Spontanität aus Öl und Benzin

Buchheim Museum: Daniel Schreiber bringt einem Corinth, Heckel & Co. näher

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Sind nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören: Emil Noldes „Araber“, Erich Heckels „Der schlafende Pechstein“ und Ernst Ludwig Kirchners „Waldspaziergang“.
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Sind nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören: Emil Noldes „Araber“, Erich Heckels „Der schlafende Pechstein“ und Ernst Ludwig Kirchners „Waldspaziergang“.
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Sind nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören: Emil Noldes „Araber“, Erich Heckels „Der schlafende Pechstein“ und Ernst Ludwig Kirchners „Waldspaziergang“.

Bernried – Sein Sprechen gleicht einem Schwärmen, das sich jedoch niemals in den Gefühlen verliert. Er bewahrt stets die Fassung, wenngleich er nicht verbergen kann, wie sehr ihm das gefällt, was er sieht. 

Seit ein paar Wochen ist das Buchheim Museum coronabedingt schon geschlossen, doch nun nimmt Direktor Daniel Schreiber virtuelle Besucher mit auf eine Führung durch das Museum, wenn er herausragende Werke der Sammlung mit einer Lebendigkeit vorstellt, die selbst Banausen nicht kalt lässt. 

Dass sich auf der Homepage des Buchheim Museums virtuell durch die Sammlung spazieren lässt, ist längst kein Geheimnis mehr. Genau 155 Werke lassen sich online betrachten, und nicht nur das: sie werden auch ausführlich beschrieben. Für Museumsbesucher auf Entzug gewiss vergnüglich. Doch nun wartet das Museum mit einem weiteren Coup auf, der dafür sorgt, dass die Augen sich voll und ganz auf ein Gemälde konzentrieren können, während die Ohren die Informationen auffangen. 

Zweimal in der Woche werden Audiodateien auf www.­buchheimmuseum­.de/audioguide online gestellt. Dort ertönt dann Schreibers Stimme und mit ihr eine auf wenige Minuten komprimierte Werkanalyse, die nichts gemein hat mit dem, was Schüler im Kunstabitur mit viel Mühe und Qual erstellen. Und das, obgleich Schreiber in einem Aufwasch das Gemälde beschreibt, das Dargestellte erläutert, das Werk in die Geschichte einordnet und sich zu Stil und Leben des Künstlers äußert. Doch dem Museumschef gelingt es, die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu halten. „Das macht er wirklich gut“, lächelt Sabine Bergmann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Museum. Spontan aus dem Hemdsärmel schüttelt Schreiber seine Worte freilich nicht, doch trotz guter Vorbereitung wirkt sein Sprechen nicht gestelzt, nicht abgehoben, wie es bei so vielen Kunstexperten der Fall ist. Seine Worte wollen nicht mehr sein als das Bild, dem sie sich widmen und das sich großformatig am Bildschirm unmittelbar neben dem Play-Button befindet. 

Die erste Werkvorstellung habe über 1.000 Klicks gehabt, freut sich Bergmann, die weiteren Hörspiele um die 800. Eine solide Resonanz, die vielleicht darin begründet liegt, dass Schreiber den Betrachter und Zuhörer mit einem „Wir“ mitnimmt oder mit „Schauen Sie mal“ etwa dazu auffordert, doch einmal einen genaueren Blick auf Ernst Ludwig Kirchners „Waldspaziergang“ zu werfen, um zu entdecken, dass das Besondere des Bildes an den Rändern zu entdecken ist. Denn unten rechts findet sich, aus Ölfarbe mit Benzin gemischt, ein spontaner Malakt, der Schreiber dazu veranlasst darüber nachzudenken, welche Bewegungen Kirchners Pinsel auf dem Bild wohl gemacht haben. Bei Erich Heckels farbkräftigem und kontraststarkem „Der schlafende Pechstein“ animiert Schreiber dagegen den Betrachter, sich in den Dargestellten hineinzuempfinden, um zu fühlen, „was für hitzige Sommerträume der junge Mann da hat“. Um reine Objektivität scheint Schreiber bei seiner kleinen Führung durch die Sammlung nicht bemüht zu sein, zum Beispiel wenn er Emil Noldes „Araber“ betrachtet und dabei in seinem Schwärmen Vokale langzieht und nach dreieinhalb Minuten zu dem Schluss kommt: „Noldes Bilder lassen mich nie unberührt.“ 

Gänzlich unberührt ist dagegen das Parkett im Buchheim Museum, zumindest seit ein paar Wochen. Nur das Museumsteam streift durch die Räume und an den einsamen Werken vorbei. Gestern feierte der Penz­berger DJ Rupen dort seine Party „Tanz in den Mai“, jedoch ohne Publikum allein zwischen den Gemälden. „Seine Musik wird ins Netz gestellt, als Streaming für zuhause“, sagt Bergmann. Und so erklingen auf der Homepage des Museums nicht nur Schreibers Worte, sondern auch tanzbare ­Beats. ra

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