Nachbarn ermordeten Nachbarn

Gymnasiasten diskutieren mit Bundespräsident über „Penzberger Mordnacht“

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Digital verbunden: Die Teilnehmer zum „Mordnacht“-Gespräch saßen im Penzberger Rathaus (links) und in Schloss Bellevue.
  • Max Müller
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Penzberg – Am 28. April 1945 wurden 16 Penzberger von Nazi-Schergen auf grausame Weise getötet. Am Montag (26. April) diskutierten Penzberger Schüler in einer Videokonferenz mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die „Mordnacht“.

„Als Nachbarn von ihren Nachbarn ermordet wurden“, beginnt Steinmeier seinen Satz – eine heute kaum vorstellbare Gräueltat in der oberbayerischen Stadt: Penzberger Bürger verraten ihre Nachbarn und unterschreiben damit deren Todesurteil. Das soll nie wieder geschehen – da sind sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde einig. Daher will man derer gedenken, die „mutig genug waren“ sich gegen das NS-Regime zu wehren und „nie vergessen“, wie Steinmeier betont.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Eröffnungsrede.

Neben Frank-Walter Steinmeier und den Penzberger Schülern nahmen auch Elke Büdenbender, die Ehefrau des Bundespräsidenten, Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) sowie die Jugendbuchautorin Kirsten Boi an der Online-Diskussion teil. In einer über einstündigen Gesprächsrunde der Beteiligten ging es über die Ereignisse der „Penzberger Mordnacht“, die Aufarbeitung von Nationalsozialistischen Verbrechen und das neue Werk von Kirsten Boie.

Neun Schüler des Penzberger Gymnasiums und Bürgermeister Stefan Korpan nahmen vom Rathaus aus an der Online-Diskussion teil.
„Dunkelnacht“ von Kirsten Boie beschäftigt sich mit der „Penzberger Mordnacht“.

Der Weg zum Gespräch

Für Penzberger – sei es aus der Verwaltung oder aus dem Gymnasium – ist das Videogespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein großes Ereignis. Entsprechend stolz sind die Beteiligten auf das virtuelle Zusammentreffen.

Der Kontakt zum Bundespräsidenten kam über Buchautorin Kirsten Boie zustande, wie Rathaussprecher Thomas Sendl der Rundschau verrät. Das Stadtarchiv und auch die ehemalige Museumsleiterin Gisela Geiger hätten der Hamburger Autorin bei ihrem Mordnacht-Buch „Dunkelnacht“ viel zugearbeitet. Anfangs war noch überlegt worden, ob Boie nicht zum Gedenken an die „Penzberger Mordnacht“ am 28. April vergangenen Jahres zu einer Lesung in der Stadt vorbeischaut, was aber Corona-bedingt nicht möglich war.

Heuer Ende Februar gingen im Rathaus die die Infos ein, dass es zu einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten kommt. Es folgte die finale Zusage. „Wir haben sehr schnell reagiert“, sagt Sendl. Kein Wunder, ist das Gespräch doch eine Auszeichnung für Penzberg, wie der Sprecher betont. Sendl spricht von „einer Wertschätzung“ für die Bemühungen der Stadt, die Erinnerung und das Gedenken an die schrecklichen Ereignisse am 28. April 1945 stets aufrechtzuerhalten. „Das muss immer ein Thema sein. Das ist eine Verpflichtung für die Stadt.“

Im Stadtarchiv hatte Bettina Wutz umgehend den Kontakt zum Gymnasium hergestellt. „Das ging sofort seine Wege“, sagt sie. Dass das Gymnasium mit ins Boot geholt wurde, habe sich angeboten. „Die machen öfters was zu dem Thema.“ Auf das Gespräch mit Steinmeier „können wird stolz sein“, bekräftigt Wutz. Zudem habe Autorin Boie versprochen, am 28. April 2020 zu einer Lesung in Penzberg vorbeizukommen.

Stolz ist man natürlich auch am Gymnasium. Lehrerin Michaela Wagner, die die Fachleitung für Geschichte und Sozialkunde hat, hatte schon in der Vergangenheit Kontakt mit dem Stadtarchiv gehabt. Im Jahr 2020 besuchte zuletzt eine 9. Klasse die Einrichtung. Mit der „Mordnacht“ habe man sich immer wieder „in verschiedener Art und Weise“ beschäftigt, erzählt die Lehrerin. Zum Beispiel beim Projekt „Sprache des Bösen“ oder auch bei einem Referat von Gisela Geiger zum Thema „Menschenrecht und Widerstand“.

Neun Schüler, drei aus der Q12 und sechs aus der 10. Klasse, im Alter von 16 bis 18 Jahren durften nun mit dem Bundespräsidenten sprechen. Sie habe den „größten Respekt“ vor ihren Schülern, betont Lehrerin Wagner.“ Sie repräsentieren die Schule und die Stadt.“ Wagner findet es spannend, dass die nachfolgende Generation für eine freiheitliche, demokratische und offene Gesellschaft einsteht und für diese eintreten möchte. „Dies auch älteren Generationen zu zeigen, was Jugendliche bewegt, empfinde ich für eine sich stets wandelnde Gesellschaft als gewinnbringend.“

Lob gibt es auch für Boies Buch „Dunkelnacht“: Es sei aus Lehrerperspektive zu unterstützen, dass ein literarisches Werk den Leser durch die Erzählperspektive in historische Situationen hineinzieht – und somit einen Zugang „zu essentiellen Fragen wie Schuld, Verantwortung, Zivilcourage, Gedenken und Erinnern“ ermöglicht. Andreas Baar

Lesung der Stille

Die 71-Jährige hat einen wichtigen Schritt getan, um die Ereignisse der „Penzberger Mordnacht“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Mit ihrem Buch „Dunkelnacht“ berichtet Boie auf teils historischer Faktenlage, teils auf Basis von fiktiven Charakteren und Gesprächen von der Hinrichtung von Bürgermeister Hans Rummer (SPD) und 15 weiteren Penzbergern durch Nazi-Schergen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. „Als ich Prozessdokumente von 1948 aus dem Penzberger Archiv bekam, konnte ich nicht mehr zurück“, beschreibt Boie ihre intensive und emotionale Recherche.

Emotional wurde es auch bei der Online-Diskussion. Als Boie zum zweiten mal zu ihrem Buch griff und aus dem Kapital vorlas, in dem Rummer und sieben seiner Mitstreiter erschossen und weitere acht Penzberger von der Einheit „Werwolf Oberbayern“ in der Stadt aufgeknüpft werden: Die bildliche und emotionale Beschreibung der Hinrichtungen, bei denen sich die Ereignisse überschlagen, sorgt für einen bedrückenden Moment der Stille, nachdem Boie die Seiten geschlossen hat. Für kurze Zeit ergreift niemand das Wort – auch nicht der Bundespräsident.

Autorin der „Dunkelnacht“: Kirsten Boie.

Bronzeplatte für Opfer

Der komplette Umfang des historischen und grausamen Ereignises wird bewusst, wenn „man sich aktiv um die Geschichte kümmert“, betont die Ehefrau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender.

Rathauschef Korpan will im Verlauf der geschichtlichen Aufarbeitung durch die Stadt den nächsten Schritt gehen: Nach einem Denkmal für die Toten , der Gedenkstätte auf dem Friedhof und der Ernennung der hingerichteten Penzberger zu Ehrenbürgern im Jahr 2005 soll heuer noch eine Bronzeplatte zum Gedenken der Mordnacht-Opfer folgen. „Genau dort wo sie gehängt wurden“, berichtet der Penzberger Bürgermeister. Steinmeier lobte die Kommunalpolitik in diesem Zusammenhang, die „viel zur Aufarbeitung beigetragen hat“.

Videokonferenz: Bürgermeister Stefan Korpan im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Auf dem Penzberger Friedhof erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer der „Penzberger Mordnacht“.

„Ewige Erinnerungskultur“

Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und deren Aufarbeitung sieht der Bundespräsident als fundamental an: „Die Geschichte prägt unsere Gegenwart“, betont dieser. „Wir müssen Erinnerung und Aufarbeitung weiterbetreiben“, fügt Steinmeier hinzu. Ein Punkt bei dem ihm die Penzberger Schüler uneingeschränkt zustimmen. „Wir brauchen ewige Erinnerungskultur – es darf sich nie wiederholen“, heißt es aus Reihen der Gymnasiasten.

So sollen die Namen Rummer, Boos, Höck, Dreher, März, Badlehner, Schwertl, Kastl, Belohlawek, Biersack, Fleissner, Zenk, Grauvogel und Summerdinger in Penzberg nie vergessen werden. Denn sie gaben ihr Leben auf dem Altar der Freiheit.

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