Dazwischen der Tisch

Nach Lockerung der Kontaktsperre freuen sich die Senioren im Steigenberger Hof wieder über Besuch

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Konnten endlich wieder ein Gespräch auf Augenhöhe führen: die 100-jährige Veronika Fellner mit ihrer Tochter Lydia Wallner am Muttertag.

Penzberg – Im Grunde genommen ist es dasselbe Prinzip: Während im Supermarkt Einkaufswagen an der Kasse dafür sorgen, dass auch wirklich genug Abstand unter den Kunden eingehalten wird, sind es im Steigenberger Hof die Tische, die Bewohner und Angehörige mindestens eineinhalb Meter voneinander trennen. Eine Distanz, die Töchter und Söhne aber nicht davon abhielt, am Muttertag in das Seniorenheim zu kommen.

Seit dem vergangenen Wochenende dürfen Senioren in betreuten Einrichtungen endlich wieder ihre Familie und Freunde empfangen, nicht alle auf einmal, sondern nacheinander. Aber immerhin. Obwohl bereits am Samstag die Türen hätten geöffnet werden dürfen, entschloss man sich im Steigenberger Hof, noch einen Tag zu warten. Keine schlechte Idee, schließlich lockt der 10. Mai als Muttertag in der Regel viele Besucher an. Und in der Tat: „Es gab viele glückliche Gesichter und Freudentränchen“, lächelt Einrichtungsleiterin Sibylle Pichler. Auf Umarmungen, Händchenhalten und Küsschen auf die Wange mussten die Senioren und ihr Besuch aber weiterhin verzichten. Eineinhalb Meter Mindestabstand und ein Mundnasenschutz im Gesicht machten jegliche Form von Zärtlichkeit und körperlicher Zuneigung unmöglich. Doch immerhin sahen die Senioren endlich wieder in die Augen ihrer Liebsten. 

Das war in den vergangenen Wochen nicht möglich: Zwar konnten die Bewohner videotelefonieren, doch das bekannte Gesicht und die gewohnte Stimme wirkten am Bildschirm und durchs Mikrophon gar nicht mehr so vertraut. Auch konnten die Senio­ren vom Balkon aus ihren Besuch, der unten im Garten wartete, zuwinken oder mit Kindern, Enkeln und Freunden ein Gespräch führen, aber Nähe ist doch etwas anderes. „Und manche hören ja auch nicht mehr so gut“, sagt Pichler. Intime Unterredungen sind da kaum möglich, wenn alle Welt lauschen kann. 

Unter strengen Schutzregeln machten die Pfleger am Muttertag nun wieder leise Gespräche möglich. „Wir mussten vorab der Heimaufsicht ein Hygienekonzept vorlegen“, sagt Pichler. Dank diesem darf seit vergangenem Sonntag jeder Bewohner einen Besucher pro Tag empfangen. An Tag eins der gelockerten Kontaktsperre im Steigenberger Hof, am Muttertag, kamen rund 50 Besucher an die Seeshaupter Straße. „Wir haben drei Besuchstische in verschiedenen Räumen aufgebaut“, erzählt Pichler. Jeder Besucher musste vorab telefonisch einen Termin vereinbaren, in der Einrichtung war dann ein Mundnasenschutz zu tragen, die Hände mussten desinfiziert und der Name in ein Gästebuch eingetragen werden. Erst dann ging es für Freunde und Familienangehörige, wohl aber allen voran Töchter und Söhne, an den Besuchstisch, für eine Viertelstunde. Das enge Zeitfenster ist angesichts des hohen Personalaufwandes rasch erklärt, denn jeder Besuch wird von einem Mitarbeiter begrüßt und registriert und von einem weiteren Mitarbeiter an den Tisch begleitet. Ein dritter Mitarbeiter holt derweil den Bewohner vom Zimmer ab und bringt diesen nach dem Gespräch wieder dorthin zurück. 

Zurück ging es für die Senioren dann meist mit einem Strauß, „fast jeder Besuch hatte Blumen dabei“, strahlt Pichler, die weiß, dass eineinhalb Meter Abstand noch zu viel ist, um den Senioren jenes Gefühl von Nähe zu geben, das sie brauchen. Doch immerhin „können sie sich wieder unterhalten“, ist Pichler zufrieden. 

Seit rund einer Woche herrscht nun wieder mehr Leben im Steigenberger Hof, über den Wintergarten kommt der Besuch ins Innere, über den Haupt­eingang geht es wieder nach draußen. „Wir haben eine Art Schleuse eingerichtet“, so Pichler zur Trennung von Ein- und Ausgang. Die Möglichkeit, am Tablet via Videokonferenz die Liebsten zu sehen und zu hören, bleibt bestehen, doch dieses Angebot „nutzen nur wenige“, sagt die Leiterin, die für die Besuchstische bereits Trennwände aus Plexiglas bestellt hat, doch die lassen noch auf sich warten und scheinen so rar zu sein wie Einwegmasken noch vor wenigen Wochen. „Die kriegt man gerade nicht“, meint Pichler. 

Die Bewohner dürfte der Verzug nicht stören, denn nachdem die Senioren in letzter Zeit die Verwandtschaft nur am gläsernen Bildschirm des Tablets oder vom Balkon aus sehen konnten, wollen sie ihre Liebsten nun gewiss nicht durch Spuckschutzwände betrachten.ra

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