Taumel, Tränen, Trauben

Eine Bürgermeisterwahl zwischen enttäuschter Hoffnung und grenzenlosem Jubel

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Grenzenloser Jubel: Hätte Nick Lisson fester zugedrückt, hätte Stefan Korpan die Stichwahl womöglich nicht erlebt.

Penzberg – Nick Lisson ist von Haus aus ein emotionaler Mensch, einer der gerne herumspringt und stets gute Laune hat. Vor so einem ist keiner sicher, zumal an einem Abend wie diesem, der das Zeug hat, in die Geschichtsbücher Penzbergs einzugehen.

„Ich liebe Dich“, schrie also Lisson und begann Stefan Korpan um den Hals zu fallen, was Korpans Frau, nur einen Meter daneben, mit einiger Verwunderung verfolgte. Auch Monika Uhl ist ein emotionaler Menschen, der, während sich Korpan drunten in Steigenberg aus der Umklammerung des CSU-Ortsvorsitzenden befreite, droben im Café Extra die Tränen übers Gesicht kullerten. Markus Bocksberger, ihr Schwager, war soeben haarscharf an der Stichwahl vorbeige­schrammt, jenem Ziel, von dem man bei Penzberg Miteinander so fest geglaubt hatte, es erreichen zu können. Und schließlich ist auch Elke Zehetner ein emotionaler Mensch, wovon man an diesem Abend aber nichts zu spüren bekam. Mit Mann und Töchtern saß sie bei Nudeln mit Soße. Sonst war keiner da. Sie hat nicht geweint und wurde nicht geherzt, angesichts von 27,5 Prozent gab es weder für das eine noch das andere einen Anlass. 

Zwischen Tränen und Taumel: Bürgermeisterwahl in Penzberg

Bei den BfP tröstete sich Bürgermeisterkandidat Armin Jabs damit, dass er beinahe so gut wie Kerstin Engel von den Grünen abgeschnitten hat. © la/ra
Markus Bocksberger verfolgt konsterniert, dass er die Stichwahl knapp verpasst hat. © la/r a
Die Grünen um Kerstin Engel machen gute Miene zum wenig erfolgreichen Spiel. © la/ra
Elke Zehetner bezieht ihre Zuversicht daraus, dass sie den ersten Wahldurchgang gewonnen hat. © la/ra

„Innerlich bin ich aber überwältigt“

Es waren noch zwei Wahlbezirke auszuzählen, als bei Stefan Korpan das Handy pausenlos irgendwelche Geräusche von sich gab. Die ersten Gratulanten, die sich sicher waren, dass er Markus Bocksberger auch im Finale auf Abstand halten würde. Eine Stichwahl in Penzberg, das hat es noch nie gegeben, und noch nie war einer von der CSU dem Bürgermeister der SPD so auf die Pelle gerückt. Korpan wirkte inmitten seines taumelnden Wohnzimmers erstaunlich gelassen. „Innerlich bin ich aber überwältigt“, strahlte er. Das Ergebnis ist für ihn ein eindeutiges Bekenntnis, dass es in der Stadt eine Wechselstimmung gebe, weshalb er selbstbewusst ausrief: „In der Stichwahl holen wir uns jetzt die Prozente, die zum Sieg fehlen.“

„Es ist enttäuschend“

Das hätte man im Café Extra auch gerne getan, statt dessen machte sich dort Trübsal breit. Man konnte regelrecht ein kleines Trauerspiel mitverfolgen, als Markus Bocksberger mit 22,75 Prozent knapp die Stichwahl verpasst hatte. „Es ist enttäuschend“, sagte er leise, „aber wir werden jetzt nicht die Bodenhaftung verlieren und am Ball bleiben“, meinte er, der von seiner Frau mehrmals fest und lange in den Arm genommen wurde. Trotz lautem Applaus seiner Listenleute stand er sichtlich niedergeschlagen neben einer scheinbar noch niedergeschlageneren und schluchzenden Monika Uhl, die sich das Ergebnis „anders“ vorgestellt hat. „Lasst‘s die Köpfe nicht hängen!“, appellierte Bocksberger an seine Truppe, in der sich „jetzt jeder mal Gedanken macht, wen oder was er in der Stichwahl wählt“. 

„Ein eindeutigeres Resultat wäre Träumerei gewesen“

Da kann Elke Zehetner nur hoffen, dass sich bei den Bocksberger-Leuten einige für sie entscheiden, denn 27,5 Prozent sind für die Amtsinhaberin kein berauschendes Ergebnis. „Bei insgesamt sechs Kandidaten war aber nicht mehr zu erwarten“, sagte sie gefasst und schiebt hinterher: „Ein eindeutigeres Resultat wäre Träumerei gewesen.“ Dass sie jetzt auf Stefan Korpan trifft, überrascht sie nicht, dass es dazu kommen werde, habe sie schon nach den Podiumsdiskussionen prognostiziert. „Jetzt schauen wir mal, was in 14 Tagen rauskommt. Immerhin habe ich die erste Runde ja gewonnen“, zeigte sie sich zuversichtlich. 

„Ich hätte mir natürlich mehr gewünscht“

Gute Miene zu ihren 11,95 Prozent machte Kerstin Engel, als sie sich in ihrem Wohnzimmer zu Wolfgang Schweiger, Ulrich Welzel und John-Christian Eilert sowie zu aufgespießten Käsewürfeln und Trauben, Pistazien und Schokolade setzte. „Ich hätte mir natürlich mehr gewünscht“, gesteht sie mit Blick auf das Wahlergebnis, das ihr von einem Laptopbildschirm entgegenleuchtete. Warum sie trotz des bundesweiten Grünen-Hypes nicht mehr Stimmen abgreifen konnte, darüber wagte sie nur zu spekulieren. „Vielleicht hatten ein paar Hemmungen, noch einmal eine Frau zu wählen“, vermutete sie. Vielleicht sei es aber auch ihre nüchterne Art gewesen. „Ich bin nicht die Händeschüttlerin“, sagte Engel, die schon wisse, wo sie bei der Stichwahl „das Kreuzchen setzt“, ohne einen Namen zu nennen, wobei man natürlich weiß, dass sie lieber bei den BfP eintreten würde, als Zehetner zu wählen. Trübsal blies das Quartett bei naturtrübem Kellerbier aber nicht, statt sich am Kummer zu laben, tadelten die vier die Presse, die es im Wahlkampf an Objektivität habe mangeln lassen. 

„Ein zweistelliges Ergebnis wäre schön gewesen“

Erstaunlich gelassen kommentierte Armin Jabs seine 9,71 Prozent. Inmitten von Knabberzeug und halbvollen Rotweinflaschen meinte er im BfP-Bürgerbüro an der Bahnhofstraße: „Ein zweistelliges Ergebnis wäre schön gewesen, aber so ist es auch nicht schlecht.“ Immerhin habe er nur einen Rückstand von etwas mehr als zwei Prozent auf Kerstin Engel, was angesichts des Grünen-Hypes doch recht anständig sei. „Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir uns recht gut geschlagen“, so Jabs. Die BfP werde nun auf jeden Fall eine Wahlempfehlung für Korpan abgeben. 

„Mit zehn Prozent hatte ich schon gerechnet“

Genau dies wird man bei der FLP nicht tun. Die mageren 3,73 Prozent, die Michael Kühberger auf sich vereinen konnte, waren dann doch viel zu wenig, um sich zu einem politischen Statement aufzuraffen. „Wir stellen es unseren Mitgliedern frei, wem sie in der Stichwahl ihre Stimme geben“, erklärte Kühberger. Ziemlich bedröppelt saß er mit einigen Getreuen im Restaurant der Stadthalle herum: „Mit zehn Prozent hatte ich schon gerechnet“, ließ Kühberger vernehmen, der sein Abschneiden als „sehr große Enttäuschung“ wertete. Doch Kühberger wäre nicht Kühberger, hätte er nicht auch sofort seinen Humor wiedergefunden. „Penzberg hat mich einfach nicht verdient“, grinste er. la/ra

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