Keine leichte Kost

Internationale Tagung an der KSH befasst sich mit Erfahrungen des Überlebens

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Intensiver und interessanter Austausch: Studenten der KSH Benediktbeuern und des Kibbutzim College Tel Aviv gemeinsam mit den israelischen Dozentinnen Lilach Naisthat-Bornstein und Biri Rottenberg-Rosler (Mitte).

Benediktbeuern – Genozid, Holocaust, Missbrauch: Unvorstellbar ist, welche Traumata manche Menschen mit sich tragen. Wie Betroffene mit ihrer Vergangenheit umgehen, welche Überlebenstrategie sie hatten und haben, damit beschäftigten sich die Teilnehmer einer besonderen Fachtagung an der KSH. 

Im fünften Jahr in Folge fand an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) in Benediktbeuern nun eine Fachtagung aus dem Bereich der Sozialen Arbeit statt. Unter dem Titel „Soziale Arbeit – (k)ein Ort für Menschenrechte – Arbeit mit Erfahrungen des Überlebens“ konnten hier Studenten sowie im sozia­len Bereich Tätige an drei Tagen eine ganzen Reihe von Vorträgen und Workshops besuchen, die von international hochkarätigen Dozenten präsentiert wurden. Dabei legten die Veranstalterinnen besonderen Wert auf die interdisziplinäre Ausrichtung der Tagung. 

„Teilweise schwere Kost“ seien die Inhalte der diesjährigen Tagung laut Mitveranstalterin und Dekanin Annette Eberle. Was sie damit meinte, ließ sich mit einem Blick auf die Titel der knapp 20 Vorträge und Workshops, die über drei Tage verteilt am Campus Benediktbeuern und der Akademie für politische Bildung in Tutzing stattfanden, leicht nachvollziehen. Die Themen, die auf die über 60 Teilnehmer warteten, reichten von der Erinnerungs- und Aufarbeitungsarbeit Holocaust-Überlebender über Genozide an indigenen Bevölkerungsgruppen bis hin zu Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in nachkriegsdeutschen Erziehungseinrichtungen. Als roter Faden zog sich dabei die Frage durch die gesamte Tagung, wie die Betroffenen damit umgehen und welche Auswirkungen ihre „Erfahrungen des Überlebens“ auf persönlicher wie auch gesellschaftlicher Ebene haben. Es gehe darum „aus der Vergangenheit zu lernen, um die Gegenwart verstehen und dadurch die Zukunft verändern zu können“, wie Eberle ausführte und damit eindringlich eine fundamentale gesellschaftpolitische Aufgabe formulierte. 

Um diese Aufgabe verwirklichen zu können, sei die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen extrem wichtig, was sich auch an der vielfältigen und international besetzten Dozentenliste ablesen lasse. Ähnlich wie der reguläre Lehrkörper am Campus Benediktbeuern selbst neben zwei Professuren für Soziale Arbeit „hauptsächlich aus Pädagogen, Psychologen, Soziologen, Juristen, Gesundheitswissenschaftlern und Historikern“ bestehe, bildeten vor allem drei große Bereiche den Kern der Tagung: eine juristische Perspektive auf die Menschenrechte und deren Verletzung, eine psychologische Perspektive auf den Umgang mit erlittenem Unrecht etwa mit Traumatherapie oder Bibliotherapie sowie die Soziale Arbeit in ihrer Funktion der Beratung und Unterstützung zur Selbstermächtigung von Opfern. Auch die Veranstalterinnen selbst bildeten diesen sowohl interdisziplinären wie internationalen Ansatz ab: So war die Tagung eine deutsch-israelische Koproduktion der Katholischen Stiftungshochschule München, der Akademie für politische Bildung Tutzing, der Universität Haifa sowie des Kibbutzim College of Education Tel Aviv. Sogar eine Handvoll israelischer Studenten war gemeinsam mit ihren Professorinnen angereist und zeigte sich „sehr gespannt auf den Austausch“ mit ihren deutschen Kommilitonen und den anderen Tagungsgästen. 

Die deutsch-israelische Beziehung stand dann auch gleich zum Auftakt im Mittelpunkt. Wie in den Jahren zuvor markierte ein Kunstprojekt den Tagungsbeginn, da die Kunst als weitere Disziplin ihre eigenen Wege habe „Unausprechliches auszudrücken“ und eine zentrale Rolle innerhalb „gelingender Erinnerungskultur“ spiele. Eindrucksvoll schilderte Lilach Naishtat-Bornstein, Leiterin des Kibbutzim College, in ihrem Eröffnungsvortrag die Entwicklung des „Kibbutz Buchenwald“, ein paradox wirkender Name, verbindet er doch den Begriff einer jüdischen Gemeinschaftsform mit einem Ortsnamen, der als Konzentrationslager stellvertretend für die systematische Vernichtung von Millionen von Juden steht. In ihrem gleichnamigem Kunstprojekt arbeitet Naisthat-Bornstein die Geschichte 16 junger Männer auf, die als Überlebende des KZ Buchenwald bereits wenige Tage nach ihrer Befreiung aus eigener Kraft noch vor Ort ein eigenes landwirtschaftliches Kollektiv aufbauten, bevor sie später nach Palästina übersiedelten. Wie es diesen Männern gelang trotz jahrelang erlittener Verfolgung und Lagerhaft ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen, lässt sich als außerordentliches und mutmachendes Beispiel für eine „Erfahrung des Überlebens“ ansehen. Und es zeigte stellvertretend für den weiteren Tagungsverlauf, dass es trotz allem Wege geben kann, auch schwere Kost zu verdauen. km

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