Unterrichtsausfälle: Elternbeirat des Penzberger Gymnasiums wendet sich an Kultusminister Sibler

Fehler im System

Post für den Kultusminister: Astrid Heller, Karin Wehrberger, Carmen Graf und Anke Ringel (von links) vom Elternbeirat wollen das Schulsystem auf Vordermann bringen, für ihre Kinder, aber auch, um Schulleiter Bernhard Kerscher zu entlasten.

Penzberg – Anrufe besorgter Mütter und Väter angesichts der hohen Zahl an Stundenausfällen am Gymnasium sind für den Elternbeirat nichts Neues: "Die wenden sich auch an den vermeintlich Schuldigen, die Schule", meint Elternbeirätin Karin Wehrberger. Doch das sei die falsche Adresse.

„Es liegt nicht an faulen und unmotivierten Lehrern“, betont Anke Ringel vom Elternbeirat des Penzberger Gymnasiums. Die zahlreichen Unterrichtsausfälle im vergangenen Schuljahr sind vielmehr einer Verkettung unglücklicher Umstände zu verdanken. Und dem Schulsystem, welches laut Ringel und ihren Kolleginnen Astrid Heller, Karin Wehrberger und Carmen Graf verbesserungswürdig ist, weshalb sich die Gruppe kurzerhand entschloss, einen Brief an Kultusminister Bernd Sibler zu schreiben. 

Zu Beginn des Schuljahres ist noch alles in Ordnung, denn dann ist die Personalplanung so kalkuliert, dass alle Unterrichtstunden geführt werden können. Doch unberechenbar sind Erkrankungen und Unglücksfälle: „In einigen Klassen der Mittel- und Oberstufe sind vergangenes Schuljahr in mehreren Monaten zwischen 30 und 50 Prozent des Unterrichts entfallen“, bedauert der Elternbeirat, der sich nun an Kultusminister Bernd Sibler wandte. Denn der Fehler sei nicht beim Penzberger Gymnasium, sondern im Schulsystem generell zu suchen. Eine Antwort Siblers ließ nicht lange auf sich warten. 

Vor allem eines lässt die vier Damen vom Elternbeirat nicht los: Immer wieder seien es Referendare, die bei Stundenausfällen einspringen. „Ein Mittel, welches das Kultusministerium großzügig zur Verfügung stellt“, belächelt Heller diese Maßnahme. Nicht die mangelnde Kompetenz der künftigen Lehrer, sondern die verstärkte Belastung von Kollegen und Kinder beschäftigt die Elternvertreter. „Die Referendare müssen auch zusätzlich betreut werden“, kritisiert Ringel den Mehraufwand für die betreuenden Lehrer, die dafür jedoch keinen Lohn erhalten. Und Heller ergänzt, dass die Kinder mit den Lehramtsanwärtern einem „ständigen Lehrkraftwechsel“ ausgesetzt sind und dass „durch Verabschiedungszeremonien und Kennenlernphasen wertvolle Unterrichtszeit“ verloren gehe. So viele Referendare sind laut Kultusminister Sibler am Penzberger Gymnasium aber gar nicht vertreten. Die Schule sei „mit einer Schülerzahl von weit über 900 mit sieben Studienreferendaren zum Beginn des Schuljahres 2018/19 im Vergleich zu anderen bayerischen Gymnasien keinesfalls überdurchschnittlich stark belastet“, heißt es in seiner Antwort. Und Bernhard Kerscher, der Direktor des Gymnasiums, ist sehr dankbar für die Referendare: „Die hängen sich rein und sind eine Bereicherung für die Schule.“ 

Auch was die Reserve angeht, sehen die Vertreterinnen des Elternbeirats Nachholbedarf. Eine so genannte „integrierte Lehrerreserve“ wurde an allen staatlichen Gymnasien eingerichtet, doch „die Reserve reicht insgesamt nicht aus. Da gibt es nur eine Möglichkeit: die Kapazitäten erhöhen“, meint Wehrberger. Ansonsten „leidet die Qualität“, wirft ihre Kollegin Graf ein. Hinzu komme, dass auch frei gewordene Vollzeitstellen lange „nicht durch gleichwertig ausgebildete Lehrkräfte ersetzt wurden“, klagt Heller. Zu erwähnen ist jedoch auch, dass sich die Schülerzahl am Gymnasium in den vergangenen vier Jahren verändert hat: „Seit 2014 sind es 150 Schüler weniger“, betont Kerscher und weist darauf hin, dass dementsprechend auch weniger Lehrer eingestellt werden. 

Ungeachtet dessen kritisiert der Elternbeirat, dass viele Stunden zum Teil ersatzlos ausfallen, insbesondere in den höheren Klassen. „Vor allem in der Oberstufe ist das fatal“, klagt Graf. Denn schließlich bestimmen die Leistungen der letzten beiden Jahre und nicht allein das Ergebnis der Abschlussprüfung die Abiturnote. „Es sind die Oberstufenschüler, denen es unter den Nägeln brennt“, so Astrid Heller, „aber auch Eltern, deren Kinder nicht gerade Selbstläufer sind.“ In den unteren Jahrgangsstufen sieht die Lage im Hinblick auf Vertretungsstunden laut Carmen Graf auch nicht so rosig aus: „In der Unterstufen wird noch vertreten, aber das ist eher Betreuung.“ Doch am Penzberger Gymnasiums liege es nicht, betonen die vier Damen: „Wir haben nichts entdeckt, was sie nicht schon probiert hätten“, erklärt Heller. Dabei können Schulen in Zeiten plötzlichen Lehrkraftmangels laut Kultusminister Sibler nicht nur auf personelle, sondern auch auf finanzielle Reserven zurückgreifen: So stehe jedem staatlichen Gymnasium ein Finanzpolster „im Umfang von 20.000 bis 40.000 Euro zur Verfügung“, das „ohne weitere Rücksprache mit dem Kultusministerium beim Ausfall einer Lehrkraft zur Beschäftigung einer Aushilfskraft“ eingesetzt werden könne. 

Doch da gibt es einen kleinen Haken, den der Elternbeirat in einem zweiten Schreiben an Sibler anführt. „Erst nach einer über acht Wochen nachgewiesenen Krankheit“ könne die Schule dieses Polster vom Kultusministerium erhalten. „Das beißt sich natürlich mit den Anweisungen an die Ärzte“, meint Direktor Kerscher. Denn die Mediziner seien dazu angehalten, Krankschreibungen von maximal vier Wochen auszustellen.Außerdem: Selbst wenn die finanziellen Mittel bereitstehen, so ist es die Schule, welche dann neue Angestellte finden muss: „Ich muss mich dann auf dem Arbeitsmarkt auf die Suche begeben“, sagt Kerscher. Im laufenden Halbjahr dort eine Lehrkraft zu finden, sei ein Glücksfall. „Wie kann es sein, dass ein Direktor, der Vorgesetzter von 90 Lehrern ist, für die Personalbeschaffung zuständig ist?“, fragt da Astrid Heller und hebt dabei hervor, dass selbst Kerscher in manchen Stunden einspringe. 

Für die Damen vom Elternbeirat steht deshalb nicht nur mit Blick auf Penzberg fest: Das Kultusministerium muss mehr Lehrer einstellen und darüber hinaus ein Konzept entwickeln, das es ermöglicht, schnell und ohne großen Aufwand personelle Ausfälle zu kompensieren. ra

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