Den Holzhammer ablösen

„Penzberg Miteinander“: Neue Liste will mit Bocksberger den Bürgermeister stellen

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„Miteinander sprechen, statt übereinander schimpfen“: Die neue Liste „Penzberg Miteinander“ will eine neue Gesprächskultur in der politischen Debatte implantieren, jeder soll bei allem mitreden dürfen. Markus Bocksberger (Mitte) ist dabei die zentrale Figur, der als Bürgermeister fast alles anders machen will.

 Penzberg – Viele bekannte Gesichter, die man alle schon oft mal irgendwo gesehen hat: Bei der CSU, bei der SPD, bei den Grünen, im Konzert, im Museum, auf der Straße oder bei der Arbeit im Rathaus. Sie alle scheinen die Schnauze voll zu haben, von dem, wie es derzeit politisch so läuft in Penzberg.

„Die Prinzessin aus München kannst ja nimmer wählen“, sagt einer und meint damit Elke Zehetner, die erste Frau der Stadt, die dort einst im Kreisverwaltungsreferat ihren Schreibtisch hatte. Widerspruch erntet er keinen. Unzufriedene gibt es in Penzberg offenbar nicht wenige, denn immerhin 60 Menschen fanden am Montagabend den Weg hinaus ins Café Extra, wo die neue Liste „Penzberg Miteinander“ ihre Premiere feierte. Im Mittelpunkt: Markus Bocksberger, der vor knapp einem Jahr die SPD verlassen hat, weil er mit dem Führungsstil der Prinzessin nicht mehr klar kam. 

Es ist an diesem Abend ein wenig so wie bei einer Sparkassentagung. Alle wichtigen Menschen tragen Namensschilder, was insofern lustig ist, weil sich eh alle kennen und die Schilder nur dazu da sind, um zu zeigen, wer denn nun zum harten Kern der neuen Liste gehört. Dies ist zuallererst ein Familienbetrieb: Bocksberger und seine Frau Catrin, seine Schwägerin Monika Uhl und deren Gespons Christian Curth. Daneben noch Michael Schwarz, Stefan Bleicher, Anette Völker-Rasor und ihr Mann Peter sowie Martin Janner, der Rechtsanwalt, Michael Wolf vom Oberlandler Volkstheater und Bärbel Scholz, die einst für die Grünen im Stadtrat saß und sich an diesem Abend, „aber nur kommunalpolitisch“, bereitwillig als Konvertitin outet. 

Der Nebenraum im Extra ist in so gleißendes Licht getaucht, dass es schon sehr bald sehr warm wird. Offenbar hat man im Vorfeld den kleinen Kurs für Unternehmensberater besucht, weil auch ein Mikro­fon herumgereicht wird, das aber keiner braucht. Und mit Ralf Gérard hat man auch einen professionellen Fotografen aus Antdorf einfliegen lassen, damit hinterher auch wirklich jeder Kopf und jede Geste Eingang ins Poe­siealbum findet. 

Dabei hätte es den ganzen Firlefanz gar nicht gebraucht, weil die Kraft der Worte, die an diesem Abend auf Gut Hub ausgestoßen wurden, in der Stadt noch einige Zeit nachhallen dürften. Und wenn man weiß, dass die Bürgermeisterin im nahen Steigenberg residiert, dann könnte man beinahe annehmen, dass ihr die Ohren immer noch klingen. Denn ohne Elke Zehetner auch nur einmal beim Namen zu nennen, setzte Bocksberger, angestrahlt wie der Heilsbringer der Penzberger Kommunalpolitik, zu einer Generalabrechnung über die Amtsführung der Bürgermeisterin an. In den letzten Monaten, so Bocksberger, seien in der Stadtverwaltung „nicht viele schöne Dinge passiert“, was sich im Rathaus nicht zuletzt auf die „Arbeitsmoral“ ausgewirkt habe. Die Folge sei gewesen, dass in den vergangenen fünf Jahren rund 15 Prozent der städtischen Angestellten aus freien Stücken gekündigt hätten – einige, auf die das zutrifft, waren an diesem Abend auch im Café Extra. Dann gab es den ersten Applaus, als Bocksberger ausrief: „Wir müssen die politischen Egotrips stoppen. Wir müssen miteinander enger zusammenrücken und miteinander reden, anstatt übereinander zu schimpfen.“ Kurz darauf die ersten Bravo-Rufe, nachdem Bocksberger gesagt hatte: „Wir wollen, dass die Stadtverwaltung wieder angstfrei arbeiten kann. Dafür brauchen wir als Bürgermeister keinen, der sich als Überflieger und Verwaltungsexperten ansieht, sondern wir brauchen jemanden, der sich als Bürger-Meister sieht.“ Die Pause in der Mitte dieses Kompositums hatte Bocksberger bewusst gewählt, um die beiden Worte „Bürger“ und „Meister“ besonders wirken zu lassen. Wem dies zu kompliziert war, für den lieferte er auch eine verständlichere Variante: „Wir brauchen jemanden, der sich nicht über den Dienst stellt, sondern einen, der sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Und wir brauchen jemanden, der die Verwaltung nicht mit dem Holzhammer führt und sündhaft teure Beraterfirmen beauftragt.“ Dazu ist kurz anzumerken, dass Bocksbergers Vorwurf, Elke Zehetner habe oft den Holzhammer geschwungen, wohl nicht von der Hand zu weisen ist, die „sündhaft teuren Beraterfirmen“ aber hat allesamt der Stadtrat abgenickt. So viel Ordnung muss sein. 

Natürlich hat Bocksberger an diesem Abend nicht erklärt, wer denn dieser jemand sein soll, der im Rathaus vieles anders und alles besser machen soll, aber letztlich war klar, dass er da nur über sich gesprochen hat. Zwar nominiert „Penzberg Miteinander“ erst am 14. Oktober die Stadtratskandidaten und den Zehenter-Herausforderer, aber Bocksberger trug an diesem Abend auch sein Herz auf der Zunge und sagte auf die Anfrage nach Teilnahme an einer Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten spontan zu: „Ich habe Zeit.“ Die neue Liste (für Bocksberger ein „bunter Haufen“, den das Bestreben leitet, Penzberg zu dienen) will mit politisch bis dato nicht oder kaum in Erscheinung getretenen Menschen „für frischen Wind im Rathaus“ sorgen. Und weil dies natürlich nicht nur mit markigen Worten geschehen kann, sondern auch eines inhaltlichen Unterbaus bedarf, hat sich „Penzberg Miteinander“ auf die drei Themenfelder „Umwelt“, „Soziales“ und „Wirtschaft“ konzentriert. Dazu gab es an diesem Abend drei Thementische, zwischen denen die Leute hin und her wandern konnten, um sich selbst einzubringen oder einfach nur zu hören, was die anderen so meinen. Zuvor hatte Markus Bocksberger schon mal grob anskizziert, um was es seiner Liste gehe: Penzberg als Ort, an dem Tradition und Moderne aufeinandertreffen, behutsam weiter zu entwickeln. Viel Beifall bekam er für seine Forderung, das Geh- und Radwegenetz auszubauen und auf jedes öffentliche Gebäude, sofern diesen technisch möglich ist, Solarzellen zu installieren. Dieser Applaus zeigt aber möglicherweise auch ein Problem der neuen Liste aus: An diesem Abend versammelten sich im Café Extra vornehmlich Leute, die dem grün angehauchten Bildungsbürgertum zuzurechnen sind. Mit dem allein lässt sich aber keine Wahl gewinnen, was vielleicht auch der Grund gewesen sein mag, dass Bocksberger der Wirtschaftspolitik viel Raum beizumessen bereit zu sein scheint. Beim Volk kommen jedenfalls Sätze wie dieser gut an: „Ich möchte nicht, dass Penzberg hinter Roche steht, sondern dass sich Roche in Penzberg wohlfühlt.“ Schließlich gebe es in der Stadt nicht weniger als 1.400 Unternehmer, denen man genauso viel Aufmerksamkeit schenken müsse wie dem Giganten aus der Schweiz. Deshalb forderte Bocksberger auch, dass die Stelle des Wirtschaftsförderers wieder voll besetzt werden müsse. Und ­– der nächste Seitenhieb auf Elke Zehetner – er könne sich gut vorstellen, in Penzberg eine Denkfabrik zu etablieren: „So wie man das jetzt in Murnau macht, wo man einen Bürgermeister hat, der zuvor in Penzberg der Wirtschaftsförderer war.“ 

Bei manchen Leuten, die an diesem Abend „Penzberg Miteinander“ ihre Aufwartung machten, war man nicht ganz sicher, ob sie sich aus eigenem Auftrieb unter die Menge mischten, oder mit dem Auftrag entsandt worden waren, Augen und Ohren für den Rapport im Bürgermeisterinnenbüro offen zu halten. Außer der klaren Ansage von Markus Bocksberger, die man bei offenem Fenster in Steigenberg wohl auch selbst hätte hören können, gibt es aber nichts Revolutionäres zu berichten. Außer vielleicht den Umstand, dass hier rund 60 Menschen sehr angeregt über politische Ideen diskutiert und spintisiert haben. All das, was dabei herauskam, wird nun von den Leuten mit den Namensschildern gesichtet und geordnet und dann im Rahmen von drei Themenabenden zu „Soziales“ (25. September), „Wirtschaft“ (9. Oktober) und „Umwelt“ (24. Oktober) aufgearbeitet. la

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