Heimat ohne Hoffnung

Nichts Neues aus Nigeria: Father Gerald über ein Land ohne Fortschritt

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Kaffee, Kuchen und ein Land in der Krise: Ehe es zum Gespräch an die Biertische ging, hielt Father Gerald eine klagevolle Rede über Nigeria.

Penzberg – Kein dunkles Gewand, sondern ein hellblaues Hemd trägt Father Gerald Njoku , als er den Raum an der Christianstraße in Penzberg betritt. An seinem Hals leuchtet der Kollar. Er lächelt, aber zum Lächeln ist ihm nicht zumute, denn in Nigeria, dort, wo er lebt und wirkt, ist nichts gut. 

Die Sonnenblumen, welche als Zierde auf den Biertischen vor dem Werk­raum an der Christianstraße liegen, sind schon ein wenig welk, als Father Gerald kommt, zum Kaffeetrinken mit den Mitgliedern des Asyl-Helferkreises. Diese erwarten den Mann aus Owerri bereits, einige draußen bei den durstigen Blumen, einige drinnen, dort, wo Stuhlreihen aufgestellt sind und der Priester gleich eine Rede hält, die es, umgeben von Kaffee und Streuselkuchen, in sich hat. 

„Wir machen benachteiligte Brüder und Schwestern stark“

Nichts beschönigt der Father Gerald vor all den Helfern, die immer wieder Spenden sammeln, zuletzt für eine Nähwerksatt in Owerri, die er leitet. Beim Blick auf dieses Projekt, sein jüngstes, muss der auch noch nichts in seinen Worten beschönigen, denn dort drehen sich fleißig die Spulen der Nähmaschinen. Die Werkstatt ist binnen weniger Monate zu einer Wirkungsstätte von zwölf Mädchen und Frauen geworden, die das Schneiderhandwerk erlernen wollen. Father Geralds Vision, jungen Menschen in Nigeria eine Zukunft zu ermöglichen, damit diese keine gefährliche Flucht wagen, findet dort eine erste Realisierung. In dem „entrepreneur­ship and empowerment program“ seiner Diözese, der katholischen Erzdiö­zese von Owerri, soll nämlich jungen Menschen durch Unterricht eine Zukunft in der Heimat gesichert werden. „Wir machen benachteiligte Brüder und Schwestern stark“, sagt Father Gerald. In der Nähwerkstatt erhalten seit einigen Monaten „Schwestern“ Unterricht, auch dank der finanziellen Unterstützung durch den Helferkreis in Penzberg. Doch die Einrichtung soll erst der Anfang sein, auch in den Bereichen Landwirtschaft, Gastronomie und Kosmetik möchte der Geistliche jungen Menschen schon bald eine Ausbildung ermöglichen. 

Nichts Neues aus Nigeria

Noch sei das Projekt mit Nadel und Faden klein, „doch ein unendlich wichtiger Beitrag“, sagt Father Gerald, und sein Lächeln weicht einer ernsten Miene. Denn vom Kleinen geht es nun ins Große, von Owerri wendet er seinen Blick auf ganz Nigeria. Dort habe es eigentlich keine positiven Veränderungen gegeben, seitdem er das letzte Mal in Penzberg über seine Heimat berichtete, sagt Father Gerald. 

Sterben auf der Straße

Das Gesundheitssystem sei noch immer genauso marode wie die Straßen, auf denen viele Menschen im Krankenwagen sterben, ehe sie eine Klinik erreichen. Selbst dem Geistlichen ist mulmig zumute, wenn er daran denkt, in seiner Heimat zu erkranken. „Ich habe immer Angst“, gibt er offen zu, ein Gefühl, das er in Deutschland nicht kennt, denn es sei „ein Himmel auf Erden“. Auch um das Bildungssystem sei es nicht gut bestellt, vor allem in den Grundfächern mangele es an Lehrkräften in den Schulen. Und das, obwohl es doch das Wissen sei, welches „das Kapital der heimischen Wirtschaft mehren könnte“. 

Spannung im ganzen Land

Die Schuld an der Misere im eigenen Land sieht er in der Politik. Und zugleich setzt der Geistliche, wie viele seiner Landsleute, auf ebendiese. Vor wenigen Monaten kam es in Nigeria nämlich zu einem politischen Wechsel, Hon. Emeka Ihedioha wurde zum neuen Gouverneur der Provinz Imo, in der Owerri liegt, ernannt. Die Hoffnungen im Land, so Father Gerald, ruhen nun auf den Schultern des Mannes, welcher der People‘s Democratic Party vorsteht. Die vorangegangene Regierung habe gegen die wirtschaftsschädlichen Defizite nämlich kaum etwas oder gar nichts getan. Doch sorgenvoll blickt Father Gerald auf die Pläne der nigerianischen Nationalregierung, den Fulani Herdsmen Weidegebiete im gesamten Land zuzuteilen, den Menschen, die wie Nomaden durchs Land ziehen: „Sie wollen nicht nur mit uns leben, sondern auch besitzen“, sagt der Pfarrer. Und: „Sie töten Christen.“ Derzeit sei der Plan, den Fulani zu Siedlungsgebieten zu verhelfen, zwar vom Tisch, doch „es gibt eine spürbare Spannung überall im Land“, so der Geistliche. Nigeria, es kommt einfach nicht zur Ruhe. Father Gerald hält seine Rede mit schwerer Kost neben einem Tisch, auf dem sich so viel süßer Kuchen sammelt wie bei einem Kindergeburtstag. Zu seiner Rechten stapeln sich kleine Taschen auf einer Kommode. Farbenfrohe und musterreiche Stoffe leuchten ihm entgegen, Stoffe, für die Afrika berühmt ist und die Lebensfreude vermuten lassen, obgleich die Realität eine andere ist. 

Hoffnungsschimmer in der Nähwerkstatt

Wieder zur Lebensfreude gefunden haben dürften aber jene jungen Frauen, welche die Taschen in der Nähwerkstatt in Owerri angefertigt haben. Denn sie glauben nun wieder an eine Zukunft, in einem Land, das den Menschen jegliche Hoffnung genommen zu haben scheint. ra

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