Zweite Petition eingereicht

Der Architekt Heiko Folkerts gibt nicht auf und will das ehemalige Verstärkeramt retten

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In den Augen der Denkmalschützer ist das ehemalige Verstärkeramt ein Paradebeispiel der Münchner Postbauschule mit kunstvollen Details. Die Genehmigung zum Abriss wurde der Gemeinde aber dennoch erteilt

Kochel – Der Versuch, das ehemalige Verstärkeramt in Kochel vor dem Abriss zu bewahren, geht in eine neue Runde. Im Sommer 2018 hatte eine Petition die Eintragung des Gebäudes in die Liste der Baudenkmäler zur Folge, der Abriss war damit aber nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben.

Obwohl das Bauwerk ein bedeutendes Beispiel der Münchner Postbauschule und historisches Zeitzeugnis der Pionier-Ionosphärenforschungen am Herzogstand ist, darf es nach einem Bescheid der Unteren Denkmalschutzbehörde abgerissen werden. Grund dafür sind öffentliche Belange und der Umstand, dass das Gebäude zum Zeitpunkt des Kaufs nachweislich nicht als Denkmal gelistet war. Eine zweite Petition des Architekten Heiko Folkerts will nun die Aufhebung der Abrisserlaubnis durch den Landtag erwirken. Bürgermeister Thomas Holz reagiert darauf für seine Verhältnisse erstaunlich gelassen: Die Petition, teilte er mit, habe man im Rathaus „zur Kenntnis genommen“. 

Ein offenes Hintertürchen

Die Gemeinde Kochel hatte das Grundstück in zwei Schritten erworben, im Jahr 2013 zunächst das Gebäude, vier Jahre später den Rest der 5.000 Quadratmeter großen Fläche. In einem Neubau will sie dort den Bauhof, 21 barrierefreie Sozialwohnungen sowie Räume für Jugend- und Vereinsarbeit und eine Unterkunft für bis zu zwölf Obdachlose schaffen. Dafür sollen Mittel aus dem Kommunalen Wohnraumförderprogramm genutzt werden. Während die erste Petition lief, verabschiedete Kochels Gemeinderat den Bebauungsplan, vier Wochen später nahm das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) das Gebäude „aufgrund seiner geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung“ in die Liste der Baudenkmäler auf. Dies rettete das Verstärkeramt allerdings nur vorübergehend vor dem Abriss, denn das BLfD hatte als beratende Fachbehörde in seiner Stellungnahme zwei Hintertürchen offengelassen: Die Abwägung von Erhaltensinteresse und öffentlichen Belangen sowie den Vertrauensschutz für die Gemeinde, denn das Gebäude war zum Zeitpunkt des Erwerbs kein Denkmal. Die Untere Denkmalschutzbehörde am Landrats­amt Bad Tölz-Wolfratshausen maß den beiden Aspekten eine höhere Bedeutung zu als der Denkmaleigenschaft und erteilte Anfang Oktober vergangenen Jahres die Abrisserlaubnis. 

„Die Denkmaleigenschaft ist fachlich unzweifelhaft“

Der Weilheimer Architekt Heiko Folkerts gibt den Kampf um das Verstärkeramt aber nicht auf. In einer zweiten Petition fordert er erneut „die Rettung des bedeutenden Denkmals“ und die Aufhebung der seines Erachtens „rechtswidrigen Abrisserlaubnis“ des Landratsamtes. Eine tatsächliche Abwägung der Belange habe nicht stattgefunden, moniert er und zitiert aus dem Abrissbescheid: „Die Denkmaleigenschaft ist fachlich unzweifelhaft. Daher spricht sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege unverändert für den Erhalt des Gebäudes aus, weist jedoch auf die Problematik hin, dass der Erwerb des Objekts seitens der Antragstellerin zu einem Zeitpunkt stattfand, als die Denkmaleigenschaft noch nicht erkannt war.“ Folkerts sieht hier eine Pflichtverletzung auf Seiten der Gemeinde. „Die Denkmaleigenschaft wäre durchaus erkennbar gewesen, zumal das beauftragte Architekturbüro den Bürgermeister darauf hingewiesen hat, dass es sich bei dem Bauwerk um die bayerische Postbauschule handeln könnte“, erläutert er. Überdies finde ein verkürztes Bebauungsplanverfahren nur dann Anwendung, wenn naturschutzrechtliche und denkmalschutzrechtliche Belange ausgeschlossen worden seien. „Diese hätten im Vorfeld und nicht erst im laufenden Verfahren abgefragt werden müssen“, betont Folkerts. 

Eine skandalöse Abrisserlaubnis

Im Hinblick auf die öffentlichen Belange verweise die Gemeinde auf einen notwendigen neuen Standort für den Bauhof, begründe aber nicht, weshalb dieser am jetzigen Standort nicht sanierbar sei. Zudem führe sie die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und Räumen für die Gemeinbedarfsnutzung ins Feld, erkläre jedoch nicht, warum sie „dringend bezahlbaren Wohnraum benötigt und gleichzeitig seit sechs Jahren vorhandene, leicht sanierbare Wohnungen im ehemaligen Verstärkeramt leer stehen lässt“. Im hinteren Teil des Gebäudes befänden sich zudem zwei große, gut erhaltene Räume, die „perfekt für die Gemeinbedarfsnutzung geeignet wären und im Vorbescheid vom Dezember 2015 auch dafür vorgesehen waren“, so Folkerts. Seiner Meinung nach könnte die Planung leicht auf das Denkmal abgestimmt werden, was zugleich im Sinne des Umweltschutzes nachhaltiger sei als ein energie- und ressourcenintensiver Abriss mit Neubau. In seiner Petition bittet er den Landtag nicht nur um Aufhebung der „skandalösen Abrisserlaubnis vom Landratsamt“, sondern auch um den Widerruf zugesagter öffentlicher Fördermittel, wenn sie der „Zerstörung hochrangiger bayerischer Baukultur und einem überflüssigen Neubau“ dienen. Zuschüsse sollten stattdessen für eine denkmalgerechte Renovierung bewilligt werden. 

Was ist wahr?

Kochels Bürgermeister Holz hat sich in einer Pressemitteilung zu dem Petitionsschreiben geäußert, in dem „zahlreiche Darstellungen nachweislich nicht der Wahrheit“ entsprächen. So habe es sehr wohl ernsthafte Planungen und kostenintensive Baugrunduntersuchungen gegeben, um den Bauhof am jetzigen Standort zu behalten, was jedoch am schlechten Baugrund gescheitert sei. Den westlichen Teil des Grundstücks mit dem Verstärkeramt habe die Gemeinde explizit erworben, „um an der dortigen Ortsrandlage den Bauhof zu situieren“. Ein genehmigter Vorbescheid im Dezember 2015 sah laut Thomas Holz den „Neubau eines gemeindlichen Bauhofs, Teilabbruch des ehemaligen Verstärkeramtes und Anbau einer Halle“ vor. Bereits vor dem Erwerb des restlichen Areals habe man sich „intensiv mit dem Kommunalen Wohnraumförderprogramm beschäftigt“, betont der Rathauschef, danach Räumlichkeiten für Jugend und Vereine sowie barrierefreien Wohnraum samt Tiefgarage und Aufzug eingeplant. „Nach einer Beratung durch die Regierung von Oberbayern wurde die Planung geändert, um noch mehr dringend benötigte Wohnungen schaffen zu können“, erläutert Holz. Die neuen Pläne sahen nun den Abriss des gesamten Bestandsgebäudes vor, im August 2017 stimmte die Regierung von Oberbayern einem vorzeitigen Maßnahmenbeginn zu. 

Eine völlig reguläre Sitzung

„Die Gemeinde hat das BLfD beim anschließend durchgeführten Bebauungsplanverfahren beteiligt“, stellt Holz klar. Nachdem keine Stellungnahme eingegangen sei, „musste und konnte davon ausgegangen werden, dass keine denkmalschutzrechtlichen Belange entgegenstehen“. Der einstimmige Satzungsbeschluss des Gemeinderates sei im Juli 2018 entgegen der Unterstellung Folkerts nicht in einer „schnell einberufenen“, sondern in einer regulären, turnusgemäßen Sitzung gefasst worden. 

„Ein Abriss steht derzeit nicht akut an“

Anders als von Folkerts dargestellt, sei selbst das BLfD vom Vorliegen eines Vertrauensschutzes ausgegangen, weshalb es in seinem Schreiben auf die Beachtung dieses Aspekts hingewiesen habe. Der Gemeinderat hat sich laut Holz mehrfach intensiv mit der Denkmaleigenschaft beschäftigt, kam jedoch zum Entschluss, den Bebauungsplan nicht mehr zu ändern. „Die mit dem Planungskonzept verfolgten Ziele für Gemeinde und Bürger wurden als bedeutender angesehen als die Erhaltung des Gebäudes“, betont der Rathauschef. Den Antrag auf denkmalschutzrechtliche Erlaubnis zum Abriss habe die Untere Denkmalschutzbehörde letztlich nach umfassender Prüfung und nochmaliger Beteiligung des BLfD erteilt. „Die zweite Petition von Herrn Folkerts, mit der dieser nun zum wiederholten Male versucht, das für die Gemeinde Kochel so wichtige Vorhaben zu torpedieren, wird zur Kenntnis genommen“, lässt der Bürgermeister abschließend wissen. Da eine Petition keine hemmende Wirkung hat, könnten also bald die Bagger anrollen, allerdings erst, nachdem die zum 31. Januar gekündigte letzte Mieterin ausgezogen ist. „Ein Abriss steht derzeit nicht akut an und wird auch nicht forciert“, versichert Holz diesbezüglich. cw

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