Der Graphiker und Impresario Egbert Greven ist mit 76 Jahren verstorben

Ein analoger Dinosaurier

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Die Welt kritisch im Blicken: Greven bei der Kulturpreisverleihung 2014.

Penzberg – Er war ein Dinosaurier, einer, der aus einer anderen Welt gefallen zu sein schien. Wenn Egbert Greven vorbeikam, und das tat er seit seinem Umzug von Iffeldorf nach Penzberg mehrmals die Woche, dann hatte er meist ein Blatt Papier dabei, das man doch bitteschön kopieren und sich mit dem Kollegen von der anderen Zeitung teilen solle. Darauf waren seine bunten, mit viel Liebe und stets einem Augenzwinkern hin gehauchten Figuren zu sehen. Früher waren es vorzugsweise große Tonsetzer, zuletzt das, was die Kommunalpolitik so hergab. Jetzt ist Egbert Greven nach kurzer, schwerer Krankenheit verstorben.

Es gibt nicht wenige Personen, die das kulturelle Leben im Süden von München so nachhaltig geprägt haben wie Greven. Fragte man ihn, was er eigentlich gelernt habe, dann waren seine Gesichtszüge stets von jener Verschmitztheit geprägt, die auch seine Karikaturen auszeichneten. „Ich bin Gebrauchsgraphiker“, sagte er dann, wohl wissend, dass dies beim Gegenüber ein gewisses Naserümpfen auslösen würde. Dabei hatte der gebürtige Oberschlesier, der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs über Niederbayern nach Nordrhein-Westfalen kam, an der Werkkunstschule Dortmund diese handwerkliche Fertigkeit studierte, und wenn man sich mit der Gebrauchsgraphik näher beschäftigt, dann weiß man, dass deren Vertreter noch von der Pike auf gelernt haben, mit Bleistift und Tuschepinsel umzugehen. Computer gab es damals noch nicht, Greven blieb dieser Zeit treu. Der Dinosaurier war zeit seines Lebens ein analoger Mensch, dem jede Digitalisierung suspekt war. 

Als Greven eines Tages in Iffeldorf landete, erkannte er rasch das große Potenzial, welches die traumhafte Landschaft an den Osterseen für herausragende Kultur bot. In Albert Strauß, dem damaligen Bürgermeister, fand er einen, der ähnlich dachte wie er. Strauß baute, nicht ohne Widerstände im Dorf, das Gemeindezentrum, und Greven hatte die Bühne, die er brauchte, um Leute wie Viktoria Mullova, Anna Gourari oder die Cellisten der Berliner Philharmoniker in die Provinz zu locken. Seine Leidenschaft für die Musik, seine Beharrlichkeit und seine Überzeugungskraft zahlten sich aus. Und: Er kannte sie alle persönlich, die großen Stars, denen man an der Met oder im Gasteig zujubelt. Und die fanden die Aussicht, gegen einen Bruchteil ihrer sonst gewohnten Gage im bayerischen Nirgendwo eine kleine Sommerfrische mit einem Konzert zu verbinden, äußerst prickelnd. Im Jahr 1989 gründete Greven mit einigen Gleichgesinnten den Verein „Kulturbegegnungen an den Osterseen“ und begann ein Jahr später gemeinsam mit dem Bildhauer Paul Ferstl das erste jener Konzerte zu organisieren, aus denen später dann die Meisterkonzerte entstanden. Auf diese Weise ist es Egbert Greven gelungen, Iffeldorf auf eine Stufe zu stellen, die knapp unterhalb von München oder Mailand anzutreffen ist. Dabei hatte er einmal gesagt: „Die Wiege meiner Kulturspinnerei stand in Penzberg.“ 

In die ehemalige Berg­arbeiterstadt kam er seiner Frau wegen, er arbeitete für Boehringer im Ausstellungsbau und war über viele Jahre hinweg auch eine unverzichtbare Stütze für Das Gelbe Blatt, in der Vor-Computer-Zeit, als jede Anzeige und jede ausgedruckte Textspalte noch von Hand auf die Seiten geklebt wurde. Der analoge Dinosaurier war hier in seinem Element. Im Jahr 1998 erfüllte er sich dann in Iffeldorf seinen großen Traum von einer eigenen Galerie, der er den Namen „schön + bissig“ gab, was die Art und Weise, wie Greven seine eigene graphische Arbeit verstand, trefflich umschrieb. 

Er war einer der alten Schule, einer, der, jeder Effekthascherei unverdächtig, nicht einfach drauflos kritzelte, sondern jeden Strich mit Bedacht setzte. Dass eine Karikatur nicht nur bissig, sondern auch schön sein musste, war Teil seiner Berufsehre. Alle großen dieses Fachs hat er dort gezeigt, ehe er zu Beginn der ersten Dekade des neuen Jahrtausends langsam begann, sich von den Osterseen zu verabschieden. Im Jahr 2011 gab er die Leitung der Meisterkonzerte ab, was nicht ganz konfliktfrei vonstatten ging. Und 2015, mittlerweile wieder in Penzberg ansässig, verlagerte er auch seine Galerie in das Foyer des ehemaligen Metropol-Kinos. Da hatte er, der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Stadt bereits sein größtes Vermächtnis hinterlassen: das Schaf „Hanni“, das er zum 100. Namenstag von Penzberg schuf und das seither als liebevolles Maskottchen seinen Dienst versieht. Dafür wurde er im Jahr 2014 mit dem Penzberger Kulturpreis ausgezeichnet, vier Jahre nachdem ihm die gleiche Auszeichnung von Iffeldorf verliehen wurde. Zum Dank für die medizinische Betreuung, die ihm während einer schweren Krankheit im Penzberger Krankenhaus zuteil wurde, schuf er im vergangenen Dezember sein letztes Werk: „Narrkose“, ein Büchlein mit typischen Greven-Karikaturen über den medizinischen Alltag, dessen Verkaufserlös er dem Krankenhausförderverein zur Verfügung stellte. Egbert Greven wurde 76 Jahre alt. André Liebe

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