„Stadt gedenkt sehr zurückhaltend“

„Dunkelnacht“-Autorin Boie kritisiert Umgang mit „Penzberger Mordnacht“

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Verfasste das Buch „Dunkelnacht“: Kirsten Boie, Autorin aus Hamburg.
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Penzberg – Das neue Jugendbuch „Dunkelnacht“ der renommierten Hamburger Autorin Kirsten Boie beschreibt auf drastische Weise die Geschehnisse der „Penzberger Mordnacht“ von 28. auf 29. April 1945. In Penzberg wird das heuer erschienene Werk aber auch kritisch gesehen.

Es ist vor allem das Nachwort, dass manches Stirnrunzeln hervorruft. „Die Stadt gedenkt der Mordnacht sehr zurückhaltend“, schreibt Boie da. Und weiter: „Auch nach der kleinen Gedächtnisausstellung im modernen Stadtmuseum muss man eine Weile suchen.“ Boie schreibt zudem, dass sie „erschüttert“ gewesen sei, als sie erstmals von den Geschehnissen vor 76 Jahren vernahm: Nicht nur über das Geschehene, sondern „auch darüber, dass ich vorher nie davon gehört hatte“.

Worte, die nicht bei jedem in Penzberg gut ankommen. Vor allem nicht im Rathaus. „Das ist nicht richtig“, weist Sprecher und Kulturamtschef Thomas Sendl den Vorwurf einer mangelhaften städtischen Erinnerungskultur zurück. „Die Stadt tut richtig viel, um Gedenken und Erinnerung hochzuhalten.“ Sendl verweist auf zahlreiche Publikationen, die große und viel beachtete „Mordnacht“-Ausstellung von Gisela Geiger im Jahr 2005, die Gedenkstätten, die Schulprojekte. Zuletzt gab es die „Mahnblumen-Installationen. Auch werde gerade ein neuer Penzberg-Film gedreht, der die Ereignisse thematisiere.

Bürgermeister Korpan wehrt sich

Auch der Bürgermeister wehrt sich gegen die Vorwürfe. Penzberg mache viel in der Richtung, betont Stefan Korpan (CSU). Die Aussagen von Autorin Boie „kann ich nicht nachvollziehen“, sagte er am Rand der Gedenkplatten-Enthüllung gegenüber der Rundschau.

Kommentar: Erinnerung ist lebendig

Die Erinnerung an die „Mordnacht“ ist schmerzhaft. Auch 76 Jahre nach dem Verbrechen. Aber es muss wach gehalten werden, damit so etwas nie wieder passiert. Die Stadtgesellschaft stellt sich dieser Aufgabe. Sei es in öffentlichen Veranstaltungen, sei es in den Schulen. Der „Mordnacht“ wird wahrlich nicht zurückhaltend gedacht, wie die Autorin vorwirft. Es mag sein, dass man im fernen Hamburg davon nichts gehört hat, in Penzberg ist es stets präsent. Sicher, Hinweise auf die Stätten des Grauens und auf die Ausstellung wären gut – aber Schilder allein mahnen nicht. Dafür braucht es eine lebendige Erinnerungskultur. Und die hat Penzberg. Andreas Baar

Kritik der Autorin

Die Hamburger Autorin – die unter anderem den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk, das Bundesverdienstkreuz und die Hamburger Ehrenbürgerwürde erhalten hat – bezieht auf Rundschau-Nachfrage Stellung. Ihr Fazit: Man könne mehr tun, um an die „Mordnacht“ zu erinnern. Sie habe in Penzberg recherchiert, teilt Boie mit. „Sonst wäre das Nachwort ja gar nicht möglich gewesen.“ Das Mahnmal liege am Erschießungsort, deshalb also nicht im Stadtzentrum – „aber wer nicht davon weiß, wird es nicht finden: Es gibt keinen Wegweiser, nicht einmal am Kreisverkehr am Eingang des Ortes.“

Im Stadtzentrum selbst gebe es erst seit vergangenem Mittwoch – „76 Jahre nach der Mordnacht“ – eine Bronzeplatte. „Vorher gab es nichts.“ Stolpersteine um das Rathaus herum gebe es bis heute nicht. „Die Dauer-Ausstellung im Museum ist informativ“, so Boie weiter, „aber auch hier gibt es im Museum im Eingangsbereich keinen Hinweis darauf, es gibt unter den vielen dort ausgelegten Flyern keinen einzigen zur Ausstellung“. Auch die Broschüren habe sie dort nicht finden können.

„Ausstellung war schwer zu finden“

„Und auch die Ausstellung selbst war – anders als eine große modern gestaltete Fußballausstellung über drei Etagen – schwer zu finden.“ Im kleinen Ausstellungsraum selbst fand die Autorin zwar informative Tafeln und „zwei beeindruckende Objekte“ (schwarze Augenbinde, Strick), „aber das einzige audiovisuelle Dokument zum Beispiel ist angekündigt, existiert aber nicht mehr“. Boie erklärt, dass sie die große „Mordnacht“-Ausstellung von Gisela Geiger nicht besucht hatte, „da ich 2005 noch nicht mit Penzberg befasst war“.

Die entsprechenden Publikationen sind ihr nach eigener Aussage bekannt. „Nur findet man (oder fand man bei meinem Besuch im Sommer) diese Veröffentlichungen (Broschüren) als Penzberg-Besucher nicht – nicht einmal im Museum“, teilt Boie mit. Die beiden Bücher „Es war Mord, meine Herren Richter!“ und „Die Judas-Nacht“ habe sie beide nach langem Suchen kaufen und lesen können. Zudem sei sie im Austausch mit einer Lehrerin, „die auf diesem Gebiet viel tut“, so Boie. „Aber wie macht dies die Mordnacht auch über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar?“, fragt die Hamburger Autorin zurück.

Das Buch „Dunkelnacht“

„Dunkelnacht“: ISBN 978-3-7512-0053-0, Verlag Friedrich Oetinger, 112 Seiten, 13 Euro. Empfohlen ab 15 Jahren. 

Verbesserungsvorschläge von Boie

Boie hat bei aller Kritik auch Verbesserungsvorschläge. „Ich würde mir (zumindest) einen Wegweiser zum Mahnmal wünschen“, so die Autorin. Zudem solle es Stolpersteine in der Stadt an den Erhängungsorten geben. Auch einen Wegweiser im Museum „zur eher versteckt gelegenen Ausstellung“ nennt sie – zudem im Eingang informative Flyer wie zu den anderen Ausstellungen und Broschüren. Und zu guter Letzt: Unter den Straßenschildern, die die Namen der Opfer tragen, einen Hinweis, wer diese Männer und Frauen waren.

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