Mord und Melancholie

Das Ende einer Institution: Am Jahresende schließt das Gasthaus Schönmühl

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„Die Mühlen-Leute waren immer verdächtig, dass sie Kriminellen Unterschlupf gewähren“, berichtete der Historiker Reinhard Heydenreuter an dem Abend voller Erinenrungen.

Penzberg – Wie eh und je ist es voll in der Stube des Wirtshauses. Und dennoch: In ein paar Tagen wird dieses Bild der Vergangenheit angehören, denn Ende des Jahres hören Brigitte und Reinhold Schiermeier auf. Nach über 30 Jahren als Wirtsleute im Gasthaus Schönmühl.

Es ist eben ein trauriges Kapitel des Stadtjubiläums: Dass dieses Kleinod ausgerechnet in diesem Jahr sein letztes feiert. Alles sieht jedenfalls danach aus, denn Wirt Schiermeier stellt fest: „Es ist unklar, ob es hier weitergeht.“ Für ihn und seine Frau ist auf alle Fälle Schluss. „Es ist schade.“ Und es sei „nicht verantwortungsbewusst“, wenn der Eigentümer es geschehen ließe, dass das Gasthaus mit diesem Aussehen und diesem Ruf nicht fortgeführt werde, kritisiert er. Freilich, die technische Renovierung wäre nicht nur teuer, sie würde wohl auch die Atmosphäre nehmen. Denn gerade der Eingangsbereich und die Stube sind unverändert. Wie eh und je: Und im 15. Jahrhundert – 1489 wurde das Gasthaus Schönmühl erstmals in einem Stiftsbuch des Klosters Benediktbeuern erwähnt – waren Brandschutz oder Barrierefreiheit noch lange kein Thema. 

Eine eigene Demokratie 

Mehrere Zeitzeugen hat die Stadt anlässlich des Jubiläumsjahres an diesem Abend eingeladen. Sie sollen berichten über ihre Erlebnisse mit der Schönmühl. Der Historiker Reinhard Heydenreuter, Alt-Bürgermeister Hans Mummert, die ehemalige Wirtin Maria Stockhammer oder ihr Sohn Willi Widmann, der in Schönmühl im Gasthaus geboren wurde. Denn dort lebte Maria Stockhammer, sie war die wohl jüngste Wirtin im Umkreis. Mit 18 Jahren übernahm sie zusammen mit ihrem Mann das Gasthaus von Anton Prandl. Der wurde 1946 nämlich Bürgermeister und zog ins Rathaus ein. Ausgerechnet nach Penzberg, in die Stadt Penzberg, hat es den Prandl gezogen, mag sich da mancher Schönmühler gedacht haben. Denn die sahen sich dort, zwei Kilometer entfernt an der Loisach, durchaus als etwas Besonderes. Waren sie auch. Denn die Schönmühl war – wie der Name sagt – eine Mühle. Und als solche war sie wirtschaftlich, aber auch politisch von großer Bedeutung. Denn dort herrschte eine ganz eigene Demokratie, ein ganz eigenes Asylrecht. „Die Mühlen-Leute waren immer verdächtig, dass sie Kriminellen Unterschlupf gewähren“, grinste Heydenreuter, um zudem festzustellen: „Mühlen waren immer ganz besonders magische Orte.“ Die Bauern von Schönmühl seien gegenüber der Arbeiterschicht der nahen Bergwerksstadt sicher besser gestellt gewesen, so der Historiker. Zudem war Schönmühl nicht nur aufgrund der Flößerei auf der Loisach ein wichtiger Umschlagpunkt. Auch die Kochelseebahn und die Isartalbahn führten an Schönmühl vorbei. Jedenfalls waren sich die Schönmühler sicher, dass die Penzberger Stadtmenschen kein Verständnis hatten für Landwirtschaft. „Schönmühl hat sich als fünftes Rad am Wagen gefühlt – da gab es soziale Spannungen“, betont Heydenreuter. Und so erklären sich wohl auch die wiederholten Anträge zur Ausgemeindung. Dennoch: Schönmühl war immer für alle ein florierender Treffpunkt. Davon berichtete auch Alt-Bürgermeister Hans Mummert in der voll besetzten Wirtsstube. Als er zusammen mit seinen Eltern von Aidling nach Penzberg kam, siedelten sie sich im nahen Rain an. Selbstredend also, dass Mummert nicht nur in der Loisach verbotenerweise fischte, er berichtete zudem von zahlreichen Besuchen in dem Gasthaus, wo er vom „Beitler Natz“ das Spiel auf dem Akkordeon lernen sollte. Später war Mummert nicht mehr so am Musizieren gelegen, er war eher bei den rauschenden Partys in der Holzschuhbar zu finden. Gegenüber der Wirtsstube, ein paar Stiegen hinunter in den Keller, lag sie, die Bar. Und hier wurde bis früh morgens gefeiert. 

„Vielleicht geht es ja doch irgendwie weiter“

Maria Stockhammer, die ehemalige Wirtin, berichtete vom Schallplattenspieler, der damals noch eher Seltenheitswert hatte und der so manchen Schlager, wie man damals sagte, abspielte. 1,20 Mark kostete der Schweinebraten damals, mitsamt zweier Knödel. Schweinebraten steht auch heute noch hoch im Kurs. Denn Reinhold Schiermeier ist bekannt für seinen ganz besonderen Braten. So manchen Münchner zog es deshalb immer wieder hierher, darunter auch die Schickeria, kam Schiermeier doch direkt aus Schwabing, als er 1982 die Schönmühl übernahm. Tja, die Achtzigerjahre, „da hat sich hier ganz schön was abgespielt“, sagt er. In der Tat war immer wieder auch Prominenz in der Schönmühl. Der Schauspieler Wolfgang Fierek oder die Regisseure Markus H. Rosenmüller und Josef Bierbichler. Und auch gedreht wurde oft in diesem Idyll. Der Abend ist kurzweilig. Es gibt Geschichten über einen Mord, zig Raufereien, aber es gibt auch Raum für Melancholie. „Der Abschied fällt nicht gerade leicht. Aber wer weiß: Vielleicht geht es ja doch irgendwie weiter“, hofft Reinhold Schiermeier. 

Eine Spende zum Abschied

Doch der Wirt nutzte den Abend nicht nur, um seiner Melancholie nachzuhängen. Er sammelte auch Spenden. „250 Euro sind zusammengekommen“, freut sich Brigitte Schiermeier einige Tage nach dem geschichtsträchtigen oder besser gesagt: geschichtenträchtigen Abend. Nun hält die Wirtin einen bunten Fächer aus Scheinen in ihrer Hand. Genau nachgezählt sind es 600 Euro . „Wir haben es aufgestockt“, lächelt Brigitte Schiermeier, während sie auf einer bemalten Eckbank sitzt. Sie lächelt zu Dirk Tabellion. Der Leiter des Don Bosco Jugendhauses seht neben ihr und lässt seinen Blick durch die gemütliche Stube schweifen. Er sei noch nie hier gewesen, meint Tabellion. Nun hat er das gastronomische Kleinod doch noch kurz vor dem Ende der Ära Schiermeier entdeckt. Nicht durch Zufall, denn Brigitte und Reinhold Schiermeier haben Tabellion eingeladen, um ihm die 600 Euro als Spende für das Jugendhaus zu überreichen. Und während Tabellion sich über das Geld freut, das in die musikpädagogischen Angebote der Einrichtung fließen soll, steht Reinhold Schiermeier vor dem Tresen. Sein Blick wandert durch die Stube, er lächelt. Aber nicht allein die gute Tat scheint den Wirt lächeln zu lassen, auch all die Erinnerungen, die mit dem nahenden Abschied immer wieder hochkommen. dd/ra

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