Bildung unter Beben

Besuch aus Guatemala bringt Penzberger Gymnasiasten ins Grübeln

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In Maya-Tracht besuchte Alicia aus Guatemala mit Christian Stich von dem Stipendienwerk „Samenkorn“ das Gymnasium.

Penzberg – Bunte Blumen, Rauten und Linien wandern über ihr schwarzes Gewand. Über ihre Schultern wirft sie ein Tuch in kräftigem Rot, das von blauen Streifen durchwebt ist. In Maya-Tracht tritt Alicia vor die Penzberger Gymnasiasten, um über ihren steinigen Weg zur Bildung zu berichten.

Sie haben Adventskalender verkauft, Pfandflaschen gehortet und Osternester versteigert: Am Penzberger Gymnasium sammelten und sammeln noch immer Schüler Geld, um eine Grundschule in Tecpán in Guatemala zu unterstützen. Doch wie es in dem Land, in das ihre Spenden fließen, um die Bildungmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen bestellt ist, wissen viele nicht. Drei Guatemalteken haben das nun im Rahmen eines Informationsvormittags im Atrium geändert. 

Seit Jahren arbeitet das Gymnasium mit der von-Brauck-Stiftung zusammen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Kindern in Guatemala zu helfen, Mädchen und Jungen, die „materiell, sozial, psychisch, physisch geschädigt“ oder „aus gesellschaftlichen oder kulturell-religiösen Gründen benachteiligt sind“, erklärt Daniel von Brauck von der Stiftung den Unterstufenschülern, die sich im Atrium eingefunden haben, um mehr über Guatemala zu erfahren. 

Dann ergreift Christian Stich von „Samenkorn“, ein Stipendiatenwerk, das jungen Guatemalteken den Weg auf die Universität ebnet, das Wort. Er erläutert, dass Bildung in dem mittelamerikanischen Land, „in dem fast ständig die Erde bebt“, alles andere als selbstverständlich sei. Etwa die Hälfe der Guatemalteken sei „indigenen Ursprungs“, weiß Stich, die meisten gehören dem Volksstamm der Maya an. Diese Gruppen haben seit Jahrhunderten mit Unterdrückung zu kämpfen. Außerdem gehöre in dem Land die Armut zum Alltag, fast ein Viertel der Bevölkerung verfügt über weniger als einen Dollar für das tägliche Leben, schockiert Stich die jungen Zuhörer. Die Folge: Statt zur Schule geht es für viele Kinder in die Arbeit. 

Drei Guatemalteken stehen neben Stich auf der Bühne des Artiums, in bunten Gewändern - die Tracht ihrer Heimatdörfer. Sie alle haben es auf die Universität geschafft, und das, obwohl sie in ihrer Kindheit vor großen Hürden standen. In den Schweinestall zum Ausmisten, in die Bäckerei zum Teigkneten und auf das Feld zum Kohlegraben ging es für Alicia als junges Mädchen, ehe sie am Nachmittag die Schule besuchen konnte. Nun studiert die junge Frau Kommunikationswissenschaften und Journalismus. Auch Ana Christina musste bereits im Alter von zehn Jahren arbeiten. Ihr Vater finanzierte seinen Kindern durchaus die Ausbildung, jedoch nur seinen drei Söhnen, Ana Christina sollte als Mädchen eine andere Zukunft bevor stehen. Doch vor sechs Jahren ist sie in der Stiftung „Samenkorn“ als Stipendiatin aufgenommen worden, mittlerweile besucht sie die Universität. Sie will Krankenschwester werden. Nicht nur schulisch, auch persönlich habe sie laut Stich an Stärke gewonnen: „Als Ana zu uns kam, ging sie gebeugt“, sagt er über das Mädchen, das einst wenig Selbstwertgefühl gehabt habe.

Die unterschiedliche Behandlung von Mann und Frau sorgt für Unverständnis unter den Gymnasiasten. „Warum werden Mädchen unterdrückt?“, erhebt eine Schülerin ihre Hand bei der anschließenden Diskussionsrunde. Zum einen seien es die traditionellen Gewänder, welche die Frauen tragen, weshalb sie nicht selten als rückständig betrachtet werden. Zum anderen herrsche in Guatema­la eine Art Macho-Kultur, in der die Frauen im Haus bei den Kindern und am Herd gesehen werden, erklärt Ana. Und Christian Stich ergänzt, dass in indigenen Gruppierungen eine Heirat mit „14, 15, 16 Jahren“ keine Seltenheit sei. Zahlen, welche die Penzberger Schüler große Augen machen ließen. Ebenso ungläubig schaute der ein oder andere drein, als er erfuhr, dass die Besucher aus Guatemala einstündige Schulwege in Kauf nahmen, um am Unterricht teilnehmen zu können – zu Fuß. 

Ein Einblick in ein Land, in dem Bildung nicht selten unter Beben stattfindet und oftmals nur über Hürden zu erlangen ist. Und ein Einblick, der die Penzberger Schüler nachhaltig prägen dürfte. ra

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