Bauchschmerzen hoch drei

Walchenseer Bürger empört: Brandbrief gegen zusätzliche Parkplätze

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Run auf den Walchensee: An sonnigen Tagen ist das Ufer eh schon überlaufen, dass jetzt noch mehr Parkplätze ausgewiesen werden, erzürnt die Anwohner.

Kochel – Ende Juni holte sich Bürgermeister Thomas Holz vom Gemeinderat die Zustimmung ein, in diesem Sommer auf einer 9.500 Quadratmeter großen Wiese der Bayerischen Staatsforsten am Walchensee übergangsweise einen zusätzlichen Parkplatz zu errichten. Zwei Wochen später flattert dem Rathauschef nun ein Brandbrief ins Haus. Viele Walchenseer sehen in der Maßnahme offenbar keine Entlastung, sondern befürchten im Gegenteil eine weitere Belastung durch ein massives Überschreiten der Kapazitätsgrenze. Mit der Bitte, ihre Entscheidung zu überdenken, richten sie sich direkt an die Gemeinderäte.

Der temporäre Ersatzparkplatz auf der Wiese, die sonst als Hubschrauberlandeplatz dient, soll bis zu 250 Fahrzeugen Platz bieten und immer dann öffnen, wenn die beiden bestehenden Großparkplätze an der Herzogstandbahn und gegenüber dem Wikingerdorf „Flake“ voll sind. Bürgermeister Holz begründete das Vorhaben mit der besonderen Situation, „um den Corona-Ansturm von Tagesausflüglern und Inlandsurlaubern in diesem Sommer abzufedern“. Man könne niemandem verbieten, in die Region zu kommen, stellte er fest, auch wenn er Ausflüglern dazu rate, „in eine andere Region weiterzufahren, wenn bei uns alle Parkplätze voll sind“. Sei die Kapazitätsgrenze erreicht, müsse man eben ein anderes Mal wiederkommen, fand Holz. 

Auf die Kapazitätsgrenze nimmt auch der Brandbrief Bezug, allerdings sieht die Gruppe um Julia Schuster diese bereits dann erreicht, wenn beide großen Parkplätze im Ortsteil Walchensee besetzt sind. „Es hieß, man könne die Anwohner nicht absaufen lassen“, zitiert die Betreiberin des Strandcafés Bucherer den kürzlich vor Ort weilenden Staatssekretär Gerhard Eck. Aber genau das tue der Gemeinderat, wenn er der Ausweisung einer neuen Parkfläche zustimme. Gerade in der jetzigen Situation, in der es Beschränkungen in Restaurants und Bergbahn, Abstandsregeln auf Badewiesen und Wanderwegen sowie „immer noch keine öffentlichen Toiletten“ gebe, müssten Parkflächen eher reduziert statt ausgeweitet werden, heißt es in dem Schreiben. „Wo sollen all die Menschen hin und wo gehen sie auf die Toilette?“, fragen die Unterzeichner. Die von Bürgermeister Holz geschilderte Verdoppelung der Dixi-Klos an stark frequentierten Plätzen, deren erhöhter Reinigungsrhythmus sowie die auf Nachfrage von Reinhard Dollrieß angekündigten Fortschritte bezüglich der Errichtung einer festen WC-Anlage, schienen da zu verpuffen. 

Sie seien froh, dass durch Polizei, Ranger und bauliche Maßnahmen das Wildparken am Walchensee nun eingedämmt und sanktioniert werde, teilen die Anwohner mit, einen neuen Parkplatz halte man hingegen nicht für die Lösung der Probleme, sondern für einen „Sprung in die falsche Richtung“. Innerhalb weniger Tage hat Schuster mehr als 100 Unterschriften gesammelt, weitere werden wohl folgen, denn noch sind einige Listen unterwegs. „Die Anwohner sind gegen einen neuen Parkplatz, der Bund Naturschutz sieht dies ebenfalls mehr als kritisch, und auch das Walchenseekonzept sieht gar keine Errichtung von neuen Parkflächen im Ort vor“, zählt Schuster auf. Auch die Befürchtung, dass aus „temporär“ letztlich „regulär“ werden könnte, wird im Schreiben erwähnt. Mit dem Resümee „Wachstum hat seine Grenzen und die sind am Walchensee erreicht“ sowie der Bitte, diese Entscheidung, die „nicht im Sinne der Anwohner und der Natur“ getroffen worden sei, noch einmal zu überdenken, endet der Brandbrief. 

Die beiden Walchenseer Gemeinderäte Reinhard Dollrieß und Frank Sommerschuh (beide FWG) gehören übrigens nicht zu den Unterzeichnern. Sie hatten im Gemeinderat dem Beschluss sogar zugestimmt, der nur mit der Gegenstimme von Sonja Mayer (Mitte) gefasst wurde. „Wir haben im Vorfeld lange diskutiert und waren hin- und hergerissen“, teilt Sommerschuh auf Anfrage mit. Zwar wolle man eigentlich keine neuen Parkplätze und sehe auch die fehlende Infrastruktur wie Toiletten, Mülleimer und eine Ampel, räumte er ein. Auf der anderen Seite fielen durch Verbauungen entlang der Bundesstraße und in Wohnstraßen sowie die geplanten Parkverbotszonen von Urfeld bis Einsiedl auch einige Parkplätze weg, so dass man durchaus von einer Entlastung für die Anwohner ausgehen könne. Man verstehe die Bedenken, habe aber hinsichtlich der diesjährigen Sondersituation einer temporären Parkfläche zugestimmt, erklärt Sommerschuh und gibt freimütig zu: „Mit Bauchschmerzen hoch drei.“ cw

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