Große Leistung in riesigem Gebiet

 „Alpenflüsse brauchen Allianzen“: Dialogforum über erstaunliche Erfolge

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Mehr als 100 Fachleute sowie interessierte Bürger waren der Einladung in den Allianzsaal gefolgt. Sie hörten dort ganz unterschiedliche Erfolgsgeschichten, darunter auch jene, von welcher der Tiroler Naturschützer Helmut Friedle im Gespräch mit Moderator Georg Bayerle berichtete.

Benediktbeuern – Seit fünf Jahren begleitet der Bezirk Oberbayern das Hotspot-Projekt zum Erhalt der naturnahen Alpenflusslandschaften und lädt seither einmal im Jahr zu einem Dialog ins Zentrum für Umwelt und Kultur. Der letzte Dialog stand nun unter dem Titel „Alpenflüsse brauchen Allianzen“.

Mehr als 100 Fachleute, Vertreter von Verbänden, Organisationen und Gemeinden sowie interessierte Bürger waren der Einladung in den Allianzsaal gefolgt, um sich mit dem „enkeltauglichen“ Projekt zu befassen, wie Moderator Georg Bayerle das Engagement für die Alpenflüsse bezeichnete. Zum Einstieg berichteten zwei Gäste benachbarter Alpenländer über das dortige Flussmanagement. Der Tiroler Naturschützer und Wildwassersportler Helmut Friedle schilderte den langen Kampf zur Erhaltung des wilden Tiroler Lechs und gegen den Bau von Lebensraum zerstörenden Wasserkraftwerken. „Am Anfang hat uns heftiger Gegenwind ins Gesicht geblasen“, erzählte er, vor allem von Seiten der Energiewirtschaft, aber auch aus der Bevölkerung, welche den Wildfluss eher als Feind sah. Nach 20 Jahren war der Kampf gewonnen und der Tiroler Lech unter Schutz gestellt. Um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen, bewegten sich die Naturschützer damals nicht nur auf der rein rationalen, argumentativen Schiene, sondern setzten auf die emotionale Ebene. So begleitete das Lechtaler Gesangsduo „Bluatschink“ mit ihren eingängigen Songs zum Thema Umweltschutz, darunter der regelrechte Ohrwurm „Am Lech entlang“, die Vorträge und begeisterte die Leute. 

Welche Macht die Bevölkerung hat, wenn sie sich geschlossen für ein Ziel einsetzt, schilderte auch Jernej Stritih, gelernter Förster und ehemaliger Staatssekretär im slowenischen Umweltministerium. Die Anwohner der Soca verhinderten mit ihrem Widerstand über Jahrzehnte hinweg eine weitere Industrialisierung des Alpenflusses durch Wasserkraftwerke, Pumpspeicherkraftwerke und Staudämme. Da die Soca eine wichtige Touristenattraktion und „Globaldestination“ für Kajakfahrer ist, dreht sich inzwischen alles darum, die rund 200.000 Besucher im Sommer naturverträglich zu steuern. Durch Gebühren, fest geregelte Einstiege sowie limitierte Tages- und Jahreszeiten für die Nutzung wurde der Konflikt zwischen Fischer und Paddler erfolgreich entschärft. 

Im Dialogforum stellte Moderator Georg Bayerle anschließend drei Hotspotprojekte vor. Eines hatte zum Ziel, junge Landwirte als Botschafter und Multiplikatoren für den Naturschutz zu gewinnen, denn ihnen kommt als größten Landnutzern von häufig an Alpenflüsse grenzenden Flächen eine große Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt zu. Aktionen wie Umweltbildungskurse an Landwirtschafts- und Berufsschulen oder Exkursionen brachten zwar die Ansichten nicht komplett auf einen Nenner, aber viel Verständnis für die Sicht des anderen und die Erkenntnis, dass Ökologie auch den gut ausgebildeten Jungbauern wichtig ist, weshalb sie beispielsweise Ackerstreifen für den Anbau von Wildkräutern zur Verfügung stellen. 

Vorgestellt wurde ebenfalls das Weideprojekt an den Isarauen, wo Ziegen sich ausbreitende, stark wuchernde Gehölze fressen, was die Ansiedlung wertvoller Arten wie Silberwurz und Schleierkraut ermöglicht. Problematisch an der Isar ist hingegen der nach wie vor hohe Freizeitdruck. Die neue Bootsverordnung konnte die hohe Zahl an privaten Bootfahrern nicht eindämmen, berichtete ein Vertreter vom Landesbund für Vogelschutz. Weil der Bayerische Kanuverband keine existierenden Belege über negative Auswirkungen des Bootssports sieht, stellte Joachim Kaschek von der Unteren Naturschutzbehörde am Tölzer Landratsamt ein Monitoring zu Fischen und Vögeln in Aussicht. 

Ein dritter Blick fiel auf den Lech, wo an der Litzauer Schleife eine Kiesbank erneuert und Laichplätze für Bachforellen geschaffen wurden. Dass Wasserkraftwerke für den Lebensraum der Fische sehr kritisch sind, wird am Lech deutlich. Carsten Gollum von den Uniper Kraftwerken erklärte dazu: „Wir versuchen durch die Anlage von ökologischen Biotopen unser Tun für die Natur abzumildern.“ 

Am Ende des Tages zog Wolfgang Hug vom WWF, dem Träger des Projektes rund um die Alpenflusslandschaften, eine positive Bilanz. Mit 18 Partnern, darunter Landwirtschaftsverbände, Angler, Kanufahrer und Wasserkraftwerkbetreiber, „ist in einem riesigen Gebiet viel geleistet worden“, stellte Hug fest und zählte knapp 500 Schultermine, über 300.000 Seeforellen-Brütlinge und die Wiederansiedlung des Alpen­knorpel-Lattichs auf. 

Nun müssten die vielen gesammelten Daten verstanden und verknüpft werden, um energiewirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Neben dem Kopf ist dabei auch das Herz der Akteure gefragt, wie der stellvertretende Bezirkstagspräsident Michael Asam resümierte. Er sei vor fünf Jahren ja etwas skeptisch gewesen, nun aber hellauf begeistert, wie sich die Aktion entwickelt habe. „Es braucht viele, die mit Herzblut dabei sind“, sagte Asam, der als Bürgermeister von Peiting an Lech und Ammer inzwischen selbst sensibilisiert ist für das Thema Wildfluss und dies auch seinen Kollegen in der Politik weitergibt. cw

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