Der Hunger ist wieder zurück

Corona bedroht die Menschen in Penzbergs Partnergemeinde Mae Luiza

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Da war die Welt noch halbwegs in Ordnung: Als Gisela Matschl im Februar nach Mae Luiza reiste, strahlten die Kinder um die Wette. Durch Corona sind die Menschen dort aber in bittere Armut gestürzt worden.

Penzberg – Als Gisela Matschl zuletzt in Mae Luiza war, schien die Welt noch halbwegs in Ordnung zu sein. Gut, Brasilien erlebte auch da schon, was es heißt, von einem Rechtspopulisten regiert zu werden. Präsident Bolsonaro holzt nicht nur den Regenwald ab, sondern hat auch den Armenvierteln alle Zuschüsse gestrichen, was etwa zur Folge hatte, dass das Altenheim in Penzbergs Partnergemeinde niemanden mehr aufgenommen hat. Doch jetzt ist alles noch viel schlimmer geworden, denn das Coronavirus macht auch vor der Millionenmetropole Natal, an deren Rand sich Mae Luiza schmiegt, nicht halt. 

Pater Robério steht alleine in der einfachen Kirche von Mae Luiza, die normalerweise dicht besetzt ist, und dreht ein Selfie-Video als Botschaft an die Bewohner des Viertels: „Ich weiß, dass die Situation für euch alle sehr schwer ist. Ihr sollt zuhause bleiben, wo Ihr wenig Platz habt, obwohl Ihr eigentlich etwas arbeiten wollt. Trotzdem ist es wichtig, zuhause zu bleiben und nur für dringend nötige Anlässe aus dem Haus zu gehen. Wir spüren viel Solidarität – auch besonders von unseren Partnern aus Europa. Das hilft uns, diese besonders schwierige Situation leichter zu ertragen. Und irgendwann ist unsere Kirche wieder voll und wir loben Gott, dass in dieser Zeit der Not Menschen aus einer anderen Welt mit ihren eigenen Problemen Mitgefühl mit uns hatten und uns unterstützt haben.“ Gisela Matschl, die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins, war tief bewegt, als sie die Videobotschaft des Geistlichen übersetzt hat. „Erst Bolsonaro, jetzt Corona: Die Menschen in Mae Luiza werden derzeit wieder einmal schwer geprüft“, betont sie. Dabei ist „das Viertel“, wie Matschl sagt, noch von Corona verschont geblieben, es gibt noch keine Infizierten. Und doch ist die Not quasi über Nacht groß geworden: Nachdem das Leben am Strand ein jähes Ende gefunden hatte, und die Arbeitgeber ihre Angestellten einfach von heute auf morgen entlassen können, fiel für viele Bewohner in Mae Luiza von heute auf morgen das Einkommen weg. „Hunger ist wieder ein Begleiter vieler Familien, die bis vor kurzem durch den Verkauf von Selbstgekochtem oder Gebasteltem am Strand und in der Großstadt oder durch Arbeit im Hotel, der Gastronomie oder Privathaushalten ein bescheidenes aber relativ sicheres Auskommen hatten“, hat Matschl aus Brasilien erfahren. Pater Robério hat deshalb Essenspakete aus Spendengeldern gekauft, die im Gemeindezentrum verteilt wurden. „Nicht lange, denn die Schlange der wartenden Menschen war zu dicht und zu groß. Also wurden Angestellte des Centro Socio beauftragt, den bedürftigen Bewohnern die Pakete zu bringen“, so Matschl. 

Zu den wenig erfreulichen Nachrichten passt auch dies: Im Dezember wurde José Arnobio de Araújo Fihlo zum neuen Rektor der staatlichen Bildungseinrichtung Instituto Federal Rio Grande do Norte gewählt. Doch inzwischen wurde er vom Bildungsministerium ohne rechtliche Grundlage ersetzt. „Dieses Vorgehen greift die Demokratie an, gefährdet unsere institutionelle Stabilität und ist ein schreckliches Beispiel für unsere Schüler und die gesamte Bevölkerung“, heißt es in einem auch an Gisela Matschl gerichteten Schreiben. 

Das Leben in Mae Luiza hat sich inzwischen total verändert. Schon früh und entgegen der Weisung von Präsident Bolsonaro wurden Kindergarten, Nachhilfeschule und Musikschule geschlossen. Auch das Altenheim nimmt keine Tagesgäste mehr auf, sogar die ehrenamtlichen Praktikanten bleiben zuhause. Alle Betreuer arbeiten im Altenheim mit Schutzmasken und Schutzkleidung – bei einer Temperatur von 35 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. 

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch in Mae Luiza einen Corona-Fall geben wird, denn das benachbarte Viertel „Tirol“ meldet die höchste Infektionsrate der Millionenstadt Natal – welch eine Ironie des Schicksals, wenn man an den Corona-Herd Ischgl denkt. „Was wird sein, wenn das Armenviertel betroffen ist, in dem die medizinische Versorgung schon in normalen Zeiten sehr unzureichend ist?“, fragt Gisela Matschl. Die Antwort, das weiß sie, verheißt nichts Gutes. Pater Robério hat über das Centro Socio Pastoral inzwischen eine Sammelaktion für Familien in Not ins Leben gerufen. Dieser hat sich auch der Penzberger Partnerschaftsverein angeschlossen: „Ich denke, dass es bei uns auch viele gibt, die mit Mae Luiza verbunden sind und die Menschen dort in dieser schwierigen Situation nicht alleine lassen möchten“, sagt Gisela Matschl. Wer spenden möchte, kann dies auf folgendes Konto tun: Vereinigte Sparkassen Weilheim, IBAN: DE52703510300000709832. la

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