Tratschen am Tablet

Im AWO-Seniorenzentrum sahen sich Bewohner und Angehörige trotz Kontaktsperre

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Computer statt Musikstücke: Beim Video-Anruf mit ihren Liebsten stellt die 88-jährige Agnes Umnus das Tablet auf dem Notenständer ab, die 77-jährige Helena Welte bevorzugt es, am Tisch zu sitzen.
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Computer statt Musikstücke: Beim Video-Anruf mit ihren Liebsten stellt die 88-jährige Agnes Umnus das Tablet auf dem Notenständer ab, die 77-jährige Helena Welte bevorzugt es, am Tisch zu sitzen.

Penzberg – „Ja wie kommt denn mein Bub da ins Fernsehen?“ Staunend sitzt eine Bewohnerin des AWO-Seniorenzentrums vor einem Notenständer. Darauf lehnt jedoch kein Notenblatt mit altbekanntem Volkslied, sondern ein Tablet, von dessen Bildschirm der älteren Dame ihr Sohn entgegenlacht.

Nach kurzem Fremdeln mit dem modernen Medium tauen beide auf und schon wird geratscht, getratscht und gelacht. „Wir hätten nicht gedacht, dass unsere Bewohner so begeisterte Skyper werden“, erzählt Einrichtungsleiter Christian Schulz. Neben Telefon und Tablet waren in den vergangenen Wochen im AWO-Seniorenzentrum auch die Balkone zu beliebten Treffpunkten für ein kurzes Stelldichein mit der Verwandtschaft geworden. 

Für viele der 65 Bewohner des Seniorenheims sind die Besuche von Verwandten oder Freunden der Höhepunkt im Heimalltag, vor allem für die bettlägerigen Senioren, die nicht einmal die Möglichkeit haben, sich beim Mittagessen oder im Gemeinschaftsraum ein wenig Abwechslung zu verschaffen. „Viele Angehörige haben sich zu Beginn der Kontaktsperre große Sorgen um ihre Lieben gemacht. Deswegen haben wir uns was einfallen lassen“, erklärt Schulz. Am Anfang riefen die Pflegekräfte auch unaufgefordert bei den Verwandten der Bewohner an und berichteten über den Zustand des Seniors. Weil in der Einrichtung an der Gartenstraße kein WLAN für die Stationen zur Verfügung stand, hat man kurzerhand sogenannte Datencubes angeschafft, welche die Video-Anrufe über Tablets ermöglichen. Alle Angehörigen wurden kontaktiert, um E-Mail-Adressen und Skype-Zugänge abzufragen und schon konnte es losgehen. Bei schönem Wetter lockte auch der Garten im Innenhof, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Mit einem Augenzwinkern nannten die Senioren diesen Rundgang liebevoll „die Knastrunde“, erzählt Schulz. Zur Abwechslung gab es verschiedene Beschäftigungsprogramme und die Heimleitung lud des Öfteren in die Cafeteria zu Kaffee und Kuchen ein. „Wir haben auch unser Spielsortiment aufgestockt“, so Schulz. Im Eingangsbereich, wo sich sonst die Besucher tummelten, war eine Art Schleuse für Gaben und Geschenke entstanden. Dort wurden „Tüten abgestellt, etwa mit Kosmetikartikeln oder der Fernsehzeitung“, sagt Schulz. 

Auch von außerhalb erhielt das Seniorenzentrum Zuwendungen, wie etwa die Spende einer Großbrauerei: 25 Kisten Fruchtsaft. Einmal lagen bemalte Steine mit Wünschen zur Gesundheit vor der Eingangstür und ganz besonders freute sich Schulz über die Osterüberraschung der neunjährigen Louisa. Sie hatte Bilder gemalt, für jeden Bewohner einen Origami-Osterhasen gefaltet und ein Gedicht geschrieben. Seine Bitte ist nun: „Wenn es die Gesundheitssituation wieder zulässt, dann würde ich mich sehr freuen, wenn sich Louisa und die Steinemalerin, von der wir keinen Namen haben, bei uns melden. Wir würden uns gerne bedanken.“ 

Die Senioren selbst gehen wohl ziemlich gelassen mit der Corona-Situation um. „Ich glaube, das liegt auch an der Generation“, meint Schulz. Vor allem aber lobt er die Disziplin der Bewohner: „Jeder hält sich an die Regeln, ist informiert und interessiert.“ Genügend Schutzmaterial sei auch vorhanden, denn die AWO stellt ausreichend Desinfektionsmittel und Schutzkleidung zur Verfügung. Bis auf einen Verdachtsfall, welcher sich aber nicht bestätigte und somit keine Konsequenzen zur Folge hatte, blieb man an der Gartenstraße bisher vom Virus verschont. Einzig der Aufnahmestopp in den Krankenhäusern macht Schulz etwas Sorgen: „Bisher sind wir von den hiesigen Hausärzten wunderbar versorgt worden, aber wenn ein Bewohner ins Krankenhaus müsste, wäre das momentan nicht ganz so einfach.“ Ab und zu verabredete man sich mit Angehörigen auch zu einem Plauderstündchen vom Balkon aus. Da sah man dann die älteren Herrschaften am Geländer lehnen und die Enkel und Urenkel winkend auf dem Rasen stehen. Man ist nie zu alt, um Neues auszuprobieren, das gilt auch für die Videoanrufe. Was vor ein paar Monaten von vielen noch mit Sätzen wie „Dafür bin ich zu alt“ oder auch „Das lerne ich nicht mehr“ abgelehnt worden war, erwies sich nun für viele Senioren als sozialer Rettungsanker. 

Mittlerweile ist die Kontaktsperre in Seniorenheimen wieder gelockert worden. Besuche sind nun unter Einhaltung strenger Regeln und mit reichlich Abstand möglich, wohl reichlich mehr Abstand als zwischen Gesicht und Tablet gewahrt wird. au

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