Gnadenlose Ehrlichkeit

„Gedacht durch meine Augen“: Buchheim Museum entdeckt Erwin Pfrang

+
In dem Bild „Das Leben der Gespenster I“ sitzt Pfrang mit seiner Frau Ester Cines auf der Couch und blickt auf sein Leben zurück. An seinem Sohn im Vordergrund ist es nun, die Geister der Vergangenheit zu bannen. Unter dem Gemälde bewies der wahrhaftige Erwin Pfrang mit seiner Ester Humor und drapierte sich wie im Bild. Nur die Couch fehlt.

Bernried – Eine außergewöhnliche Ausstellung erwartet derzeit die Besucher des Buchheim Museums. Es ist das erste Mal, dass man sich dort für einen Künstler öffnet, der in keinem Bezug zur sonstigen Sammlung steht. Erwin Pfrang. Der ist kein Mann großer Worte, wohl aber großformatiger Bilder.

„Es ist das erste Mal, dass ich meine Arbeiten in so großem Abstand betrachten kann. Sonst hingen sie immer eng zusammen“, begeistert sich Erwin Pfrang vor seinen gewaltigen Werken. Entstanden sind sie in den vergangenen zehn Jahren in der sizilianischen Stadt Catania sowie ab 2010 in Berlin. Und: Sie wurden noch nie zuvor in einem Museum gezeigt. 

Ganz anders verhält sich das mit seinen früheren Arbeiten, die Pfrang vor allem in Deutschland und den USA bekannt machten. Die Zeichnungen zu James Joyces Jahrhundert­roman „Ulysses“ etwa wurden 1992 in der David Nolan Gallery in New York ausgestellt, und der Zyklus „Odysseus und kein Ende“ begeisterte 1994 in der Neuen Pinakothek München. Im Jahr 2002 erwarb das Museum of Modern Art in New York Pfrangs Zyklus „Colazione con Sant‘Agata” und 2007 wurden die mit Tusche gezeichneten Ziegenhäute seines „Hades“-Zyklus in der Pinakothek der Moderne präsentiert. 

Auch das Motto „Gedacht durch meine Augen“, das Pfrang für die Bernrieder Ausstellung gewählt hat, wurde von „Ulysses“ inspiriert. „Alle Vorstellungen und Gedanken entspringen dem Sinnlichen. Über diesen bedeutungsvollen Bewusstseinsprozess wollen Joyce und Pfrang Bericht erstatten, der eine mit Worten, der andere mit Bildern“, schwärmt Museumsdirektor Daniel J. Schreiber. 

Erwin Pfrang ist ein Meister im Sammeln von Eindrücken, die er dann in seinen Gemälden, den Gedankengängen folgend, komponiert. „Ich sehe Gesichter, manche bleiben in meinem Geist hängen, und die skizziere ich zu Hause. Da muss es dann schnell gehen“, erklärt Pfrang. Gesichter und Gestalten nämlich sind es, die den Werken unglaubliche Tiefe und Lebendigkeit verleihen. Gesichter und Körper, die all das ausdrücken, was Worte niemals sagen könnten. Pfrang vereint Tote und Lebende, wechselt zwischen inneren und äußeren Bildern, zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, und er hebt Perspektiven auf. „Ich glaube nicht an eine Zentralperspektive“, so Pfrang und zeigt auf das Bild „Mit Händen und Füßen“: die ärmliche Hütte, welche Pfrang mit seiner Familie in Catania bewohnte, Mitglieder eines Roma Clans, welche er auch in Wirklichkeit bei sich wohnen ließ, seine Familie, die er mit erstaunlicher Ehrlichkeit und ohne jede Hülle ins Bild bannt. Durch viele seiner Gemälde geistern Menschen, die er „die Schläfer“ nennt. Ihnen gewährte er in Catania Zuflucht, wie den Roma, Obdachlosen, Heim- und Arbeitslosen. 

„Aber es ist alles gescheitert“, berichtet Pfrang, keinem dieser Schläfer gelang es, sich zu verändern. Ob es die Eindrücke einer Rundreise sind, der Blick aus dem Berliner Fenster oder die zahlreichen Portraits, auf denen Pfrang auch sich selbst mit gnadenloser Ehrlichkeit, oft nackt und mit Raucherlunge, darstellt, es sind immer Eindrücke, die berühren, die zum Nachdenken anregen. Sie wollen nicht interpretiert werden, sie wollen erspürt werden – der Ursprung des Sinnlichen eben. Wie Pfrang durch seine Augen denkt? „Hören Sie sofort auf zu lesen“, so beginnt die Wandtafel mit seiner Biografie. Die Ausstellung ist bis zum 23. Juni zu sehen. au

Auch interessant

Meistgelesen

„Fit4future“: Penzberger Grundschüler sporteln mit Geist und Körper
„Fit4future“: Penzberger Grundschüler sporteln mit Geist und Körper
„Skulpturen und Zeichnungen“: Anthony Cragg im Franz Marc Museum
„Skulpturen und Zeichnungen“: Anthony Cragg im Franz Marc Museum
Weg übers Kirchenbergerl wird nicht nur saniert
Weg übers Kirchenbergerl wird nicht nur saniert
In Benediktbeuern wird über den gesellschaftlichen Rang des Naturschutzes diskutiert
In Benediktbeuern wird über den gesellschaftlichen Rang des Naturschutzes diskutiert

Kommentare