Vom Hindukusch zum Katzenbuckel

EMT will Drohnen zivil nutzen und startet Projekt mit Rettungsorganisationen

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Das Argusauge steht auf dem Tisch: Diese militärische Aufklärungstechnik wollen die EMT-Leute Thomas Heinze, Udo Schwarz und Konrad Seeger (von rechts) nun den Rettungsorganisationen in Penzberg zugänglich machen.

Penzberg – Ein Haus steht in Flammen, die Einsatzkräfte haben bereits mehrere Menschen in Sicherheit gebracht, aber kein Mensch weiß, ob sich in dem lodernden Gebäude noch Personen befinden. Inmitten des Höllenlärms ein leises Surren.

Eine Drohne mit einem Infrarotsensor steigt auf, überfliegt das Gebäude und meldet den Rettern am Boden sofort, wo noch jemand eingeschlossen ist. „So etwas wäre ein Traum, weil wir dann unseren gesamten Einsatz darauf abstimmen könnten“, sagt Christian Abt, der Kommandant der Penzber­ger Feuerwehr. Abt sitzt bei den Stadtwerken im Konferenzraum, weiter vorne sitzt Thomas Heinze und nickt. Heinze wiederum ist Geschäftsführer des Drohenherstellers EMT und der, bislang ausschließlich im militärischen Bereich tätig, will nun auch die zivile Nutzung seiner Aufklärungsgeräte vorantreiben. Gemeinsam mit Polizei, Rotem Kreuz, Bergwacht und der Feuerwehr soll nun in einem Pilotprojekt ermittelt werden, welche exakten Anforderungen die Rettungsorganisationen an eine Luftaufklärung haben. 

Aufklärungsszenarien und Einsatzszenarien

Als man sich zu einem ersten Gespräch bei den Stadtwerken trifft, ist es gerade mal eine Woche her, dass ein 13-jähriger Junge, der sich im Harz in einem Wald verirrt hatte, mit der Wärmebildkamera einer Drohne aufgespürt werden konnte. Genau das ist es, was den Leuten bei EMT vorschwebt, die in den vergangenen Jahren leidvoll erfahren mussten, dass die Abhängigkeit vom rein militärischen Nutzen ihrer Aufklärungsgeräte auch ein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko birgt, zumal in einer Welt, die nicht mehr so kalkulierbar ist wie noch vor wenigen Jahren. Deshalb jetzt also eine Strategie, die vom Hindukusch geradewegs zum Katzenbuckel führt und damit von den Taliban zu den realen Gefahren einer Wohlstandsgesellschaft, die derzeit zwar zum Nichtstun verdammt ist, aber eines wohl nicht mehr allzu fernen Tages wieder in ihren Normaltrott zurückfindet. Und wenn dann wieder normale zwischenmenschliche Kontakte erlaubt sind, will EMT die Vertreter der sogenannten Blaulichtorganisationen beim zweiten Treffen auf dem Flugplatz in Spatzenhausen bei Murnau versammeln, um dieses Pilotprojekt in die praktische Phase zu überführen. Dort steht in einer Halle allerlei Fluggerät, das mit dem speziellen Sensorgerät ausgestattet werden kann – zur Einstimmung auf das gemeinsame Herantasten. „Wir haben verschiedene Aufklärungsszenarien und möchten diese nun mit den unterschiedlichen Einsatzszenarien kombinieren“, sagt Udo Schwarz, bei EMT für die Produktion verantwortlich. Ihm ist natürlich bewusst, dass es bei einem Großbrand viel zu lange dauern würde, bis das Flugzeug aus Spatzenhausen in der Luft ist. Aber bei prekärem Hochwasser­ereignissen, wie man sie in der Region um Penzberg auch schon öfters hatte, sei diese Art der Aufklärung, die auch mit einem unbemannten Tragflächenflugzeug erfolgen kann, sicherlich eine große Unterstützung, weshalb Thomas Limbrunner vom Roten Kreuz empfiehlt, auch das Landratsamt in dieses Pilotprojekt einzubeziehen. 

Das Nonplusultra für die Personensuche

Welche nützlichen Dienste Drohnen bei der Personensuche in einem großräumigen oder unwegsamen Gebiet leisten können, verdeutlichte Gerhard Gröbl, der stellvertretende Leiter der Penzberger Bergwacht. Seine Bereitschaft ist eine von wenigen in Bayern, die mit Spezialfahrzeugen, Drohnen und Hightech ausgerüstet ist, um damit etwa nach Personen zu suchen oder bei sogenannten Großschadens­ereignissen das Gelände zu erkunden. Gröbl zeigt sich an diesem Tag sehr angetan von den EMT-Plänen, gemeinsam mit Rettungsorganisationen die Luftaufklärung zu optimieren: „Das wäre schon gut, wenn da ein professioneller Partner einsteigt, weil wir dann nicht mehr so viel basteln müssten.“ Im Übrigen betont Gröbl, dass für die Personensuche in gefährlichem Gelände eine Drohne nach wie vor das Nonplusultra sei. 

Die Genehmigung steht noch aus

Für Udo Schwarz eine Steilvorlage, denn der EMT-Mann berichtet nun davon, dass sein Unternehmen gerade dabei sei, die Genehmigung für die kommerzielle zivile Nutzung von Drohen zu erhalten. „Die Zulassungsvorschriften dafür wurden schon erlassen“, sagt er. Liege die Erlaubnis erstmal vor, dann könne EMT verschiedene Modelle mit dem Sensor bestücken – und somit auch auf die individuellen Anforderungen eingehen. 

Es geht nicht um das große Geschäft

Jetzt klinkt sich EMT-Geschäftsführer Heinze wieder in die Diskussion ein. Er berichet von „sehr großen Anfragen nach ziviler Luftaufklärung“ und nennt als Beispiele die Bundespolizei und die Deutsche Bahn, die schließlich immer wieder mal ein immenses Streckennetz erkunden müsse. Gleichwohl versichert Heinze, dass es seinem Unternehmen bei dem Abstecher in den zivilen Bereich nicht um „ein großes Geschäft“ gehe. Bei dem Angebot einer Kooperation mit den Rettungsorganisationen in Penzberg sei vielmehr folgender Gedanke im Vordergrund gestanden: „Wenn wir schon vor Ort sind und eine solche Technologie haben, warum sollten wir diese dann nicht auch nutzbar machen?“ Und weil das Einsatzspektrum im zivilen Bereich viel größer als im militärischen sei, will man bei EMT auf diese Weise die Drohne auch von ihrem „negativen Touch“, wie Heinze sagt, befreien. Die Technik seines Unternehmens bezeichnet der Geschäftsführer sowohl bei den Fluggeräten wie auch bei den Sensoren als „einmalig in Europa“. 

„Hier streben wir aber eine Musterzulassung an“

Der erste Schritt der Kooperation mit den Penzbeger Institutionen wird aber noch mit bemannten Flugzeugen erfolgen. „Da können wir sofort starten“, sagt Udo Schwarz. Auf die Nutzung der Drohnen im zivilen Bereich muss man aber noch etwas warten. „Hier streben wir aber eine Musterzulassung an.“ 

Ein ziviler Drohnenstützpunkt für Penzberg

Für Bürgermeisterin Zehetner kommt diese Zusammenarbeit gerade zur rechten Zeit, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Layritz-Halle zu einem Blaulichtzentrum umgebaut werden soll. „Das kostet sehr viel Geld, weshalb wir sehr große Zuschüsse brauchen. Die kriegen wir aber nur, wenn wir auch etwas Besonderes bieten“, sagt sie. Und man sieht Zehetner regelrecht an, wie sie von einem zivilen Drohnenstützpunkt in Penzberg träumt. la

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