D-Modulen. Dann könnten das Türrahmenmodell eines Experten aus Taiwan oder der von einem Brasilianer eingereichte Stuhl die Aufgabe sein. 

Schon als Kind fasziniert vom Werkstoff  Holz

Nur ein paar Tage noch bleiben Meigel, um sich auf den Wettbewerb vorzubereiten, Arbeitsschritte zu üben und seine Fertigkeiten weiter zu perfektionieren. Längst hat er Schwielen an den Händen, aber das nimmt er gerne in Kauf. Die Leidenschaft für Holz habe er schon als kleiner Junge entwickelt, erzählt Florian. Zu seinem fünften Geburtstag hat er vom Vater eine Hobelbank bekommen, bald darauf sein erstes Werkzeug. Zu besonderen Anlässen mussten die Eltern nie lange nach Geschenkideen suchen, „ein professionelles Werkzeug war immer eine sichere Bank“, schmunzelt der sympathische junge Mann. Und wenn sein Onkel, von Beruf auch ein Schreiner, ihm hin und wieder Abfallholz mitbrachte, habe er sich unbändig gefreut. „Für andere war es Abfall, für mich war es faszinierend. Ich habe immer etwas darin gesehen, was ich daraus machen konnte“, erinnert sich Florian. Die vielen Basteleien aus seiner Kinderzeit, „Schmuckschatullen und solchen Quatsch“, hat seine Mutter alle aufgehoben. 

Meigels Meisterschaftsmarathon

Dass er nach der Schule eine Schreinerlehre begann, war keine Frage. Und in dem Jahr, als seine Ausbildung endete, begann ein wahrer Meisterschaftsmarathon für den jungen Schreiner. Mit seiner praktischen Gesellenprüfung, einem Beistelltisch, qualifizierte er sich für den Kammerwettbewerb. Diesen gewann er mit einer Soundbox, welche ihn wiederum für den Landeswettbewerb qualifizierte. Mit einem sogenannten „Taschenleerer“ gewann er auch die bayerische Meisterschaft und erlangte die Qualifikation zum Bundesentscheid. Dort holte er sich mit einem Schaukelstuhl die deutsche Meisterschaft und zugleich den Flug zu den ­World­ Skills 2019. 

Mit einer Floristin, einer Malerin und eine Fahrzeuglackiererin nach Russland

Der Werkstoff Holz begeistert Florian nach wie vor. „Holz hat so viel Potenzial, und es gibt unendlich viele Möglichkeiten, was man mit Holz tun kann“, schwärmt er und nennt etwa Formenverleimungen, Färben oder die Kombination mit Glas und Metall. Auf Kasan freut er sich riesig. Die sechstgrößte Stadt Russlands ist für ihre turmreiche Silhouette des Kasaner Kremls, einem UNESCO-Weltkulturerbe, berühmt, und war vergangenes Jahr einer der Austragungsorte der Fußball-WM. Im Gegensatz zu den deutschen Fußballern, die in Kasan glücklos ausschieden, will das deutsche Handwerker-Nationalteam die Stadt an der Wolga mit Erfolgen verlassen. Zu der buntgemischten Gruppe gehören auch Mädchen, etwa eine Floristin, eine Malerin und eine Fahrzeuglackiererin. Nach einem Pre Camp in Frankfurt reisen die jungen Leute gemeinsam nach Russland, wo sie sich bei Sightseeing und dem Besuch einer deutsch-russischen Schule zwei Tage lang eingewöhnen können.

Das Werkzeug ist schon einmal vorgereist

Am 24. August wird es dann ernst. Für den Wettkampf baute Russland eigens eine Expo auf 75.000 Quadratmetern, drei mal vier Meter davon gehören für vier Tage Florian Meigel. An seinem Platz findet er dann „hoffentlich“ sein eigenes Werkzeug wieder, die 700 Kilogramm schweren Toolboxen hat er bereits verschickt. An vier Wettkampftagen, die mit Arbeitsphasen und Pausen minutiös vorgegeben sind, bleiben ihm 22 Arbeitsstunden, um das geforderte Projekt samt Aufrisszeichnung herzustellen. Anschließend bewertet eine Jury die Werkstücke nach Kriterien wie Maßgenauigkeit, Oberflächenhaptik und Passform der Holzverbindungen, welche selbst angefertigt und nicht geleimt, sondern nur gesteckt werden. Präzises Arbeiten ist inmitten von Besuchergewimmel und Blitzlichtgewitter nicht einfach. „Solange es gut läuft, bin ich eigentlich relativ ruhig und konzentriert und trotzdem schnell“, sagt Florian. Wenn allerdings „was passiert“, fange er schon „ein bisschen zu rotieren“ an. Deshalb hat sein Trainer Michael Martin, der 2005 bei den World Skills in Helsinki Gold gewann, mit ihm geübt, die Nerven zu bewahren und sich nicht verrückt zu machen. Mehrfach ist Meigel zu dem Schreinerweltmeister ins Allgäu gefahren und hat auch Live-Trainings absolviert, etwa auf der Ligna-Messe in Hannover oder in Aargau, wo sich die Teilnehmer aus der Schweiz, Frankreich, Südtirol und Österreich mit dem deutschen Nationalteam öffentlich maßen. 

„Es herrscht keine Chancengleichheit“

Während die Bedingungen des Wettkampfes für alle gleich sind, trifft dies auf die Vorbereitung nicht zu. „In anderen Ländern werden die Teilnehmer in regelrechten Kaderschmieden teilweise mehr als drei Jahre lang auf den Wettkampf vorbereitet“, weiß Meigel. Den deutschen Teilnehmern bleiben hingegen für intensives Spezialtraining nur fünf offizielle Trainingswochen. „Es herrscht keine Chancengleichheit“, bemängelt er, Frankreich, die Schweiz, Brasilien und asiatische Länder förderten ihre Kandidaten ex­trem. Auch Gastgeber Russland, wo schon die Regierung starkes Interesse am Erfolg des eigenen Teams habe, um sich der Welt zu beweisen. Asiatische Länder loben als Preis für Medaillengewinner gar ein Haus aus, hat der Benediktbeurer gehört. Die deutschen Bestplatzierten können sich hingegen auf Sponsorenpreise wie Werkzeug oder Warengutscheine freuen. 

„Ziel wäre schon Gold“

Mit welchem Abschneiden in Kasan wäre er selbst zufrieden? „Ziel wäre schon Gold“, sagt Florian, der sich einen sehr hohen Ehrgeiz bescheinigt. Natürlich könne dies wegen der ungleichen Voraussetzungen schwer sein, aber andererseits „reizt es mich erst recht, ihnen zu zeigen, dass ich so viel Training gar nicht brauche“, erklärt er. Unter die Top 10 kommen will er auf jeden Fall. Auf seine Zukunft hat die Platzierung keine unmittelbare Auswirkung, ist Meigel doch schon an der Meisterschule in Garmisch angemeldet, wo er in drei Vollzeitsemestern bis Frühjahr 2021 seinen Meister ablegen will. „Danach schauen wir weiter“, sagt er. Vielleicht gehe er eine Zeit lang ins Ausland, um andere Arbeitskulturen kennenzulernen. Schweiz, Österreich, Japan, USA, Kanada – er sei für vieles offen und wolle in Kasan versuchen, den ein oder anderen Kontakt zu knüpfen. Auch ein Studium kann er sich vorstellen, vielleicht Architektur. Aber das ist noch Zukunftsmusik, erstmal richtet er seine ganze Energie auf die verbleibende Trainingszeit bis zum Abflug. Egal, ob mit oder ohne Medaille, wenn der begabte Schreiner Ende August nach Hause zurückkehrt, wird er sicher um einen großen Schatz an Erfahrungen reicher sein. cw

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