Streik auf Papier

Frauen im Rampenlicht der Literatur: „Lange Nacht der Bücher“ des Vereins Sofia

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Neuer Stoff für Auge und Ohr: In der Büchertauschbörse wurde ausgiebig nach neuen Wälzern Ausschau gehalten, auf die Ohren gab‘s dann bei den Autorenlesungen.

Kochel – Wenn der Verein „Sofia – Frauen bilden“ zu einer Nacht im Zeichen der Literatur lädt, so dürften Themen rund um die Rolle der Frau nicht fehlen. Genau das war bei der „Langen Nacht der Bücher“ der Fall, doch auch Männer kamen ins Spiel, wenngleich sie, neben Frauen, den Tod fanden.

Die „Lange Nacht der Bücher“ war zwar doch nicht ganz so lang wie ursprünglich geplant, dafür war sie aber so spannend und abwechslungsreich wie erhofft. Nachdem von den vier angekündigten Autoren nur drei kamen, haben die Damen des Vereins „Sofia – Frauen bilden“ kurzerhand improvisiert und den Ablauf etwas gestrafft – was dem Vergnügen des Zuhörens jedoch keineswegs einen Abbruch tat. Zu hören hab es in den Kocheler Stuben kritische Beobachtungen zur Situation der Ehrenamtlichkeit und Freiwilligenarbeit in Deutschland, Kurzbiographien feministischer Pionierinnen und alpenländische Kriminalgeschichten. 

Auf die bayerische Revolution mussten die Besucher der erstmals durchgeführten „Langen Nacht“ verzichten, denn die angekündigte Lesung von Michaela Kahl aus Straubing über „Hauptprotagonisten der bayerischen Revolution vor 100 Jahren“ fiel aus, weil die Autorin war kurzfristig verhindert war. Und dennoch blieben Revolutionen an diesem Abend nicht aus, denn dass auch gegenwärtig immer wieder Revolutionen, wenngleich anderer Art als die bayerische, stattfinden, wurde dennoch deutlich. Schließlich lag der Schwerpunkt, kein Wunder bei einem vom Sofia-Verein organisierten Leseabend, zwar nicht ausschließlich, aber logischerweise auch auf Themen, welche die historischen und zeitgenössischen gesellschaftlichen Rollen von Frauen aufgreifen und reflektieren. Und da nicht nur die Arbeit, die von Frauen geleistet wird, oftmals in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als mit der von Männern gleichgestellt gewürdigt wird, sondern auch die Versuche, daran etwas zu ändern, kann man auch innerhalb der Geschichte der feministischen Bewegungen von einer Reihe von Revolutionen sprechen, die oft genug außerhalb der allgemeinen öffentlichen Debatte stattfinden. 

Aus diesem Anliegen heraus nahm Angelica Dullinger, Gründerin und Vorsitzende von Sofia, einen aktuellen politischen Bezug und signalisierte mit einem Banner mit der Aufschrift „Frauen streiken“, der großflächig über der Lesebühne hing, auch die Solidarität des Vereins mit dem Frauenstreik, der Tags zuvor in der Schweiz stattgefunden hatte. Vor diesem Hintergrund also gaben sich die drei angereisten Autoren ein literarisches Stelldichein. Als erstes startete Claudia Pinl in den Abend, die sich als Politikwissenschaftlerin und Journalistin mit der Arbeitswelt von Frauen, Genderfragen und – für diesen Abend maßgebend – mit einer kritischen Perspektive auf die allgegenwärtige Ehrenamtstätigkeit beschäftigt. In ihrem Buch „Ein Cappuccino für die Armen“ geht sie der Frage nach, „woher dieser bundesweite, übermäßige Bedarf an unentgeltlicher Freiwilligenarbeit“ stamme und dröselt dies mit wachem und entlarvendem, dabei jedoch nicht den Humor vergessenden Blick auf. Dabei geht es ihr nicht darum, bürgerschaftliches Engagement als solches oder gar „die wichtige Motivation, freiwillig anderen helfen zu wollen“, zu kritisieren, die sich „bundesweit in 30 Millionen ehrenamtlich Tätigen“ ausdrückt. Vielmehr richtet sie ihren Blick auf das Versäumnis der sozialstaatlichen Organisation, die dringend benötigte Freiwilligenarbeit im Sinne einer „öffentlichen Daseinsvorsorge“ zu gestalten, sprich ausreichend gut bezahlte Stellen im sozialen oder auch karitativen Bereich zu schaffen. In ihren Augen findet hier ein „sozialstaatlich legitimierter Missbrauch von Hilfsbereitschaft“ statt, wobei gerade ältere Frauen als „heimliche Ressource der deutschen Sozialpolitik“ dienen. 

Ebenfalls auf Frauen richtete sich der Blick von Gisela Notz, die auf kurzweilige Art über das Leben verschiedener Pionierinnen der feministischen Bewegung berichtete. In der seit 2003 von ihr herausgegebenen Kalenderreihe „Wegbereiterinnen“ werden jedes Jahr Frauen, die vor 1920 geboren wurden und auf verschiedene Weisen einflussreich für die Entwicklung feministischen Denkens und Handelns waren, in einer Kurzbiographie vorgestellt. Anhand der Darstellung von sowohl bekannteren Persönlichkeiten wie Mary Wollstonecraft und Olympe de Gouges als auch weniger bekannten Vertreterinnen, darunter die in München tätige Constanze Hallgarten oder die im Dritten Reich nach New York emigrierte Heidenheimerin Else Kienle, wurde deutlich, wie fortschrittlich die Anliegen dieser frühen Feministinnen waren, die bereits Ende des 19. Jahrhundert eine Gleichstellung der Löhne forderten – ein Thema, das heutzutage noch aktuell ist. 

Eine Sache, in welcher sich Frau oder Mann weder vor hundert Jahren noch heute unterscheiden, schloss den Abend dann ab: beide machen früher oder später Bekanntschaft mit dem Tod. Dass sie diesem auch in den beschaulichen Alpen begegnen können, bewies Stefan König, der Auszüge aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript zum Besten gab. In bester Krimimanier porträtierte der Penzberger Kulturveranstalter, Alpenspezialist und Luis-Trenker-Biograph auf spannende und anschauliche Weise verschiedene Wege, die in den Bergen zum Tod führen können. Diese intensive Lesung rundete dann eine halbe Stunde früher als geplant den gelungenen, informativen und zum Nachdenken anregenden Abend auf sehr unterhaltsame Weise ab. km

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