Eine Schatulle, ein Strick

Exponat aus Penzberger Museum in „Heimatschätze“-Publikation aufgenommen

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Ein Zeitzeugnis der besonderen Art: die kleine Holzschatulle und ihr bewegender Inhalt.

Penzberg – Die drei Gegenstände scheinen auf den ersten Blick harmlos, gar belanglos zu ein: eine alte Schatulle, darin ein verschlungenes Seil und ein Kruzifix. Doch in welcher Hand die drei Gegenstände einst waren, und welchem Zweck sie dienten, lässt dem Betrachter schnell die Kehle zuschnüren.

Nicht ohne Grund wurde das Exponat aus dem Museum Penzberg – Sammlung Campendonk im vergangenen Jahr vom Bayerischen Finanz- und Heimatministerium sowie vom Kunst- und Wissenschaftsministerium im Rahmen des Wettbewerbs „100 Heimatschätze“ ausgezeichnet. Nun hat es seinen Weg in die dazugehörige Publikation gefunden.

Es war die Enkelin eines Mannes, der den 28. April 1945 in Penz­berg nicht überlebte. Sie brachte ein bunt bemaltes Kästchen ins Penzberger Museum, mit einem Inhalt, bei dessen Anblick der Betrachter unweigerlich Gänsehaut bekommt: ein Strick, der Strick mit dem der Großvater einst erhängt worden war. Der Großvater, er war eines der Opfer der Penzberger Mordnacht. 

Ende des Zweiten Weltkriegs hatten einige Penzberger im Rahmen der „Freiheitsaktion Bayern“ eine Übergabe der Stadt an die einmarschierenden amerikanischen Truppen organisiert. Kein Blut sollte fließen. Man wollte Widerstand gegen den „Nero Befehl“, das Pumpwerk zu sprengen und den Betrieb des Bergwerks zu vernichten, leisten. Doch der Aufstand wurde niedergeschlagen. Sieben Beteiligte wurden von der Wehrmacht erschossen. Neun weitere, es waren unbeteiligte Männer und Frauen, wurden von einer Werwolfgruppe an den Bäumen vor dem heutigen Stadtplatz erhängt. Der Sohn eines der Opfer war dabei, als sein verstorbener Vater vom Baum abgenommen wurde. Man gab ihm ein Stück des Stricks. Und der Sohn legte das grausige Erinnerungsstück in eine bemalte Holzschatulle, darauf bettete er ein Kreuz und beschriftete die Innenseite des Deckels. Die Enkelin des Verstorbenen erbte schließlich die Schatulle und übergab sie ans Museum. Der Abschied von diesem grausigen Erbstück war eine Entlastung für sie. Seither ist die Schatulle ein fester Bestandteil der Dauerausstellung zur Penzberger Mordnacht, die das Museum vor rund 15 Jahren eröffnete und welcher umfassende Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen vorausgingen. 

„Diese Schatulle mit Strick und Kreuz ist ein Zeugnis des Widerstandes gegen das NS-Regime und zugleich ein wichtiges Mahnmal für künftige Generationen“, sagt Museumsleiterin Freia Oliv. Das Objekt ist zu einem Symbol für die Aufarbeitung der vermutlich dunkelsten Stunde der Stadt geworden. Zugleich leiste das Museum, so Heimatminister Albert Für­acker, mit dem Öffnen der Schatulle einen wichtigen Bildungsauftrag. „Mit Ihrem Engagement, Ihre besonderen Exponate der Öffentlichkeit bekannt zu machen und Ihren Heimatschatz mit ganz Bayern zu teilen, tragen Sie maßgeblich zum Erhalt unserer einzigartigen bayerischen Heimatgeschichte bei“, schrieb Füracker dem Museumsteam. 

Nun gerät die in den Kreis der „100 Heimatschätze“ aufgenommene Schatulle abermals ins Licht der Öffentlichkeit: ein Bild von ihr wie auch ihre Geschichte finden sich in der Publikation „100 Heimatschätze – Verborgene Einblicke in bayerische Museen“. Das Buch bietet auf 240 Seiten eine Übersicht über sehenswerte Heimatschätze, von denen einige bislang im Verborgenen lagen. ra/la 

Per E-Mail an info@stmfh.bayern.de kann das Buch kostenlos geordert werden. Auch eine Heimatschatzkarte als Überblicksdarstellung kann unter www.bestellen.bayern.de unentgeltlich angefordert werden.

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