Keine Breze für Afrika

Europa und die Welt: Im Global Holiday Camp denken Kinder demokratisch

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Globales und Gaudi: So trocken Politik manchmal sein kann, im Global Holiday Camp in Benediktbeuern begeisterte sie die Kinder.

Benediktbeuern – Nein, die Themen sind nicht unbedingt leicht zu verdauen, und auch diese durchzukauen, ist es nicht. Doch keinerlei Scheu haben die 10- bis 14-Jährigen, die im Global Holiday Camp im Aktionszentrum des Klosters Benediktbeuern über globale Gerechtigkeit und Demokratie diskutieren.

Drei Brezen reichen wohl kaum für zehn Kinder, und am Nachbartisch stapelt sich das Laugengebäck geradezu auf einem Teller, bestimmt für ein Kind allein. „Das ist nicht fair!“, ruf ein Mädchen in die Runde. Ein anderes fackelt nicht lange, steht auf, und holt sich eine Breze vom fremden Geschirr. Beim „Globalen Frühstück“ erlebten die Kinder des fünftägigen Global Holiday Camps am eigenen Leib, was Ungerechtigkeit bedeutet, und wie sie sich anfühlt. Ja, das Thema und auch die anderen, die in den Workshops des Camps erarbeitet und behandelt werden, sind nicht leicht, doch die Betreuer, allesamt ehemalige Don Bosco Volontäre, bereiten die komplexen Materien kindgerecht auf. Und: Die Kinder sollen keine Lösungen finden, vielmehr sollen sie „Denkanstöße“ erhalten, erklärt Betreuerin Olivia Sigmund, die bereits beim ersten Holiday Camp vor drei Jahren als Organisatorin dabei war. Denkanstöße erhalten in dem Ferienlager vor allem Kinder, die aus unterschiedlichen Verhältnissen stammen, in diesem Jahr sei die Zusammensetzung der Gruppe „ein Traum“, so Sigmund, denn Kinder mit Flucht- und mit Migrationshintergrund und aus benachteiligten Familien haben dieses Mal zusammen gefunden. Und das bestens, denn bereits an Tag eins lernten sich die Teilnehmer bei verschiedenen Spielen gut kennen, aus einem Escape Room durch das gemeinsame Lösen von Rätseln herauszukommen, schweißt schließlich zusammen.

Am zweiten Tag wurde es dann politisch, die Kinder setzten sich zu Gesprächsrunden zusammen, debattierten mit Blick auf Europa über Demokratie, Gleichberechtigung und Wahlen. In den Workshops wurde es dabei praktisch, so durften die Kinder bei einer Wahl ihre Stimme abgeben, mussten dabei jedoch einem Wahlbetrug auf die Schliche kommen, was ihnen auch gelang. Einen Gerechtigkeitssinn haben sie eben schon, auch wenn es für sie erst in ein paar Jahren an die Urne geht. Auch konnten die Kinder einen Reiseplan aufstellen, in welchem sie aufführten, wohin sie gerne reisen möchten und warum. So hätten sie es schätzen gelernt, dass sich Menschen in Europa frei bewegen können, erklärt Sigmund. 

Am darauffolgenden Tag wurde es dann eine Nummer größer, nämlich global. Und das schon am Frühstückstisch. Jedes Kind loste aus einem Glas einen Zettel, je nach Farbe wurde ihm ein Tisch zugeordnet. Mit Bestürzung mussten sie da feststellen, dass an manchen spärlich besetzten Tischen reichlich Brezen auf den Verzehr warteten, an manchen voll besetzten nur wenige oder auch gar keine. Schnell begriffen die Kinder das Spiel, jede Farbe, jeder Tisch symbolisierte einen Kontinent, Aus­tralien, Afrika, Asien, Amerika. Je nach geografischer Lage hatten die Kinder also mal mehr mal weniger zu essen. Eine Ungleichverteilung, mit welcher sich die Kinder nicht wohl fühlten. Ein Junge, der reichlich Laugengebäck auf dem Teller hatte, fühlte sich schlecht, „weil andere Hunger hatten, aber nichts zu essen“. Das „Globale Frühstück“, es zeigte den Kinder deutlich und auf einfache Weise auf, was es mit globaler Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit auf sich hat. Nicht ganz so einfach war die anschließende Präsentation, bei welcher es dann sehr politisch wurde, mit komplexen Weltkarten, auf welchen Länder „mit viel Erfolg“ aufgebläht dargestellt wurden, während andere Regionen schmalen Landstrichen glichen. Die Camper konnten sich dann bei einem Theaterstück, beim Malen von Acrylgemälden oder auch beim Geschichtenschreiben, alles unter dem Motto der globalen Gerechtigkeit, praktisch verausgaben. Ein wenig Abstand von der Politik fanden die Kinder dann am vierten Tag, an welchem sie sich auf nach Großweil machten, um das Freilichtmuseum Glentleiten zu erkunden. Dort stand dann statt debattieren und diskutieren Butterstampfen an. Nahrhaft wurde es schließlich auch am Abschlusstag, an welchem sich die Kinder bei einer Kochchallenge die Zutaten erspielen mussten. Unabhängig von dem Erfolg gab es aber Abendessen für jeden und reichlich, schließlich wurde kein „Globales Dinner“ serviert. 

Mittlerweile haben sich die Kinder wieder verabschiedet, doch auf die Betreuer wartet schon das nächste Camp, in dem aber sie selbst zu Campern werden. Die Kinderhilfsorganisation Children for a better World zeichnet das Global Holiday Camp nämlich im Rahmen eines Wettbewerbs neben sieben weiteren sozialen Projekten aus. Der Preis und ein Engagement-Camp warten Mitte September auf die ehemaligen Don Bosco Volontäre. Auf einer großen Leinwand werden sie dann auch einen Film zu ihrem jüngsten Global Holiday Camp zu sehen bekommen, denn Laura Jörg von Children for a better World schaute in Benediktbeuern mit der Kamera vorbei, um „die wahnsinnig engagierten Jugendlichen“ und das „super organisierte Projekt“, so Jörg, festzuhalten. ra

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