Die träge Masse überwinden

Volkshochschule beschäftigt sich mit der Zukunft der Demokratie

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Diskutierten darüber, wo es mit der Demokratie hingeht: Nico Wunderle, Christian Boeser-Schnebel, Michael Spieker sowie Andrea Borchert (von links).

Penzberg – Blickt man nach Polen, Ungarn oder in die Türkei, kann man beinahe täglich erleben, wie an der Demokratie gerüttelt und gezerrt wird. Und wem dies zu weit weg ist, der braucht bloß einen Blick ins Internet zu werfen, um festzustellen, dass auch hierzulande nicht jeder ein Demokrat ist.

Für Katja Wippermann, die politisch engagierte Leiterin der Volkshochschule (Vhs), waren derlei Tendenzen Anlass genug, um zum 70-jährigen Bestehen des Volkshochschulvereins eine Podiumsdiskussion ins Programm zu hieven, die sich mit der Frage „Wo geht‘s hin mit der Demokratie?“ befasste. 

„Einfach nur im Kreise der Vhs-Mitglieder Reden zu schwingen und Ehrungen vorzunehmen, das passt einfach nicht zu uns“, erklärte sie den Verzicht auf eine Jubiläumsveranstaltung klassischen Zuschnitts. Hinzu komme, dass die Demokratie zusehends unter Druck gerate. „Deshalb müssen wir sie verteidigen“, mahnte Wippermann in der Rathauspassage. Dorthin waren rund 40 Penzberger gekommen, um unter der Moderation von Michael Spieker von der Katholischen Hochschule München verschiedenste Ansichten zum Demokratieverständnis zu hören und sich dann auch selbst einzubringen. 

Da war etwa Nico Wunderle, Student, stellvertretender Vorsitzender der Jusos in Oberbayern und Rollstuhlfahrer. Er ist gewissermaßen der lebende Beweis dafür, dass auch ein einzelner in einer Demokratie etwas bewirken kann, denn Wunderle gelang es, den damaligen Oberbürgermeister Münchens, Christian Ude, davon zu überzeugen, die Innenstadt der Isarmetropole nicht mit dem zunächst geplanten und für Rollstuhlfahrer äußert beschwerlich zu überwindenden Kopfsteinpflaster zu sanieren. Letztlich erhielt sie einen barrierefreundlichen Asphalt. Oder Andrea Borchert, die an der Montessori-Schule in Penzberg unterrichtet und es in ihrem Beruf liebt, „Kinder aufzuhetzen“. Denn: „Es gilt die träge Masse zu überwinden und mitzugestalten.“ Sie selbst stammt aus einem an sich konservativen Elternhaus, ihr Vater wurde dann aber Gründungsmitglied bei den Grünen. Aus pubertärem Protest heraus ging Andrea Borchert zur Jungen Union, überwarf sich aber mit den jungen Konservativen der CSU und formierte die „Junge Liste“, die in München den Bau von Tunnels forderte. Chris­tian Boeser-Schnebel von der Universität Augsburg wiederum berichtete vom nächtlichen Einbruch in seine Schule, wo er mit einem Klassenkameraden ein Transparent gegen Atomkraft anbrachte. Das Beeindruckende dabei: „Die ganze Schule wusste, wer es war, aber keiner hat uns verpfiffen.“ 

Danach ging es in der Diskussion unter anderem um die Erkenntnis, dass Demokratie eben auch bedeute, mit Niederlagen leben zu können, so lange ein Abstimmungsergebnis auf einer soliden Diskussion fußt. Auch brauche Demokratie Engagement und leide erheblich unter anonymen Attacken, wie sie durchs Internet so alltäglich wurden. Und es ging um die Zukunft der Demokratie, die nur dann dauerhaft gesichert werden könne, wenn die Menschen sich dafür auch engagieren. „Seit 1990 haben sich die Mitgliederzahlen bei den etablierten Parteien halbiert“, sagte Christian Boeser-Schnebel und fügte mit nicht geringer Ambivalenz hinzu: „Die Bürger sollten unbedingt wieder in Parteien eintreten, es ist nur leider zu wenig attraktiv.“ 

Andrea Borchert sieht hier auch die Schule in der Pflicht, die Raum für politische Diskussionen geben müsse. Dies jenseits des Sozialkundeunterrichts zu tun, sei aber nur sehr schwer umsetzbar, meinte Bernhard Kerscher. Der Direktor des Gymnasiums führte auch gleich den Grund dafür auf, und zwar in mehr als deutlichen Worten: „Die Rahmenbedingungen sind beschissen.“ arr

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