Helfer ohne Hasenzähne

Die Zahnärztin Kristina Aulenbacher lässt rumänische Kinder wieder lächeln

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Langohr mit Paradebiss: Am Beispiel der hasenzahnlosen Hasenzähne von „Dr. Knabbel“ lehrt Kristina Aulenbacher den Kindern effektives Zähneputzen.

Penzberg – An Zufälle glaubt Kristina Aulenbacher nicht, erst recht nicht nach dem, was der ehemaligen Zahnärztin auf einer Pilgerreise in den Ostkarpaten widerfahren ist. Statt den Zahnarztstuhl hinter sich zu lassen, kamen ihr Sonde und Pinzette wieder in den Sinn, als sie auf Kinder traf. 

Vielleicht war es eine göttliche Fügung, die manch ein Pilger auf seiner Reise so sehr ersehnt, vielleicht aber auch schlichtweg Zufall. An letzteren glaubt Kristina Aulenbacher aber nicht. Auf ihrer Pilgerreise durch Siebenbürgen vor acht Jahren, die sie gemeinsam mit ihrem Mann bestritt, besuchte sie ein rumänisches Schullandheim, das Lyceum Hl. Elisabeth, ein Komplex mit Kindergarten, Grundschulen und einem Gymnasium, in dem rund 400 Kinder betreut und unterrichtet werden. Den Pater, unter dessen Obhut die Kleinen stehen, habe sie gefragt, welche Hilfe erforderlich sei, erinnert sich Aulenbacher. Die Zähne der Kinder seien „katastrophal“, habe ihr der Geistliche zu ihrer Verwunderung geantwortet, schließlich habe der Pater nicht wissen können, welchen Beruf sie einst ausübte. Und: „Wieso denkt ein Pfarrer ausgerechnet an die Zähne der Kinder, die brauchen tausend andere Sachen.“ 

Zurück in der Heimat ließen sie die Kinder nicht mehr los. Kristina Aulenbacher begann damit, Zahnbürsten und Zahnpasta zu sammeln und gründete das „Dr. Knab­bel Karpaten Hilfsprojekt“. Mit vollen Händen kehrte sie in das kleine Bergdorf zurück. „Ich fing unverzüglich mit Zahnputzübungen an“, sagt Aulenbacher, nicht in einer Praxis, denn eine solche gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, sondern in einer Kapelle. Doch die Zahnbürste zu schwingen, reichte nicht aus, Aulenbacher sah bei jedem einzelnen Kind im geöffneten Mund die Bestätigung dessen, worüber der Pater einst so klagte. Wieder in Deutschland zurück, nutzte die gebürtige Ungarin die Kontakte aus ihrer Zeit als behandelnde Zahnmedizinerin: Von einstigen Geschäftspartnern und Assistenten, aber auch seitens der Johanniter, erhielt sie Unterstützung für ihr Vorhaben: eine Praxis in dem hoch gelegenen Dorf zu errichten. 

„Heute steht im Schulgebäude eine kleine Zahnarztpraxis mit drei Behandlungsstühlen und allen nötigen technischen Einrichtungen“, strahlt Aulenbacher. Eine Praxis, die vor eineinhalb Jahren vom Gesundheitsministerium in Bukarest die offizielle Autorisierung erhielt, als schulmedizinischer Versorgungsbetrieb zu arbeiten. Zweimal im Jahr zeigt nun jeder der Lyceum-Schüler seine Zähne, wird in Mundhygiene unterrichtet oder bei Zahnputzübungen unterstützt. Hinzu kommen Vorträge rund um die dentale Gesundheit. 

Das Team ist ein dynamisches, mal kommen Helfer aus Deutschland in das kleine Bergdorf. Zahnärzte, Assistenten und sogar eine Physiotherapeutin traten schon die Reise an, aber auch Mediziner und Fachkräfte aus Rumänien, darunter ein junger Zahntechniker, unterstützen das Projekt. 

Zu Beginn ihrer Arbeit blickten Kristina Aulenbacher Zähne entgegen, die im Mund nichts mehr zu suchen hatten, zerstörte Beißer, die entfernt werden mussten: „Aufgrund der vielen Extraktionen kam notgedrungen die Idee der provisorischen prothetischen Versorgung für die älteren Schüler“, erinnert sich Aulenbacher. Heute sitzt Zahnersatz im Gebiss einiger Schüler, Zahnersatz, der mittlerweile aber immer seltener benötigt wird, denn heute „überwiegen die konservierenden Maßnahmen“, freut sich Aulenbacher. 

Angst vor der Behandlung kann die Zahnmedizinerin bei den Kindern, die „in ihrem Alltag Kummer und Leid gewöhnt“ sind, nicht entdecken. Diszipliniert seien ihre Patienten, und vor allem dankbar für jede Hilfe. Hilfe, die in dem Dorf für gewöhnlich einiges kostet. Zwar gebe es wöchentliche Notfallsprechstunden, sobald jedoch Hand an den Zahn gelegt wird, muss gezahlt werden. Und da werden Kosten fällig, „die zum Teil höher sind als in Deutschland“, bedauert Aulenbacher. Daher hat die Penzber­gerin schon das nächste Ziel vor Augen: „Ich möchte gerne öfter vor Ort sein.“ Und das mit einem größeren Angebot an Behandlungen, auch für umliegende Einrichtungen wie das Waisenhaus im Nachbarort, wo schon jetzt an zahlreichen lächelnden Gesichtern gearbeitet wird. ra

Am kommenden Dienstag, 9. April, berichtet Kristina Aulenbacher um 19 Uhr im Islamischen Forum in ihrem Vortrag „Was macht Dr. Knabbel in den Ostkarpaten?“ über ihre Arbeit. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

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