Der Maier im Himalaya

Freilichtmuseum widmet den Goldenen Zwanzigern eine Sonderausstellung

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Dokumentieren eine bewegte Zeit: Museumsdirektorin Monika Kania-Schütz (rechts) und das Kuratorenteam Gerlinde Bartenschläger, Annika Röttinger und Jan Borgmann (von links).

Großweil – Ein handgefertigter Rollstuhl für einen Mann, der Schreckliches erlebt hat, ein Weihnachtsbaum, der nicht im Wohnzimmer, sondern an der Front seinen Platz fand, und Geld, das nach der goldenen Zeit kursierte: eine außergewöhnliche Ausstellung im Freilichtmuseum Glentleiten.

In diesem Jahr widmet sich das Freilichtmuseum Glentleiten einem wahren Epochenumbruch und zeigt in einer Sonderausstellung unter dem Titel „Eine neue Zeit – die Goldenen Zwanziger in Oberbayern“, was die Menschen auf dem Land in den 1920er Jahren bewegte. Historische Exponate, Text- und Bildtafeln sowie Film- und Tondokumente veranschaulichen die tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtergreifung Hitlers. 

„Golden waren die Zwanziger Jahre eigentlich nur zwischen 1924 und 1929“, erklärt Jan Borgmann vom Kuratorenteam. Vorher erlebten die Menschen noch die drastischen Folgen des Ersten Weltkriegs mit psychisch und körperlich versehrten Kriegsheimkehrern, Lebensmittelrationierung und einer Hyperinflation. Hinterher sorgte die Weltwirtschaftskrise für Massenarbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität. 

Die Ausstellung ist gegliedert in drei Teile, von denen sich der erste „Schock und Aufbruch“ der schweren Zeit in den ersten Jahren nach Kriegsende widmet. Trotz verlorenem Krieg empfingen oberbayerische Dörfer die rückkehrenden Soldaten feierlich als „unsere unbesiegten Besiegten“, wie aus Film- und Bilddokumenten hervorgeht. Die Absetzung des Königs, der von Kurt Eisner proklamierte „Volksstaat“ sowie Beginn und Niederschlagung der Räterepublik werden ebenfalls thematisiert. Zu den Exponaten in diesem Abschnitt gehören auch ein in Handarbeit angefertigter Rollstuhl für einen Kriegsheimkehrer, ein Frontweihnachtsbaum sowie Inflationsgeld und Lebensmittelmarken. 

„Nachdem Schreckliches überstanden war, ist man mit Hoffnungen in eine neue Zeit gegangen und hat ganz Neues gewagt“, erläutert Museumsdirektorin Monika Kania-Schütz. Vor allem die Rolle der Frau hat sich massiv verändert und mit ihr auch die Mode. Bei der Hofarbeit, die Frauen während des Krieges übernommen hatten, waren Korsett und bodenlange Kleider nicht geeignet. „Paillettenbesetzte Charleston­kleider wie in der Stadt hat es hier zwar nicht gegeben“, betont Museologin Gerlinde Bartenschläger, „vielmehr war die neue Rocklänge und gerade Silhouette auf dem Land pragmatisch bedingt“. 

Praktische Neuerungen zogen auch in den Haushalt ein, wie eine noch manuell betriebene Waschmaschine sowie eine moderne Reformküche zeigen. Technik und Elektrifizierung erleichterten den Arbeitsalltag, und ab Mitte des Jahrzehnts begann eine von wirtschaftlichem Aufschwung und kultureller Blüte geprägte Phase der Stabilität. Der Optimismus jener Jahre zeigte sich auch in einem neuen Freizeitverhalten. An einer Audiostation können Besucher der neuen Ausgelassenheit bei Liedern wie „Was macht der Maier im Himalaya“ oder „Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“ nachspüren. 

Dem abrupten Ende der „Goldenen Zwanziger“ durch die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen wie Verschuldung und Arbeitslosigkeit widmet sich die Sonderschau abschließend kurz und prägnant. „Unzufriedene Menschen wechselten ins Lager der radikalen Parteien“ ist auf einem Plakat zu lesen. Damals war dies der ideale Nährboden für die nationalsozialistische Propaganda, die Hitler zur Machtergreifung verhalf. Heute liest sich das Ende dieser sehenswerten Ausstellung erschreckend aktuell. 

Die Sonderausstellung mit bisher unveröffentlichtem Bildmaterial und Objekten aus eigenem Bestand sowie privaten Leihgaben aus Museen und Archiven aus Oberbayern und Audio- und Videostationen ist noch bis zum 1. Dezember zu sehen. In einem Rahmenprogramm wird sie von kreativen, musikalischen und literarischen Veranstaltungen begleitet. So wird es am kommenden Samstag, 18. Mai, einen Schablonierkurs mit Vorlagen aus den 1920er Jahren geben, bei dem die Stupftechnik zum Verzieren von Wänden und Textilien erlernt wird. Charleston und Couplets werden zu Christi Himmelfahrt am 30. Mai gespielt und am 4. Juni widmet sich eine musikalisch begleitete Lesung dem Aufbruch im Alpenvorland. cw

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