Rosenkrieg am Beckenrand

Warum das Familienbad um 5 Millionen Euro teurer wird: ein Erklärungsversuch

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So soll es nun definitiv aussehen: das Familienbad mit geänderter Fassade aus Metall- statt Keramikelementen und einem großzügiger bemessenen Rutschenturm.

Penzberg – Es ist jetzt gut eine Woche her, seit der Verwaltungsrat der Stadtwerke erfahren hat, dass sich der Neubau des Familienbades um 5,4 Millionen Euro auf nunmehr 25,4 Millionen Euro verteuern wird. Der erste Schock ist deshalb den Gesichtern entwichen, als Stadtwerke-Chef Josef Vilgertshofer, Bürgermeister Stefan Korpan, Projektsteuerer Jens-Wilhelm Brand und der Verwaltungsrat vor die Presse treten und erklären, wie es dazu kommen konnte. Einem, der nicht mit am Tisch sitzt, hat man dabei die Hauptrolle zugedacht: Wolfgang Gollwitzer, der Architekt, auf den man in Penzberg so große Hoffnungen gesetzt hat, von dem man sich aber dann Ende März getrennt hat, weil in dessen Planung ganz offenbar zu viele zu gravierende Mängel aufgetreten waren.

Es ist dies ein Tag, den man durchaus in die Kategorie „seltsam“ einordnen kann. Da sind die Damen und Herren aus dem Verwaltungsrat mit dem Stadtwerke-Chef und dem Projektsteuerer angetreten, um kund zu tun, dass die öffentliche Hand 5,4 Millionen Euro mehr als geplant aufbringen muss, und am Ende sind alle erleichtert, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. „Wir sind wirklich in einer glücklichen Lage“, sagt etwa Josef Vilgertshofer. Und was sich auf den ersten Blick zynisch anhört, scheint am Ende dieses Tages gar nicht mal so sehr aus der Luft gegriffen zu sein. 

Die Probleme mit Gollwitzer wegen der Qualität seiner Planung und der Frage, ob die anvisierten 20 Millionen Euro zu halten sein werden, haben sich jedenfalls schon im April 2019 angedeutet. Damals schien es aber bloß Arbeitsüberlastung zu sein, als man dem Münchner, der als ausgewiesener Experte für Schwimmbäder gilt, mit den Prokopetz-Architekten aus der Oberpfalz ein Büro zur Seite stellte, das sich um die Ausschreibungen und die Bauleitung kümmern sollten. „Von dort haben wir dann erste, schwerwiegende Hinweise bekommen, dass mit der vorliegenden Planung keine Ausschreibung möglich sei“, sagt Jens-Wilhelm Brand. Man habe dann Gollwitzer um Nachbesserung gebeten, geschehen sei aber kaum etwas. Ende Januar 2020 haben die Stadtwerke dann das Münchner Architekturbüro Krieger damit beauftragt, die komplette Gollwitzer-Planung zu überprüfen. Dabei wurde schließlich entdeckt, dass zwischen dem Sportbecken und der Außenwand zu wenig Platz gelassen wurde, was zur Folge hatte, dass das gesamte Gebäude inklusive Dach verbreitert werden musste. Auch der Rutschenturm musste völlig neu geplant werden, „weil der Aufgang viel zu schmal gewesen wäre“, so Brand. Und schließlich habe sich die mit Keramikelementen geplante Fassade als nicht realisierbar erwiesen. Vom Büro Krieger, so Brand weiter, habe Gollwitzer ganz konkrete Handlungsempfehlungen erhalten, diese aber nicht umgesetzt, so dass die Stadtwerke im März schließlich den Vertrag mit dem Architekten aufgekündigt haben. Seither steht die Baustelle still, nach der Umplanung kann frühestens Ende September mit dem Rohbau begonnen werden, was die Fertigstellung um ein Jahr bis Ende 2022 verzögert. Hätte der Projektsteuerer angesichts der sich anbahnenden Probleme mit Gollwitzer nicht schon viel eher die Reißleine ziehen müssen? Jens-Wilhelm Brand wirkt jetzt sehr nachdenklich und sagt: „Hinterher ist man immer schlauer.“ Und er meint: „Wir sind Prozesssteuerer und keine Planungssteuerer.“ Einen Vorwurf will ihm aus den Reihen des Verwaltungsrates deshalb niemand machen. Im Gegenteil: Man ist froh, dass Brand auf die Schnelle die Krieger-Architekten als Korrektiv ins Boot geholt hat. 

„Wir haben uns für Gollwitzer entschieden, weil er die besten Referenzen hatte und glaubhaft versichert hat, dass er die personellen Kapazitäten hat, um dieses Projekt zu stemmen“, sagt Wolfgang Sacher, der für die BfP im Verwaltungsrat sitzt. Aus heutiger Sicht rächt es sich nun, dass man für das Familienbad keinen Architektenwettbewerb ausgelobt hat, sondern sich für die einfachste Form der Vergabe entschieden hat. Dabei reicht es nämlich, eine grobe Kostenschätzung und einen ersten, wenig detaillierten Entwurf abzugeben. So kam man auf die 20 Millionen Euro, mit denen man dann vor dem Bürgerentscheid für den Abriss des Wellenbads und einen Neubau warb. 

Dass die Ehe mit Gollwitzer zerrüttet ist und nun, wenn alle Versuche einer gütlichen Einigung scheitern sollten, ein Rosenkrieg vor Gericht droht, führt Stadtwerke-Chef Vilgertshofer auch auf die konjunkturelle Lage im Jahr 2016, als man sich für Gollwitzer entschieden hat, zurück: „Damals boomte der Bau von Schwimmbädern, da haben manche Büros vielleicht zu viele Aufträge auf einmal angenommen.“ Hinzu komme, dass es durch den Bürgerentscheid zu einer fünfmonatigen Pause gekommen sei, während der das neue Familienbad komplett auf Eis lag. Ein so großes Büro wie das von Gollwitzer, meint Josef Vilgertshofer, könne sich einen derart langen Stillstand aber nicht leisten. Was er damit sagen will: Gollwitzer hat offenbar neue Aufträge angenommen und Penzberg auch nach dem Bürgerentscheid nicht mehr mit der erforderlichen Aufmerksamkeit betreut. Anders kann es sich an diesem Tag jedenfalls niemand erklären, dass in einer Planskizze ein Wasser- und ein Abwasserrohr mitten durch eine Tür eingezeichnet sind. 

Dennoch kommt Stadtwerke-Chef Vilgertshofer zu einem erstaunlichen Urteil: „Für uns war es ein Glücksfall, dass wir umsteuern konnten, weil wir sonst Probleme über Probleme bekommen hätten.“ Das Ende mit Schrecken, das die Gollwitzer-Kündigung und die Mehrkosten hervorgerufen haben, sei allemal besser als ein Schrecken ohne Ende. Zurück zum Glücksfall. Trotz der 5,4 Millionen Euro an Mehrkosten haben nämlich die Stadtwerke gerade sehr viel Dusel wegen der niedrigen Zinsen. Angesichts der Mehrkosten müssen die Stadtwerke jetzt 19,4 Millionen Euro an Krediten aufnehmen, die so günstig zu haben sind, dass das vom Stadtrat als Höchstgrenze beschlossene Betriebskostendefizit von 1,35 Millionen Euro (inklusive Zinsen und Tilgung) gerade mal um 18.500 Euro überschritten wird. Dies wiederum habe zur Folge, so ein nun deutlich entspannter wirkender Vilgertshofer, dass man die im Vorfeld des Bürger­entscheids mantraartig vorgetragene Preiskalkulation für ein Familienbad nach wie vor halten könne: 5 Euro pro Erwachsener für eineinhalb Stunden und 7 Euro für 3 Stunden. Dabei soll es bleiben. Wenn nichts mehr dazwischen kommt. la

Die Mehrkosten im Überblick 

Die Mehrkosten von 5,4 Millionen Euro für den Neubau des Familienbads sind auf ganz unterschiedliche Faktoren zurückzuführen. Da sind zum einen offenbar die Planungsfehler und deren Folgen durch das Architekturbüro Gollwitzer, aber auch die Steigerung der Preise in der Bauwirtschaft. Nachfolgend ein Überblick über die wichtigsten Bereiche und den dabei anfallenden Mehrkosten: 

– Mängelbeseitigung der Planung (Umgang Sportbecken, Rutschenturm, Terrassenbereich, Rohwasserspeicher): 380.000 Euro 

– Ausführung der Schwimmhallendecke als „Zylinderdecke“: 200.000 Euro ­

– Korrektur der Kosten für die Fassade: 500.000 Euro

– Gestaltungskonzept: 600.000 Euro 

– Bergsicherungsarbeiten: 150.000 Euro 

– Auffüllungen, Bohrpfähle und Entsorgung: 500.000 Euro 

Hinzu kommen Vergabeverluste bei den Ausschreibungen für Rohbau, Edelstahlbecken und Technik sowie eine allgemeine Preissteigerung in den Jahren 2018 bis 2020 von rund10 bis 15 Prozent.

Darüber hinaus werden vom Büro Gollwitzer 1,2 Millionen Euro gefordert. Diese Summe gliedert sich in zwei Bereiche: 

– Teilweise Überarbeitung der Entwurfsplanung, komplett neue Ausführungsplanung einschließlich Genehmigungsstatik und Genehmigungs- gebühren: 800.000 Euro 

– Verzugsfolgen von bis zu 6 Monaten für die Projektabwicklung und die Baustelle: 400.000 Euro

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