Isolation und Insekten

Bedrückend poetisch endet die „Moosbrand“-Trilogie der Stiftung Nantesbuch

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Meister der Mimik, Spezialist für Sprache: Axel Milberg wusste bei seiner Lesung das Publikum zu bewegen.

Bad Heilbrunn – Beim letzten Musik- und Literaturfest „Moosbrand“ der Stiftung Nantesbuch ging es auf „Streifzüge durch die Zeit“, unter anderem mit den Mimen Martina Gedeck und Axel Milberg sowie dem Dichter John Burnside, die den Menschen poetisch, aber auch schonungslos  in der Natur aussetzten.

Viele Jahrzehnte lang galt Marlen Haushofers Buch „Die Wand“ als nicht verfilmbar. Als der österreichische Drehbuchautor und Regisseur Julian Roman Pölsler 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle den Roman verfilmte, herrschte Skepsis, in erster Linie der dialoglosen Rolle der Protagonistin wegen. Zum diesjährigen „Moosbrand“ bot sich „Die Wand“ wie kein anderes Buch an. In der ausverkauften Eingangshalle des Langen Hauses las Martina Gedeck aus dem Roman, der wohl kaum jemanden mehr ergriff als sie selbst. 

Bedrückende Verzweiflung

„Ich bin ganz allein“, schreibt die Frau hinter der Wand, die auf einmal da ist. Eine unsichtbare Wand, die sich wenige hundert Meter hinter dem Jagdhaus in den Bergen aufgebaut, entwickelt, gebildet hat. Anfangs versucht die Ich-Erzählerin, die im Buch wie im Film namentlich nicht genannt wird, noch, die Wand zu durchdringen. Doch irgendwann gelangt sie zu der Erkenntnis: „Je weniger ich mich wehrte, desto erträglicher würde es sein.“ Manche Gäste kannten den Film, andere das Buch aus dem Jahr 1963, einige beides. Als „beklemmend“ beschrieb eine Zuhörerin den Roman, der mit der Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle fast noch eine Steigerung fand. Gedeck las nun Auszüge aus dem Roman so wie sie als Protagonistin im Film ihren Bericht über die Geschehnisse vortrug. Ein langsamer, nicht langatmiger Monolog über die anfängliche Verzweiflung, als der Ich-Erzählerin klar wird, dass sie wohl die einzige Überlebende eines großen Unglücks sein würde und nun vor der Wahl steht: aufgeben oder überleben. Die Erzählerin ist durch die rätselhafte Wand vor diesem Unglück geschützt und zugleich gefangen. Da sich das von der Wand umschlossene Gebiet über mehrere Jagdreviere erstreckt, lernt die Isolierte allmählich, sich von den Früchten und Tieren des Waldes und aus ihrem Garten zu ernähren. Zu der Sorge um ihre eigene Existenz kommt bald die Sorge um die Tiere, die ihr zulaufen: neben einem Hund mehrere Katzen und eine trächtige Kuh. Zu ihrem früheren Leben entwickelt sie mehr und mehr Distanz. 

Robinson Crusoe melkt die Kuh

Für die einen ist „Die Wand“ ein emanzipatorischer Frauenroman, für die anderen eine Zivilisationskritik. Dass „Die Wand“ Teil des „Moosbrand“-Fests wurde, ist laut Kuratorin Brigitte Labs-Ehlert vor allem dem Motto „Mensch und Natur“ geschuldet. Schließlich habe sich die Erzählerin dem Lauf der Natur hingeben müssen. Gedeck habe, so Labs-Ehlert, für den Film erst einmal lernen müssen, mit einem Jagdgewehr und einer Sense umzugehen. Das bisher Gelernte verliert an Bedeutung, wenn man nur noch auf sich gestellt zurechtkommen muss, wie Robinson Crusoe in den Bergen. Einen Kartoffelacker anlegen, Bohnensamen säen, die Kuh melken. Untermalt wurde die Lesung von den Klängen des Duos Barry Guy und Maya Homburger, die mit Bass und Violine und mit Stücken von Bach, Biber und Kurtág Gedecks Worte wie ein sanftes Echo begleiteten. Die Lesepausen füllte das Duo musikalisch gänzlich aus, so konnten sich die Worte erst so richtig ausbreiten, sie hallten nach, auch dann noch, als Gedeck nach knapp anderthalb Stunden ihr Publikum in die Nacht und den Alltag entließ. 

Poesie mit Tiefgang

An John Burnside und Axel Milberg war es dann gelegen, die „Moosbrand“-Trilogie in einer Matinée, gleich nach Gedecks Abend, zu beschließen. Knapp 250 Zuhörer lauschten im Langen Haus zunächst dem schottische Schriftsteller John Burnside, der Gedichte aus seinem 2018 erschienen Band „Im Namen der Biene“ vortrug und dabei immer wieder Beobachtungen persönlicher Alltagsmomente mit aktuellen sozio-ökologischen Fragestellungen verband. Dabei stellte der schottische Poet die drängende Frage nach dem Fortbestehen der menschlichen Spezies angesichts immer drastischer werdender globaler Veränderungen in den Mittelpunkt seiner assoziativen Lyrik. So bleibt beispielsweise seine Verknüpfung der Motive der bedrohten Honigbiene und ihres Honigs mit dem Bild einer Mutter und ihrer Mutterliebe als besonders nachhaltig und eindringlich in der Erinnerung. 

Begehren, Freiheitsdrang und Tod – Wenn Schmetterlinge flattern

Dann verflogen die Bienen und Schmetterlinge schwirrten herum: Wie ein Schwarm der Flatterwesen wirkte die Installation der finnischen Künstlerin Kaarina Kaikkonen, die aus einer Vielzahl scheinbar schwerelos über der Bühne und den Köpfen der Zuschauer schwebenden Hemden dem ansonsten eher minimalistisch gehaltenem Raum ein Gefühl von dynamischer Leichtigkeit verlieh. Allerdings entstand diese Assoziation erst, nachdem die Lesung Milbergs durch den Raum geschallt war, der Auszüge aus Vladimir Nabokovs autobiographischem Roman „Erinnerung, sprich“ zum Besten gab. In dem Buch spielt besagtes Schmetterlingsmotiv nämlich eine zentrale Rolle. Mit der musikalischen Unterstützung des Klenke Quartetts intonierte ein gut aufgelegter Milberg Auszüge aus Nabokovs Kindheitserinnerungen. Nabokov, der mit dem Roman „Lolita“ zu literarischen Weltruhm gelangte, mischt in seiner autobiographischen Erzählung emotionale Kindheitserinnerungen mit der historischen Chronologie des vorrevolutionären Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf fein- wie hintersinnige Weise. In seinen besten Momenten verschmolz Milberg geradezu mit dem erzählerischen Ich. Wenn er seine Worte gestisch und mimisch untermalte und geschickt sinnierende Pausen einfügte, als ob er seiner Erinnerung Zeit geben wolle, einzelne Gedanken nachzuverfolgen und zu fassen, hing das Publikum an seinen Lippen. Die Zitate in russischer Originalsprache, die Milberg vereinzelt einstreute, wenn Nabokov seine Protagonisten sprechen lässt, ließen die Schilderungen dabei noch lebendiger wirken. Die lautmalerische Musik von Nabokovs Zeitgenossen Ger­maine Tailleferre und Erwin Schulhoff ließ zwischen den Episoden nicht nur Zeit, das Gehörte zu verdauen, sondern lud auch dazu ein, die eben gesammelten Eindrücke in Gedanken weiter zu spinnen und imaginativ Landschaften, Orte und Menschen vor dem inneren Auge auftauchen zu lassen. Auch besagte Schmetterlinge, die Nabokov von Kindesbeinen an einfängt, sammelt und im Verlauf seines Romans metaphorisch als ambivalentes Symbol von Schönheit, Begehren, Freiheitsdrang, Schicksal und Tod auflädt, fanden als insektenhaft brummendes Cello und Violin-Pizzicato ihren musikalischen Weg ins Ohr des Publikums. Beinahe könnte man sagen, dass das formulierte Ziel der Stiftung Nantesbuch, „das Bewusstsein für den Wert von Kunst und Natur zu schärfen“, in Momenten wie diesen fast greifbar wurde. 

Abschied zum Finale

Nicht fast, sondern tatsächlich greifbar war dann der mit kräftigem Applaus begleitete Abschied von Burnside und Milberg, dem sich sogleich der Abschied von Kuratorin Labs-Ehlert anschloss, welche die von ihr begleitete „Moosbrand“-Trilogie zu einem der „wichtigsten und erfolgreichsten Formate“ der Stiftung gemacht hat und nach dreijährigem Wirken Nantesbuch nun verlässt, um sich auf einen neuen Streifzug durch die Zeit zu begeben. sg/km

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