„Mia san so frei und tun was“

Nach Hiobsbotschaften: Nur sechs Kandidaten wollen für die FWG in den Gemeinderat

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Wenige, aber motivierte Gemeinderatskandidaten: Reinhard Dollrieß, Eduard Bauer, Julia Schuster, Frank Sommerschuh, Torsten Bendig und Michael Dollrieß (von links).

Kochel – In sehr familiärer Atmosphäre trafen sich die Kandidaten und Unterstützer der Freien Wählergemeinschaft in der Zwei-Seen-Gemeinde (FWG) zur Aufstellung ihrer Gemeinderatskandidaten. Voller Tatendrang stellten die Bewerber ihre kommunalpolitischen Ziele vor.

Kurz vor der Aufstellungsversammlung erreichten die Bürgerliste zunächst Hiobsbotschaften, denn aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen mussten drei Bewerber unerwartet passen. Die verbleibenden sechs Kandidaten, fünf Männer und eine Frau, stehen umso motivierter in den Startlöchern für die Kommunalwahl. „Wir sind keine Partei, sondern eine unabhängige Liste, und da legen wir auch Wert darauf“, betonte Reinhard Dollrieß und ergänzte, man nehme keine Geldspenden an, stehe daher nicht unter dem Einfluss von Lobbyisten. 

„Wir sind Handelnde“, erläuterte der pensionierte Polizeibeamte weiter, weshalb der Wahlspruch laute: „Mia san so frei und tun etwas.“ Statt vollmundiger Floskeln, benenne man konkrete Vorhaben, wie etwa zwei behindertengerechte öffentliche WC-Anlagen, einen Bürgerbus und einen Wochenmarkt. Bauland will die FWG nur noch unter der Maßgabe ausweisen, dass dort auf einem Teilstück bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird. Zur Schaffung von Wohnraum fordert die Liste zudem den Umbau des Verstärkeramtes unter den neuen Vorzeichen des Denkmalschutzes. Damit die Gemeinde klimaneutral wird, sollen ferner erneuerbare Energien angetrieben werden. Ein großes Augenmerk liegt zudem auf einem „für Mensch und Natur verträglichen Tourismus“. 

Dollrieß bewirbt sich um eine weitere Amtsperiode, in der er den Anträgen und Forderungen bezüglich des Walchensee-Konzepts weiterhin Nachdruck verleihen will. „Mit der Demonstration wollten wir aufrütteln“, sagte Dollrieß und meinte, dass dies auch gelungen sei. Druck aufbauen will der 63-Jährige auch für eine Richtlinie zur Sozialgerechten Bodennutzung (SoBon). Sein diesbezüglicher Antrag vom August 2018 sei von der Gemeinde bislang nicht bearbeitet worden, erklärte Dollrieß. Dabei zeigten „die tollsten Beispiele“ rund um Kochel, dass jede Kommune solche Grundsatzentscheidungen selbst in der Hand habe. 

Soziale Verantwortung ist auch Frank Sommerschuh ein Anliegen, das er als Gruppenleiter bei den Oberlandwerkstätten beruflich bereits übernimmt. „Auch sozial Schwächere brauchen die Chance auf vernünftigen, bezahlbaren Wohnraum“, fordert der 51-Jährige, der sich zudem eine Einheimischen-Karte für ermäßigte Fahrpreise in RVO-Bussen wünscht. Bei der Grundsteuer plädiert er für unterschiedliche Hebesätze, und zwar sozialverträgliche für bebaute Grundstücke und wesentlich höhere für unbebaute Grundstücke. 

Torsten Bendig, Geschäftsführer im Finanz- und Versicherungssektor, bringt neben Überlegungen zur Verkehrsberuhigung und Schulwegsicherheit auch einen imposanten Titel mit, nämlich Graf von Thun und Hohenstein Veit. „Der ist nur angeheiratet“, schmunzelt der 44-Jährige, weshalb das alte österreichische Adelsgeschlecht auch weniger von Belang ist als seine pragmatischen Ideen, etwa Parkuhren ausschließlich für Ausflüglerparkplätze, über welche Busverbindungen subventioniert werden könnten. Dem Verkehr widmen will sich ebenfalls Eduard Bauer, den darüber hinaus die Gastronomie bewegt. Während in Nachbargemeinden die Gastronomen volle Häuser hätten, leide Kochel zum Teil unter Qualitätsproblemen. Dass die Kochler Stuben offenbar bald wieder ohne Wirt dastehen wird, betrübt den 62-Jährigen genauso wie die von der Gemeinde auf Eis gelegten Pläne für die Seestube. Dass man bei letzterer abwarten müsse, was der Investor auf dem benachbarten Verdi-Gelände treibt, hält Bauer für eine „faule Ausrede“. Er will das Café, für das es bereits fertige Pläne gibt, „endlich hinstellen“. Den Verdi-Grund hält der kaufmännische Angestellte für ein reines Spekulationsobjekt und meint: „Bis da mal ein Hotel steht, hat sich die Seestube längst amortisiert.“ 

Gemeinsam mit Bauer plädiert Julia Schuster für die Einführung eines Wochenmarktes. Dieser würde die Nahversorgung und den sozialen Kontakt älterer Menschen sicherstellen und könnte zugleich umweltfreundliche Produkte anbieten. Für hilfsbedürftige Kochler ebenfalls sinnvoll hält die 42-jährige Betriebswirtin einen Bürgerbus zwischen den verschiedenen Ortsteilen, von Ried bis Walchensee. Das Hauptanliegen von Schuster, die seit zehn Jahren das Strandcafé Bucherer in Walchensee betreibt, ist der Tourismus. Diesen möchte sie „qualitativ, aber nicht quantitativ“ fördern, die Werbung für die Region „abwartend gestalten“ und Aktionen ausarbeiten, mit denen man Touristen und Einheimische besser zusammenbringe. 

Der Jüngste im Bunde ist Michael Dollrieß: Der 33-Jährige will sich für eine „prozentual gleiche Mittelverteilung“ in den verschiedenen Kochler Ortsteile und für mehr Diversität im Gemeinderat einsetzen. In der Gemeinde lebe „ein bunt gemischter Haufen“, weshalb auch am Ratstisch Menschen aus allen Schichten, „Arm und Reich, angestellt und selbstständig, Mann und Frau, Jung und Alt“ Platz nehmen sollten, findet der Informationstechniker. Darüber und ob mit Dollrieß Junior und Senior ein Vater-Sohn-Gespann in das Kommunalparlament einzieht, haben im März die Kochler Wähler zu entscheiden. cw

Die Kandidaten nach Listenplätzen: 1./2./3. Reinhard Dollrieß, 4./5./6. Eduard Bauer, 7./8./9. Julia Schuster, 10./11./12. Frank Sommerschuh, 13./14./15. Torsten Bendig, 16. Michael Dollrieß.

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