Nachthimmel über Belgrad

„Rasenglück“: Museum Penzberg widmet dem Elfmeterschießen eine Ausstellung

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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.
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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.
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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.
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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.
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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.
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Zwischen Fandom und Kunst: Manuel Neuer beim Abwurf, Karl Wald in voller Montur, alte Bälle des FC neu arrangiert, Günther Ueckers Nägel im Schlappen, die Collage mit dem Hammer und Diana Oesterle im Kunstrasenparadies.

Penzberg – Berlin, 30. Juni 2006. Olympiastadion, 19.20 Uhr. Deutschland gegen Argentinien bei der Fußball-WM, die ein Sommermärchen werden sollte. Es steht 1:1 nach Verlängerung. Oliver Kahn gibt Jens Lehmann, seinem erbitterten Rivalen, der ihn kurz vor der WM aus dem Tor der Nationalelf verdrängt hat, die Hand.

Dann kommt Andreas Köpke dazu, der Torwarttrainer. Er steckt Lehmann einen Zettel zu, darauf die Schützen der Argentinier. Der Rest ist Geschichte: Lehmann hält zwei Elfmeter, Deutschland ist im Halbfinale. Lehmann und der Zettel: ein Bild, das sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben hat. Wie so viele andere Elfmeterschießen, man denke nur an Uli Hoeneß, der am 20. Juni 1976 den Ball in den Nachthimmel von Belgrad drischt und damit die Tschechoslowakei zum Europameister macht. Als Hoeneß zur tragischen Figur wird, gibt es das Elfmeterschießen gerade mal sechs Jahre, gleichsam erfunden von Karl Wald, einem Schiedsrichter aus Penzberg. Vor genau 50 Jahren hat der Verbandstag des Bayerischen Fußballverbandes Walds Antrag auf Einführung des Elfmeterschießens stattgegeben, und weil obendrein auch noch der FC Penzberg vor genau 100 Jahren gegründet wurde, widmet das Mus­eum Penzberg nun dem Fußball eine Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Rasenglück. Die Erfindung des Elfmeterschießens“. 

„Ein einfaches Spiel“ 

Sich im Land von Franz Marc und Franz Beckenbauer als Freund des VfB Stuttgart zu bekennen, gilt nicht unbedingt als Ausweis besonderer Kennerschaft. Aber gut, Museumsleiterin Diana Oesterle ist nun mal mit Maultaschen und Kehrwoche groß geworden, da mag man ihr den Vaueffbe gerade mal so durchgehen lassen – zumal in Penzberg, wo mit Ludwig Kögl schließlich auch der prominenteste Kicker der Stadt seine sechste und letzte Deutsche Meisterschaft mit den Schwaben gewann. Ihre fußballerische Sozialisation in Canstatt hat Oesterle aber zweifelsohne dazu befähigt, sich auf jenen Sport einzulassen, von dem der ehemalige englische Nationalspieler Gary Linneker gesagt hat: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“ 

Vom Erfinder des Elfmeterschießens bis zum Elfmetertöter

Oesterle ist bei der über die drei Etagen des Altbaus verteilten Ausstellung jedenfalls ein beachtlicher Spagat zwischen Fandom, Stadtgeschichte und Kunst gelungen. Im Erdgeschoß etwa verwandelt sich das ehrwürdige Haus in ein kleines Fußballstadion, komplett ausgelegt mit jenem Kunstrasen, der auch im Nonnenwald ausgebracht wurde. Ein lebensgroßer Karl Wald hängt dort an der Wand, daneben sein Schiedsrichterausweis und eines seiner Trikots, inklusive gelber und roter Karte. Geschickt verknüpft die Ausstellung die Geschichte des Fußballs mit der Person des 2011 im Alter von 95 Jahren verstorbenen Wald und dem Elfmeterschießen. Und natürlich ist auch der Elfmetertöter dabei – und das sogar zweimal: Rudi Kargus, ehemals beim HSV, bei Nürnberg, Karls­ruhe und Düsseldorf zwischen den Pfosten, ist bis heute mit 23 gehaltenen Elfmetern in der Bundesliga unerreicht. Nach seiner aktiven Karriere verlegte er sich auf die expressive Kunstmalerei, und das mit so großem Erfolg, dass im Obergeschoß des Museums gleich drei großformatige Bilder von ihm zu sehen sind.

Lederbälle in 2D

Kargus setzt damit einen bewusst gewählten Contrapunkt: Ein ehemaliger Fußballer, Nationalspieler obendrein, der sich ganz der Kunst widmet, ist ein wunderbarer Kontrast zur Fußballkunst etwa von Günther Uecker, der seine berühmten Nägel diesmal durch einen Schlappen und eine Lederkugel treibt. Oder das Universum von Greg Colson, in dessen Mittelpunkt der Fußball gleichsam als Sonne strahlt. Und weil ein Elfmeter, ein scharf geschossener zumal, im Tribünenjargon ganz einfach als Hammer gilt, hat es die wunderbare Collage von Christoph Niemann bis zum Plakatmotiv der Ausstellung geschafft. Sehenswert auch eine Arbeit der Münchner Künstlerin Janina Stüber, die einzelne Elemente aus alten Lederbällen des FC Penzberg zusammengefügt hat. Dazwischen sind zwei Große der deutschen Sportfotografie zu sehen: Andreas Gursky und Regina Schmeken. Während der Düsseldorfer das Alltägliche des Fußballs in der Provinz, ob in Belgien oder der Schweiz, einfängt, hat die Berlinerin die deutsche Nationalmannschaft begleitet, um in riesigen Schwarz-Weiß-Kompositionen den Bruchteil einer Bewegung festzuhalten: Manuel Neuer beim Abwurf oder Thomas Müllers Storchenbeine im Sprung. Hohe Fotokunst, die alleine einen Besuch wert ist. 

Kicken ohne Kargus

Doch noch einmal zurück auf den flauschigen Kunstrasen im Erdgeschoß: Kabinettartig ist ein Raum dem Fußball in Penzberg gewidmet, allen voran dem FC, der es in seiner hundertjährigen Geschichte bis in die 2. Liga gebracht hat, aber auch dem ESV, der DJK, den Maxkronern und natürlich Ludwig Kögl. Jetzt aber nochmal schnell zurück in den großen Raum mit dem Tor an der Wand: Davor steht ein Kicker, mit dem jeder selbst seinen Elfmeter schießen kann, der Kargus kommt da nie ran. la

Die Ausstellung „Rasenglück“ wird am 19. Mai eröffnet und ist dann bis 4. Oktober (Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr) zu sehen. Aufgrund der Corona-Pandemie gelten folgende Sicherheitsvorkehrungen: Die Anzahl der gleichzeitigen Besucher ist auf 15 Personen begrenzt, es gilt die Abstandsregel von mindestens 1,5 Meter und es ist einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

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