Frei von Sünde

In der Habacher Pfarrkirche St. Ulrich finden nun vier historische Beichtstühle Platz

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Beichten nicht, sondern bewundern: Karl Georg Nicklbauer, Jakob Feigl, Pfarrer Peter Seidel und Josef Freisl (von links).

Habach – In der Tenne auf dem Pfarrhof versteckten sich die zwei Beichtstühle oder das, was davon übrig war. Den Fragmente aus Nussbaumholz drohte der Verfall. Zeitgleich fristeten Doppelbeichtstühle in der Kirche St. Ulrich ihr Dasein. Bis Kirchenpfleger Josef Feigl ein Auge auf das Quartett warf.

Sünden werden, wenngleich flüsterleise, auch künftig nicht durch das Gotteshaus hallen. Daran ändern auch die vier restaurierten Beichtstühle nichts. Denn zur Beichte kommen die Habacher in der Regel in sein Büro, meint Peter Seidel. Der Pfarrer blickt auf die über und über mit floralen Intarsien bedeckten Beichtstühle, die scheinbar nur noch als Schmuck dienen, aber als besonders wertvoller, denn sie gehören zur Historie der Kirche, so der Geistliche. Zwei davon entdeckte Josef Feigl vor rund eineinhalb Jahren in der Tenne neben der Kirche, „kurz vorm Wasserschaden“, erinnert sich der Kirchenpfleger. „Schon vom Holz­wurm zerfressen“, ergänzt Karl Georg Nicklbauer. Feigl informierte den Mann vom Staatlichen Bauamt über das Fundstück oder besser gesagt die Fundstücke, denn es waren lauter Einzelteile, die da verstaubten. Und Nicklbauer holte sogleich eine Fachkraft vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zur Begutachtung der Fragmente nach Habach. Schnell wurde da klar: Die Relikte aus dem 18. Jahrhundert gehörten einst zur Erstausstattung der Kirche und sind aufgrund ihrer Kunstfertigkeit „unbedingt erhaltenswert“. Da lag es nahe, die Einzelteile, einem Puzzle gleich, wieder zusammenzusetzen und zu den beiden Doppelbeichtstühlen im Inneren der Kirche zu gesellen. 

Aber auch die vor Holzwürmern und Nässe geschützten Werke waren nicht im Bestzustand, ein wenig verbaut standen sie um 15 Grad gedreht an der Wand. Als es an die Planung der Restaurierung und Wiederaufstellung ging, „war schnell klar, dass die in der Kirche aufgestellten Doppelbeichtstühle mit ihren großen Überarbeitungen mit in das Konzept einbezogen werden müssen“, erläutert Nicklbauer. Das Quartett wurde deshalb aufwendig und kostenintensiv in seinen Originalzustand versetzt. Und nicht nur das, selbst ihre Positionierung sollte jene wie vor rund dreihundert Jahren sein. „Die historische Aufstellung konnte man noch an den Bodenplatten ablesen“, so Nicklbauer. Feigl dagegen griff auf historische Aufzeichnungen zurück: Er entdeckte ein Bild, welches das Innere der Kirche von oben zeigt, mit allen vier Beichtstühlen. 

Nun stehen die vier Stühle wieder in voller Pracht da, „fast authentisch wieder restauriert“, so Nicklbauer. Selbst die Gitter im Inneren, die Beichtende und Beichtabnehmer trennen, sind noch erhalten. Sie zeigen den gekreuzigten Jesus Christus. „Die sind brandgeschnitten“, schwärmt Nicklbauer, „eine Laubsäge hat es ja keine gegeben“. Das Antlitz Jesu blickte dem Sünder im Beichtstuhl entgegen. 

Auf jedem der vier Beichtstühle zeigt sich des weiteren ein Antlitz auf dem kuppelförmigen Abschluss, darunter der Hl. Peter und der Hl. David. „Die schuf der Maler Mathias Allezer“, hat Chronist Josef Freisl herausgefunden. Und der ist ganz tief in die Materie eingetaucht. Daher weiß der Habacher auch, dass die Beichtstühle einst von einem Kistler aus Kleinweil gebaut wurden, für 25 Gulden das Stück, das „geht aus alten Kirchenrechnungen hervor“, erläutert Freisl. 

Damit die Stühle sich nun optimal in das Kirchenbild fügen, müssen im kommenden Jahr noch ein paar kleine Korrekturen durchgeführt werden. Fehlstellen klaffen noch an den Rückseiten der Beichtstühle, an einem Exemplar tritt eine „kraftvolle Fichtenholzoberfläche zu stark in den Vordergrund“, so Nicklbauer, und auch die Krezuweg-Gemälde an den Wänden müssen für ein harmonisches Zusammenspiel des gesamten Inventars neu angeordnet werden. 

Die abgeriebenen Vorlagestufen, über die es ins Innere der Beichtstühle geht, dürfen dagegen ihre Gebrauchsspuren behalten, „als Zeitzeugen“, so Nickelbauer. Weitere Gebrauchsspuren werden da wohl nicht hinzukommen, denn Beichtende suchen heute ja den Weg ins Pfarrbüro, sodass die Kabinen künftig frei von Sünde bleiben ­dürften. ra

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