Einsatz in Haridwar: Gabriele Fromberg behandelt erneut Patienten in Indien

Ein Lächeln unter Narben

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Eine andere Welt, auch für Gabriele Fromberg: die hygienischen Bedingungen in den Krankenhäusern und auch die Lebensverhältnisse in Haridwar sind nicht zu vergleichen mit jenen in Deutschland.

Penzberg – Narben, die sich über das Gesicht ziehen, die Brust bedecken, den Hals umwinden. Ein Anblick, der Spuren beim Betrachter hinterlässt. Und ein Anblick, den Gabriele Fromberg schon oft zu sehen bekam, weil sie dort hilft, wo Verbrennungen und Verätzungen keine Seltenheit sind.

Säure ist tief in die Hautschichten eingedrungen, die Gesichter der Mädchen und Frauen sind deformiert. Sie waren unachtsam, als sie mit dem heißen Öl hantierten, sind von explodierenden Gasflaschen entstellt worden oder Opfer von brutalen Bestrafungen geworden. Dass sie ein solches Schicksal ereilt hat, hinterlässt nicht nur Wunden auf der Haut, sondern auch auf der Seele. Letztere kann Gabriele Fromberg vielleicht nicht heilen, doch ein Lächeln in die Gesichter kann und möchte sie wieder bringen, nicht zaubern, sondern operieren. 

Im Operationskittel in Indien

In weniger als zwei Wochen mehr als 70 Patienten und 170 Eingriffe: Zahlen, die beweisen, wie viel Einsatz die Ärzte zeigen, die für die Hilfsorganisation Interplast nach Indien reisen und im Mela-Hospital in Haridwar den Kittel anlegen. Auch Gabriele Fromberg, Chefärztin für Plastische Chirurgie und Handchi­rurgie im Penzberger Krankenhaus, war abermals dabei, weil ihr der Einsatz für die Menschen dort wichtig ist und ihr immer wieder in drastischer Weise vor Augen geführt wird, wie nichtig viele Dinge in der Heimat doch sind. 

Leben „unter archaischen Bedingungen“

„Die häufigsten Eingriffe waren das Lösen von Verbrennungen sowie deren Korrektur und Deckung mit Hauttransplantat oder lokalen Lappenplastiken“, bilanziert Fromberg. Die Ursache für diese Fälle liegt auf der Hand: In vielen Dörfern und Städten Indiens gibt es unzählige mittellose Menschen, die „unter archaischen Bedingungen“ leben, wie die Chirurgin erklärt. Bereits Alltägliches wie Kochen erweist sich als gefährlich, wenn Kinder in den beengten Wohnverhältnissen nahe am Feuer spielen, elektrische Leitungen angezapft beziehungsweise in einem verheerend schlechten Zustand sind oder Gasflaschen unsachgemäß gelagert werden. 

Narben im Gesicht, entlang des Halses, auf dem Brustkorb

Auch Säureattacken auf Mädchen und Frauen sind nicht selten. Eine Betroffene, eine junge Frau, die Fromberg bereits bei ihrem Einsatz im Jahr 2017 behandelt hatte, suchte auch dieses Mal wieder die Klinik auf. Ihr Gesicht, Hals und auch der Brustkorb sind nach wie vor mit großen Narben übersät, obgleich Verbesserungen erzielt werden konnten. Ihr Blick, er sprach Bände. Fromberg beschreibt sie im Nachhinein als „sehr depressiv“ und vermutet, dass ihr Gemütszustand mit der Entlassung jenes Mannes zusammenhänge, der ihr das Leid zugefügt habe und der nun seine Gefängnisstrafe abgesessen hat. 

Eine OP reicht nicht aus

Besonders heikel sind auch Verbrennungskontrakturen bei Kindern, unzählige davon bekam die Chi­rurgin schon zu Gesicht. Das Problem: „Die Narben können nicht mitwachsen, so dass Bewegungseinschränkungen entstehen, die mit weiterem Wachstum immer schlimmer werden“, erläutert die Ärztin. Mit einer einzigen Operation ist den Kleinen folglich nicht geholfen. Während es in Deutschland therapeutische Maßnahmen zur Behandlung solcher Kontrakturen gibt, mangelt es in Indien an derartigen Möglichkeiten. Und selbst wenn es entsprechende Anlaufstellen gäbe, die Patienten könnten die finanziellen Mittel für die Behandlungen nicht aufbringen, bedauert Fromberg. 

Gabriele Frombergs Einsatz in Haridwar

Chefärztin für Plastische Chirurgie / Handchirurgie im Penzberger Krankenhaus, Gabriele Fromberg, setzte sich erneut für Patienten in Indien ein  © Gabriele Fromberg
Chefärztin für Plastische Chirurgie / Handchirurgie im Penzberger Krankenhaus, Gabriele Fromberg, setzte sich erneut für Patienten in Indien ein  © Gabriele Fromberg
Chefärztin für Plastische Chirurgie / Handchirurgie im Penzberger Krankenhaus, Gabriele Fromberg, setzte sich erneut für Patienten in Indien ein  © Gabriele Fromberg
Chefärztin für Plastische Chirurgie / Handchirurgie im Penzberger Krankenhaus, Gabriele Fromberg, setzte sich erneut für Patienten in Indien ein  © Gabriele Fromberg

Interplast küsst Krankenhaus im „Dornröschenschlaf“ wach

Viele Menschen kommen daher ins Mela-Krankenhaus, wenn die ehrenamtlich tätigen Ärzte aus dem Ausland dort sind, um zu helfen. Die Klinik ist im Vergleich zu anderen indischen Einrichtungen erstaunlich gut ausgestattet, Fromberg bezeichnet sie als Sonderfall, der für ihre Arbeit „ein Glücksfall“ ist, denn das Krankenhaus ist auf Pilger ausgelegt – und die kommen zu Millionen nach Haridwar. Außerhalb der Pilgerzeiten befänden sich die Operationsräume, da sie nicht genutzt werden, in einem „Dornröschenschlaf“, dann können die Helfer die Gunst der Stunde nutzen. Denn in anderen Krankenhäusern, die vollkommen überfüllt sind, wäre es undenkbar, OP-Tische und Krankenbetten zu belegen. 

Oft spartanisch statt hochtechnisch

Die chirurgische Arbeit dort unterscheide sich dann im Grunde genommen gar „nicht so sehr“ von der in Penzberg, so Fromberg. Wobei, ein paar Unterschiede gibt es da schon: Hochtechnische Spezialgeräte sucht man in Haridwar vergebens, „man lernt, dass es häufig auch ohne geht“, kommentiert die Ärztin die spartanische Ausrüstung. Auch seien die hygienischen Bedingungen andere als in Deutschland, weshalb der Umgang des indischen Personals mit dem Sterilgut immerzu im Auge behalten werden müsse. 

Ein Vater verhindert die Behandlung seines Kindes

Wenn die Ärzte von Interplast wieder nach Hause aufbrechen, liegt die Behandlung der Patienten aber nicht brach. Zwei Ärzte sowie Angestellte des Krankenhauses betreuen sie weiter. Doch nicht immer wird Hilfe angenommen, obwohl sie von höchster Dringlichkeit ist: Ein etwa vierjähriges Mädchen hat sich in das Gedächtnis Frombergs eingebrannt. Ein Mädchen, das nicht mehr laufen konnte, weil Verbrennungen ihre Beine deformierten. Die Mutter der Kleinen wollte ihre Tochter operieren lassen, der Vater legte aber sein Veto ein. „Dort muss das entstellte Kind vermutlich als Bettler nicht nur zum eigenen, sondern zum Lebenserhalt der gesamten Familie beitragen“, glaubt die Ärztin. 

Kleinigkeiten werden zu Nichtigkeiten

Mit unzähligen Eindrücken ist Fromberg nach Deutschland zurückgekehrt, mit dem Gefühl, geholfen zu haben, aber auch ein wenig geläutert: „Die täglichen Kleinigkeiten, die mich immer wieder auf die Palme bringen, verblassen dort zu Nichtigkeiten“, meint die Chirurgin. Ein Lächeln unter zahlreichen Narben kann eben viel bewirken, beim Lächelnden als auch beim Angelächelten. ra


„Den Löwenanteil der Kosten für die Haridwar-Einsätze“, so Gabriele Fromberg, „hat bislang immer der Ebersberger Förderverein für Interplast EFI getragen.“ Wer helfen möchte, kann auf das Konto des Vereins eine Spende überweisen (Spendenquittung wird zugeschickt, wenn Name und Adresse angegeben werden):

Konto-Inhaber: Ebersberger Förderverein Interplast e.V.

Institut: Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg

IBAN: DE04 7025 0150 0000 2116 31

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