Gemütliche Genießer

Bauernhof statt Klassenzimmer: Grundschullehrer von morgen auf Abwegen

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Hände her: Im Stall von Maria Lidl (rechts) geht es für die Lehramtsanwärter nicht nur zu schleckwütigen Kühen, sondern auch in die Melkanlage.

Penzberg – Eigentlich haben sie die Zeit mit Ranzen auf dem Rücken und Dinos auf dem Pulli hinter sich gelassen. Doch als die Lehramtsanwärter aus dem Landkreis Weilheim-Schongau den Bauernhof von Maria Lidl in Rain besuchten, wurden sie bei all dem Fell, das da zu streicheln war, wieder zu Kindern.

Kühe scheinen nicht nur reichlich Milch zu geben, sondern auch ein wahrer Jungbrunnen zu sein. Im Rahmen des Projektes „Erlebnis Bauernhof“, das vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium gefördert und vom Kultusministerium unterstützt wird, können Grundschullehrer mit ihrer Klasse einen Vormittag auf einem Bauernhof verbringen. Eine Exkursion der besonderen Art, wie Cornelia Nitschke vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Weilheim betont: Die Kinder lernen binnen weniger Stunden in einem landwirtschaftlichen Betrieb, woher Lebensmittel wie Milch, Eier oder Fleisch stammen, und wie viel Arbeit hinter deren Herstellung steckt. Wobei Landwirte nicht jede Minute als Arbeit empfänden, so Nitschke, „es ist das Leben“. Die Kinder blicken also in ein Leben, das vielen fremd geworden ist. „Penzberg hat noch zehn Bauernhöfe, Tendenz sinkend. Sie sterben uns weg“, bedauert Maria Lidl. Auf ihrem Hof in Rain haben Kinder noch die Chance, eine aussterbende Rasse, die der Landwirte, kennenzulernen. Auch können sie ihre Scheu vor Tieren ablegen und diese mit allen Sinnen erleben. „Außerschulisches Lernen in einem authentischen Umfeld“, nennt Nitschke das, während sich um sie herum keine Zweitklässler, sondern angehende Grundschullehrer scharen. 

Im Hintergrund blökt ein Schaf. Der Geruch von Grummet und Mist breitet sich aus. Die 25 Lehramtsanwärter stammen alle aus der Region und tauschen einen Tag lang das Klassenzimmer gegen Lidls Bauernhof. Umgekehrte Welt, denn normalerweise besuchen nur Kinder den Betrieb, doch Nitschke hat aus einem ganz bestimmten Grund die jungen Frauen und Männer von der Tafel weggeholt. Sie möchte die nächste Lehrergeneration für das Programm „Erlebnis Bauernhof“ gewinnen, schließlich liegt die Entscheidung bei den jeweiligen Lehrkräften, ob eine Klasse teilnimmt oder nicht. 

Um sich in das hineinversetzen zu können, was Kinder erleben, wenn sie in Gummistiefeln in einen Stall mit Kühen stapfen, stehen nun die Lehramtsanwärter mitten unter den Kühen. Die Tiere schauen kurz auf, doch ihr Interesse hält sich in Grenzen. Sie kauen und kauen und kauen genüsslich das Silo, das am Morgen vor ihrer Schnauze ausgebreitet wurde. Es dauert nicht lange und die ersten Besucher holen ihr Smartphone raus. Kuhkopflocken streicheln, hübsch lächeln, Foto knipsen. Währenddessen erklärt Bäuerin Maria Lidl den Referendaren das, was ihre rund 45 Milchkühe, die sie neben ein paar Hasen, Schafen, Schweinen und Hühnern tagtäglich füttert, so fressen. Silage, Heu, Grummet, Mineral- und Kraftfutter, selbstredend gentechnikfrei, so die Vorgaben der Molkerei. Dann spaziert die Gruppe am Fleckvieh vorbei. Warum manche Kühe einen Ring in den Nasenlöchern tragen, woran man sieht, dass ein Muttertier bald kalbt und wie viel Wasser Kühe am Tag tanken: Fragen über Fragen, die die stellvertretende Kreisbäuerin bestens kennt, von den Kindern, die sie für gewöhnlich durch ihren Laufstall führt. Vorbei an den an die Stallwand gehefteten Brunst­kalendern, in welchen aufgelistet ist, welche Kuh wann rindrig sein wird, geht es für die Junglehrer mit Lidl in die Melkkammer. Die Bäuerin schaltet die Maschinen an. Mit der Hand melken, das tat vielleicht noch ihr Opa, doch bei 45 Kühen sei das nicht mehr machbar. Zwischen 9.000 und 10.000 Liter Milch geben ihre Damen pro Euter im Jahr, sagt Lidl. Von alleine gehen die Kühe aber nur ungern in die Kammer, sie lassen sich schon betteln, „heute morgen lagen sie gemütlichst da“, lächelt Lidl, die genau weiß, wie lange welche Kuh an der Maschine hängen muss. „Man kennt sie ja“, schmunzelt die Bäuerin und lässt die Lehrer von morgen die Saugkraft der Melkmaschine testen, indem sie die Melkbecher statt an Euterzitzen an Handflächen setzt. 

Vor dem Stall dann langgezogene „Ohs“ beim Anblick der Kälbchen in den Iglus und der Jungtiere im zweiten Stall. Seufzer, die Lidl bestens kennt, von Grundschülern. Doch bei Kälbchen werden auch Akademiker wieder zu Kindern. Lidl seufzt vermutlich schon lange nicht mehr, „Fleckvieh ist eine Zweinutzungsrasse“, erklärt sie nüchtern. Soll heißen: Die Tiere sind nicht nur gute Milch-, sondern auch gute Fleischlieferanten. Und so werden diejenigen, die keine Milch geben, die männlichen Kaiberl, im Alter von acht Wochen versteigert, rund 450 Euro bringt ein Jungtier ein. Wirtschaftliches Denken, mit dem Lidl nicht nur die Lehramtsanwärter, sondern auch Kinder konfrontiert. Niedlich sind die Kälbchen ja, doch wer keine Milch gibt, bekommt keinen Platz im Stall. Auch die Tatsache, dass viel Arbeit hinter jedem Lebensmittel steckt, schmiert Lidl ihren Besuchern aufs Brot und lässt die künftigen Grundschullehrer zum Schluss noch Milch zu Butter schütteln. Bei einer abschließenden Diskussion können die Lehrer von morgen dann aber ihre Oberarme entspannen und in ihre hart erarbeiteten Butterbrote beißen. ra

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