Nonverbaler Unmut

Auch wenn es ihr stinkt: Nachbarin des „Tölzer Kasladen“ darf keine Warnschilder anbringen

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Im „Tölzer Kasladen“ in Bad Heilbrunn werden etliche Laibe veredelt, und die stinken nicht, wie Geschäftsführer Wolfgang Hofmann betont.

Bad Heilbrunn – Ziegenkäse, Schafskäse, Schnittkäse, Frischkäse, Käse mit und ohne Innenschimmel. Käse, wohin das Auge reicht. Im „Tölzer Kasladen“ in Bad Heilbrunn ist die Theke prall gefüllt. Aber nicht nur die Theke, auch Reiferäume. Das kann nicht jeder gut riechen. 

Mit Worten aber wusste sich Manuela Kragler nicht mehr zu helfen, also setzte sie sich an den Drucker, dreieckige rote Warnschilder mit Nasensymbol ratterten da aus dem Gerät. Wolfgang Hofmann, der Geschäftsführer des Käseladens, habe „von Anfang an das Problem negiert“, meint die Goldschmiedin, die in unmittelbarer Nähe zu dem vermeintlich geruchs­intensiven Betrieb wohnt, „wie soll man da kommunizieren?“. Nonverbal habe sie schließlich versucht, auf die Krux aufmerksam zu machen. Hofmann klagte gegen die Warnschilder. Nun ging es vor das Landgericht München II. 

Die Krux, das sei der Gestank, der von den zwei, drei Tonnen Käse ausgeht, seitdem der Laden vor rund dreieinhalb Jahren nach Bad Heilbrunn gekommen ist. Um den Geruch zu beschreiben, beruft sich Kragler auf eine möglichst objektive Meinung: die der Richterin, die sich nun am Landgericht München II zu dem Duft an der Ferdinand-Maria-Straße 37 geäußert habe. Es rieche zum Teil „nach dem Erbrochenen von Kleinkindern“, zitiert Kragler den sehr bildhaften Vergleich der Richterin. Sie selbst, so die Entscheidung des Gerichts, darf ihre gedruckten Zettel künftig nicht mehr an und um den Käseladen anbringen, das sei ein Eingriff in einen Gewerbebetrieb, heißt es in der Begründung des Gerichts. Ein Erfolg für Kläger Hofmann, wenn auch keiner auf ganzer Linie, denn Kragler darf sich weiterhin zu der olfaktorischen Situation äußern, zu der Geruchsbelästigung und der Tatsache, dass sie den Geruch als stinkend empfindet. „Grundsätzlich bin ich froh, dass Meinungsfreiheit akzeptiert wird“, resümiert die Goldschmiedin nach dieser Entscheidung. 25 Prozent der Gerichtskosten muss Kragler nun übernehmen, Hofmann den weitaus größeren Rest. Ihm wäre es lieber gewesen, Kragler dürfe auch nicht mehr behaupten, dass es stinke. „Das trifft nämlich nicht zu“, betont Hofmann. Mit der Entscheidung des Gerichts sei er daher „nicht ganz zufrieden“. Doch immerhin einen Teil­erfolg hat er erzielt. 

Erstaunt ist Hofmann dagegen darüber, wie viel Aufmerksamkeit sein Kasladen in den Medien nun genießt, es kommen sogar „Anfragen aus England und Russland“, und auch Fernsehteams seien schon bei ihm hereingeschneit, sagt Hofmann, der wenige Tage nach dem Gerichtstermin sogar auf einen Artikel über seinen Kasladen in einer israelischen Zeitung gestoßen sei. „Unglaublich, was das für Kreise zieht“, staunt der Kasladen-Chef. Von dannen ziehen müssen dagegen nun Kraglers Papierschilder. Da bleibt jetzt nur noch die Frage, ob oder wie lange der Käselanden noch an Ort und Stelle verweilt, Beschwerden hin, Beschwerden her. Denn die Räumlichkeiten, in denen der Betrieb derzeit seine Laibe reifen lässt, sind baurechtlich eigentlich für einen Supermarkt ausgelegt. Eine Nutzungsänderung wäre demnach vonnöten, damit in dem Betrieb weiterhin Käse reifen, verpackt und verschickt werden kann. Und diese lehnten Gemeinde und Landratsamt ab. Neue Räume müssten also her, und eine Nachbarschaft, welche sich nicht an dem Käse und dessen Ausdünstungen stört. Ein neues Quartier stehe schon in Aussicht, berichtet Hofmann. Doch in trockenen Tüchern sei der Umzug noch keineswegs. Etwas Neues zu finden, sei gar nicht so leicht, bemerkt Hofmann ganz nebenbei an, nach all dem Rummel um den vermeintlichen Gestank. „Die Leute sind verunsichert“, meint der Kasladen-Chef ein wenig nachdenklich. 

Von Diffamierung will Manuela Kragler aber nichts wissen, sie betont, dass es ganz und gar nicht im Interesse der Anwohner sei, durch ihre Beschwerden Hofmann auf der Suche nach anderen Räumlichkeiten zu behindern. Verständlich, die Nachbarn wollen sich ja nicht ins eigene Fleisch schneiden und dem Käseladen alternative Standorte verbauen. Kragler hofft nämlich, dass der Tölzer Kasladen möglichst bald „verduftet“. ra

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