Patent aus dem Kinderzimmer

Bearing Tensioner: Penzberger Mario Sacher revolutioniert Fahrradkettenmechanik

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Mario Sacher und seine spannende Erfindung: Der Bearing Tensioner hält sich im Laufrad eingebaut gut versteckt, leistet aber seinen Dienst.

Penzberg – Ein schachbrettgemusterter Einbauschrank auf der einen Seite, ein schmaler Bartisch gegenüber, daneben ein kleines Regal. Das wenige Quadratmeter große ehemalige Kinderzimmer seines Sohnes ist Mario Sachers Firmensitz. Und seine Produktionsstätte, sein Logistikzentrum, sein Fotostudio.

Der Penzberger Mario Sacher hat seine eigene Firma gegründet und ihr einen bedeutungssschwangeren Namen verliehen: „progression“. Ein Name, ein Programm, denn er möchte etwas bewegen, genauso wie seine patentierte Erfindung, welche den Drahtesel in einen leistungsstarken Aluminiumhengst verwandeln soll. 

Funktion im Fokus

Sonderlich aufsehenerregend ist er nicht, der gelagerte Kettenspanner. Und das soll er auch nicht sein. Im Gegenteil: Geht es nach Sacher, so soll seine Innovation quasi unsichtbar sein. Die Funktion steht vielmehr im Fokus. Der gelagerte Kettenspanner (Bearing Tensioner oder BT10) fixiert die Position des Laufrades und spannt die Radkette, sodass diese nicht herunterfallen kann. Das Teil findet seinen Platz dabei im Freilauf und ist dadurch nicht mit dem Fahrradrahmen verbunden. Und obgleich der Spanner kaum merklich Teil des Fahrrads werden soll, hat Sacher viel Wert auf das Design gelegt, das der Qualität des 230 Euro teuren Bearing Tensioner gerecht werden soll. 

Aus einem Problem wurde ein Patent

Die Idee für den BT10 kam ihm, als er selbst kaum noch auf den Sattel saß, weil er mit Reparaturen beschäftigt war. Nicht an seinen Rädern, sondern an den Mountainbikes der Kinder und Jugendlichen, die im Bikepark beim Jugendzentrum, den er ehrenamtlich mit auf den Weg brachte, an ihre Belastungsgrenze kamen. Beim Schrauben hatte Sacher schließlich die Idee, an der Fahrradkette Optimierungen vorzunehmen. Der Ursprung seines Patents sei folglich ein „Problem“ gewesen, lacht Sacher. 

Über 20 Jahre Tüftelei

Es ist nicht das erste Mal, dass der Penzberger aus seinem Kopf und mit seinen Händen etwas für den Radsport entwickelt, seit über 20 Jahren tüftelt er herum. Helme und Schuhe hat der gelernte Schlosser in seinen eigenen vier Wänden schon fabriziert. Sogar vor ganzen Fahrrädern schreckt der 51-Jährige nicht zurück. Denn wegen seiner „seltsamen Körpermaße“ finde er kein passendes Rad, lacht Sacher und streckt seine lemurenlangen Arme zur Seite aus. Doch es sollte kein Werkeln, sondern ein Handwerk sein, dessen er da frönt. Daher ließ er sich zum Fahrradmechaniker ausbilden. 

„Besser sein als der Stand der Technik“

Dass er sich jedoch nun an eine eigene Erfindung wagte, ist neu, aber erfolgreich, denn seit kurzem hält Sacher ein Patent in Händen. Aber bis es so weit war, dauerte es lange. Von der Idee über die Patentrecherche, die „das Entscheidende“ ist, wie er sagt, bis zu den anwaltlichen Prüfungen verstrichen ein paar Jahre. Als Sacher das erste Mal mit seiner Idee und einer ersten Patentformulierung beim Anwalt saß, fing ein Plakat seinen Blick. „Die sieben Todsünden“ eines Patents seien darauf gestanden, erinnert sich der Schlossermeister. Und eine der Todsünden sei es, seinen Geistesblitz anderen zu verraten. „Verdammt“ habe er sich dann gedacht, er, der redselige Erfinder. Doch ihm gelang es schließlich, Diskretion zu bewahren, auch wenn es ihm schwer gefallen sei. Was folgte waren immense Kosten, zwei Kredite hat er aufgenommen, trotz einer Förderung von Baden-Württemberg. Aber nicht nur Geld, auch Zeit kostete es, die Erfindung patentiert auf den Markt zu bringen. „Ich mache das alles nebenbei“, meint, Sacher, der beruflich voll eingespannt ist. Und auch der Anspruch, den eine Patentierung einem Erfinder abverlangt, kostet – und zwar Nerven. Schließlich muss das Produkt, „besser sein als der Stand der Technik“, betont Sacher. Eben progressiv, doch das soll seine Firma „progression“ schließlich auch sein.

Die Firma, eine „One-Man-Show“

Nun, nach drei, vier Jahren, hat er endlich das Patent erhalten. „Krasser Scheiß“, grinst der Fahrradjunkie, als er über die lange Dauer nachdenkt. Ein mühseliger Weg, doch diesen zu gehen, wagte Sacher, weil er von seiner Innovation überzeugt ist. Immerhin wurde seit 1870 nichts an der Kettenmechanik verändert, seine Erfindung sei „die erste in den 140 Jahren“, betont er. Dennoch scheint der 51-Jährige ständig unter Anspannung zu stehen, so wie die Fahrradkette dank seiner Erfindung. Der Grund: Trotz Internetshop und Social-Media-Präsenz lässt der Umsatz noch auf sich warten: „Verkauf: null“, meint Sacher, ohne sein schier immerwährendes Lachen zu verlieren. Und dennoch produziert und vermarktet er seinen Spanner selbst, seine Firma sei eine „One-Man-Show“, schmunzelt er. Warum? Aus Kostengründen. Und: „Mein Teil ist eher ein Nischenprodukt“, weiß Sacher, „es wird zu selten gebraucht, da investiert keiner.“ 

Nächster Halt: Düsseldorf

Sein Bearing Tensioner findet bislang zwar keinen Absatz, aber Anklang: Sacher bewarb sich 2017 beim Eurobike Award und zog ins Finale ein: Unter die letzten zehn von über 460 Bewerbern kam der Penzber­ger mit seinem Spanner. Doch letztlich gewann ein Fahrradständer. „Ein Fahrradständer!“, meint Sacher kopfschüttelnd. Der nächste Schritt lautet nun: Bekanntheit gewinnen. Daher wagt sich Sacher Ende März auf die Cycling World nach Düsseldorf, um dort den Award in der Rubrik „Best Technology“ abzustauben. ra

Wer mehr über Mario Sachers Kettenspanner erfahren möchte, erhält Informationen über die Website www.progression.bike. Dort findet sich auch ein Link zum Award-Voting, über den für Sachers BT10 bis zum kommenden Sonntag, 10. März, bis 23 Uhr eine Stimme abgegeben werden kann.

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