Probleme mit der Orientierung

SPD eröffnet Ausstellung über ihre Geschichte und diskutiert darüber, wohin sie will

+
Parteigrande Johano Strasser (rechts) widmete sich im Gespräch mit Stefan König der Frage, wie die Zukunft der Partei aussehen soll.

Penzberg – Wenn der SPD-Grande Johano Strasser seinen Besuch ankündigt, stehen die Mitglieder des Penzberger SPD-Ortsvereins Schulter an Schulter eng zusammen. Nichts, aber auch gar nichts war davon zu spüren, dass erst wenige Tage zuvor Ute Frohwein-Sendl angekündigt hatte, die Partei zu verlassen.

Wohl vor allem deshalb, weil die inhaltliche Ausrichtung der SPD vor Ort nicht mehr in ihre Vision von einer betont sozialdemokratischen Partei passte. Um genau dieses Thema, „Wohin führt die SPD der Weg?“, ging es in dem Gespräch zwischen dem stellvertretenden Ortsvorsitzenden Stefan König und Strasser. Zuvor wohnte Penzbergs sozialdemokratischer Adel, allen voran Bürgermeisterin Elke Zehetner und Altbürgermeister Hans Mummert, der Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre Stadt. Und mehr als 100 Jahre SPD in Penzberg“ bei. 

Wer in Berlin über den Rosa-Lu­xemburg-Platz geht, findet einen Satz in Messinglettern seitlich der Bürgersteige in den Boden eingelassen: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Johano Strasser bemühte den Leitspruch der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, korrigierte letzteren Ausruf in Solidarität und widersprach damit Stefan König, der sich und seine Partei auf der Suche nach den Grundwerten der SPD sah: „Wir haben keine Schwierigkeiten mit den Grundwerten“, so Strasser, welcher von Anfang an der SPD-Grundwerte-Kommission angehört, eher hapere es an der Umsetzung der „Dreifaltigkeit“, vor allem mit der Herstellung sozialer Gerechtigkeit. Die Gefährdung der sozialen Gerechtigkeit ist laut Strasser immer eine Gefahr für die Demokratie, in der alle Mitglieder einer Gesellschaft in etwa die gleichen Möglichkeiten haben sollten. Gefragt nach seiner Meinung zu Ökologie und Digitalisierung befand Strasser, dass sich die SPD schon immer mit „grünen“ Themen befasst habe, blöd nur für die SPD, dass andere Parteien das Grün in ihrem Namen tragen. Im Zusammenhang mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz stellte Strasser eine Verkürzung der Arbeitszeiten zur Disposition. Schließlich habe sich Deutschland in der Vergangenheit vor noch schlimmeren Massen­entlassungen und noch höheren Arbeitslosenquoten nur dadurch retten können, dass sich die Arbeitszeit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis heute mehr als halbiert habe. 

Johano Strasser forderte zur Geschlossenheit auf, zu inhaltlichen statt Personaldebatten und appellierte daran, der kommunalpolitischen Ebene mehr Gewicht zu schenken. Wo, wenn nicht an der kommunalpolitischen Basis, könnten die Bürger besser mitwirken? In einem seiner Bücher schrieb der Kritiker wie treue Gefährte der SPD: „Allzugern würde ich glauben, dass dies meine SPD ist: eine Versammlung kritischer, selbständiger Köpfe, klar in ihren Grundsätzen und unerschütterbar in ihrem Engagement für die Mühseligen und Beladenen, aber jederzeit bereit, sich der veränderten Realität zu stellen, diskussionsfreudig, misstrauisch gegenüber hohlen Phrasen und bombastischen Inszenierungen, an nichts als der Wahrheit interessiert und mutig, wenn es darum geht, das schlechte Bestehende zu verändern.“ 

Auch die SPD folgte in dem abendlichen Zwiegespräch aber letztlich dem bei anderen Parteien abgeschauten Muster, die AfD zu verteufeln. Freilich, die Ausrichtung der AfD ist ein Thema, aber wenn es darum geht, zu bedauern, dass ihnen die AfD Mitglieder und Wähler weggeschnappt hätte, macht die SPD keine Ausnahme. Anstatt der Ursache auf den Grund zu gehen, weswegen sich Menschen von etablierten Parteien abwenden und sich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen, hetzt man schon fast obligatorisch gegen die Abtrünnigen. 

Und weil schließlich die Kommunalwahlen anstehen, bei denen es am 15. März auch für Elke Zehetner ans Eingemachte geht, ließ es sich die Rathauschefin nicht nehmen, gemeinsam mit Hans Mummert, dem SPD-Ortsvorstand und Mitglieder der Stadtratsfraktion die, so Ortsvereinschef Bayram Yerli, „kleine, aber feine“ Ausstellung im Foyer der Stadthalle zu eröffnen. Zu sehen sind dort teilweise Originaldokumente, die durch die vergangenen einhundert Jahre der SPD in Penzberg führen. Mummert erläuterte die einzelnen Plakate, welche die einzelnen Etappen der SPD-Geschichte skizzieren. Die Ausstellung „100 Jahre Stadt. Und mehr als 100 Jahre SPD in Penzberg“ ist bis zum 24. November zu sehen – und zwar donnerstags und freitags von 16 bis 20 Uhr sowie samstags und sonntags von 11.30 bis 20 Uhr. sg

Auch interessant

Meistgelesen

Breitfilz: Stadt bevorzugt einen Verein, den aber wollen die Schrebergärtner nicht
Breitfilz: Stadt bevorzugt einen Verein, den aber wollen die Schrebergärtner nicht
Horrorfahrt eines Heilbrunners (34) in München: Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Drogenkonsum
Horrorfahrt eines Heilbrunners (34) in München: Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Drogenkonsum
FDP nominiert Stadtratsliste und unterstützt den CSU-Bürgermeisterkandidaten
FDP nominiert Stadtratsliste und unterstützt den CSU-Bürgermeisterkandidaten

Kommentare