Ein Graben im Stadtrat

Neujahrsempfang der Grünen: Penzberger Politik braucht ein Gesamtkonzept

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Bürgermeisterkandidatin Kerstin Engel und Grünen-Urgestein Klaus Adler (von links) lauschten den Stadtratskandidaten, die das Wahlprogramm mit und ohne Schuhwerk vorstellten.

Penzberg – Die grünen Windräder, die auf den Tischen standen, dachten nicht daran, sich zu drehen. Und dennoch waren die Rädchen eine passende Tischdekoration. Die Grünen wollen für frischen Wind in Penzbergs Stadtrat sorgen, das zeigten sie bei ihrem Neujahrsempfang im kleinen Saal der Stadthalle.

Grünen-Urgestein Klaus Adler betrat mit einem grünen Schal den Saal, Stadtratskandidat John Eilert kam im ebenso grünen Pullover, dafür aber ohne Schuhe und Socken. Wer in den kleinen Saal purzelte, wusste sofort, wo er gelandet war. Und dann noch die Grissinistangen, in denen kleine grüne Windräder Halt fanden, so wie sie die Grünen gerne in einem anderen Maßstab in Penzberg sähen, dies aber nicht können, weil sich in der Stadt mangels beständiger Brise nicht einmal ein Papierdrache am Himmel hält. Dennoch setzen die Grünen auf regenerative Energien, wie der barfüßige Eilert betonte. „Durch den sukzessiven Ausbau von Solar­thermie und Photovoltaikanlagen auf den Dächern“ soll Penzberg zur globalen Energiewende beitragen, so Eilert, der nicht der einzige Stadtratskandidat war, der einen Einblick in das Wahlprogramm gewährte, wenngleich der einzige ohne fester Sohle unter den Füßen. Birgit Kürzinger sprach über das Ziel, ein Verkehrskonzept zu erstellen, mit Tempo 30 als „Basistempo im Stadtgebiet“ und einem Radwegenetz, das keinem „Flickenteppich“ gleicht. Ingrid Hauptmann plädierte für eine Innenstadt mit naturnaher Bepflanzung, günstigem Wohnraum und einer Tauschbörse für Wohnungen. Auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrierte sich Franz Bachus, der über die Idee sprach, einen ehrenamtlichen Wirtschaftsbeirat ins Leben zu rufen (was aber schon beschlossene Sache ist), genauso wie einen Unverpacktladen in der Innenstadt. Sebastian Fügener dagegen blickte auf die Spielplätze, auf denen „die Kinder fehlen“, auf das ausbaufähige Betreuungsangebot, dem nicht Kinder fehlen, sondern ein Konzept, und auf das künftige Familienbad, das familienfreundliche Preise haben sollte. Zuletzt sprach noch Ulrich Welzel über die Einführung einer Tagespflege und die Möglichkeiten, pflegenden Angehörigen („Der größte Pflegedienst in Penzberg“) unter die Arme zu greifen. 

Ausführungen, denen Kerstin Engel, nicht in Grün, sondern in den Penzberg-Farben CSU-Schwarz und SPD-Rot gekleidet, mit einem wohlwollenden Lächeln folgte. Zuvor hatte die 51-Jährige darüber gesprochen, was sich ändern soll, wenn sie die amtierende Ratshauschefin Elke Zehetner ablösen sollte. Der Versiegelungsgrad soll wieder den geforderten Vorgaben entsprechen, denn „in unseren Bebauungsplänen sind ständig Überschreitungen“, so Engel. Schließlich wollen die „Menschen nicht in Betonwüsten leben“, ist sie sich sicher. Die Frau, die sich selbst als sehr rationalen Menschen bezeichnet, möchte auch wieder mehr Rationalität in den Stadtrat bringen: „Wir brauchen nicht nur ein Grünkonzept, sondern ein Gesamtkonzept“, meint Engel, die an diesem Abend auch vor Kritik an der Stadtspitze nicht zurückschreckte. Die Stadträte verstünden sich gut untereinander, der Graben zöge sich „an einer ganz bestimmten Linie“ entlang, sagt Engel und fügt an: „Es wurde viel Vertrauen zerstört“. Ein Vorwurf, dem sie sogleich ein Beispiel folgen ließ, nämlich die Fällung der Birken am Metropol, die erfolgte, obgleich der Bund Naturschutz noch einmal das Gespräch mit der Stadt erbeten hatte. Die Naturschützer, so Engel, hätten sich bestimmt nicht an die Birken gekettet, „sie wollten nur verstehen, warum die Bäume weg müssen“. 

Einen „schnellen Schnelldurchlauf“ durch das Wahlprogramm der Grünen für den Kreistag wagte anschließend Kreistagskandidatin Katharina von Platen und führte „ein paar Oberpunkte“ auf. Im Bereich Gesundheit und Pflege wollen die Grünen beispielsweise die Grundversorgung in den Krankenhäusern aufrechterhalten, eine zentrale Beratungsstelle für Pflegebedürftige einrichten und günstigen Wohnraum für Pflegepersonal schaffen. Ferner will man den ÖPNV attraktiver gestalten, unter anderem durch den zweigleisigen Ausbau der Zugstrecken zwischen Murnau und Tutzing sowie Kochel und Tutzig oder durch die Reaktivierung der Fuchstalbahn. Dort auf den Gleisen sei es höchste Zeit, „dass etwas passiert“, findet auch Karl-Heinz Grehl. Der Landratskandidat ist „stinkgrantig“ auf Landrätin Andrea Jochner-Weiß, welche die vergangenen sechs Jahre nicht bei der Deutschen Bahn vorstellig geworden sei, um Forderungen zu stellen. „Die Gleise sind voll“, sagte Grehl, der an diesem Abend auch gestand, das Penzberg die Stadt ist, die dem Landkreis „die meiste Kohle zuschiebt“. Angesichts der Freigiebigkeit der Stadt wollte ein Penzberger aus dem Publikum da von Grehl auch gleich wissen, weshalb Penzberg für die Verluste des Hallenbades in Weilheim zahlen muss. „Es ist nicht so, dass der Kreis Weilheim ein Hallenbad zahlt“, erläuterte Grehl und betonte, dass es sich um ein Schulschwimmbad handele, „kalt und mit verkalkten Duschen“, ein Bad, in das man „nur aus Sportgründen“ gehe. Derzeit trage die Stadt Weilheim 60 Prozent der Kosten, der Landkreis, und damit auch Penz­berg, den Rest. 

Keine konkreten Zahlen wollte der stellvertretende Landrat dagegen bei seiner Wahlprognose abgeben, doch „ich glaube, dass die CSU nicht gut abschneiden wird“, so Grehl, dessen Vorhersage für die Sozialdemokraten noch düsterer aussah: „Die SPD ist auf vollkommen verlorenem Posten.“ Dass Letzteres in Penzberg der Fall ist, darauf dürfte Engel ihre große Hoffnung setzen. ra

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