Wider das Vergessen

Lieder erinnern an Opfer des Nationalsozialismus

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Eindringlicher Appell und berührende Erinnerungen: Der Liedermacher Ernst Deger singt, damit das, was geschehen ist, nie wieder geschieht.

Penzberg – Ernst Deger mahnt mit Liedern, niemals das düstere Kapitel deutscher Geschichte, die Zeit des Nationalsozialismus, zu verdrängen. So auch am vergangenen Sonntag in der Stadthalle, wo er auf Einladung des Vereins „Nie wieder! Gemeinsam gegen Rechts im Landkreis Weilheim-Schongau“ auftrat. 

Ein Stuhl, eine kleine Anlage mit Mikrophon, eine Gitarre. Und ein Notenständer, auf dem ein Schwarz-Weiß-Bild steht. So minimalistisch Degers Programm ist, so eindringlich ist es auch. Es sind eindringliche Geschichte, die der Weilheimer Ernst Deger vertont. Die meisten handeln von Menschen, die von Nationalsozialisten verfolgt, misshandelt oder ermordet wurden. Einen Tag vor dem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ gehen diese Geschichten ganz besonders unter die Haut. Denn vor 75 Jahren wurde das ehemalige KZ Auschwitz befreit – von Soldaten der Roten Armee, die auf rund 7.500 überlebende Häftlinge stießen, aber auch auf tausende Leichen und Anzeichen der Gräueltaten: hunderttausende Schuhe, tausende Koffer, tonnenweise Asche von Ermordeten. 

Deger macht in seinen Liedern einige von ihnen wieder lebendig. Menschen, die mutig Widerstand geleistet haben, die in dieser dunklen Zeit ihre Menschlichkeit bewahrt haben, die nicht weggesehen haben oder die deportiert, gefoltert und ermordet wurden. Etwa Christoph Probst, der das siebte Flugblatt der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ geschrieben hat. Ihm widmet Deger das Lied „Heimat“, die für ihn da ist, „wo meine Seele ihr freies Lied singt“. Oder der Landwirt und Dorfbürgermeister von Niederroth, Leon­hard Gailer, der ein halbjüdisches Mädchen aufnahm und als sein eigenes ausgab, um es vor den Nazis zu schützen. 

Im Lied „Amsterdam“ greift Deger schließlich die Deportationszüge auf – im wiegenden Gitarrenrhythmus zeichnet er ein bewegendes Bild dazu. Der Weilheimer erinnert aber auch an Emil Buxbaum. Der ebenfalls in Weilheim lebende jüdische Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts sei dort sehr beliebt gewesen, berichtet Deger, auch wegen seiner sozialen Ader. Dennoch wird er nach Litauen deportiert, dort erschossen und verscharrt. In einem Lied versucht sich Deger in die letzten Gedanken Bux­baums hineinzuversetzen – ein grausames, aber leider nicht konstruiertes Unterfangen. Das Publikum lauscht andächtig, ist ergriffen. 

Bei jedem von Degers Liedern wird offenbar, weshalb sich der Verein „Nie wieder! Gemeinsam gegen Rechts im Landkreis Weilheim-Schongau“ gegründet hat. Einer der Initiatoren ist der Sozialdemokrat Dominik Streit. Er nutzte den Abend und machte klar: „Aufbegehren ist wichtiger denn je, weil die politische Entwicklung in diesem Land nach rechts abdriftet.“ Im Landtag befänden sich die Faschisten bereits, sagt Streit und meint die AfD. „Und auch im Landkreis hat die AfD in letzter Sekunde einen Landratskandidaten aus dem Hut gezaubert. Die wollen auf kommunaler Ebene Fuß fassen. Da muss man Flagge zeigen und sich positionieren.“ 

So wie Deger. Der übrigens seine ganz eigene Geschichte hat: „Ich heiße Ernst, bin in Dachau geboren. Als Kinder spielten wir ahnungslos auf dem ehemaligen Schießplatz. Was in meiner Heimat passiert ist, darf nie wieder geschehen.“ dd

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