Brahms-Requiem im Kloster Benediktbeuern: Klangkunst-Chor und Bach-Orchester gelingt großartige Interpretation

Mit sicherer Leichtigkeit

Ein die Basilika erfüllender Klangteppich: Chor und Orchester bildeten unter dem Dirigat von Andrea Fessmann eine wunderbare Einheit.

Benediktbeuern –  Während in Brahms Requiem all diejenigen „selig sind, die Leid da tragen“, konnten sich die Besucher des Konzertes in der Klosterbasilika selig fühlen - in Anbetracht der Töne, die zwei stimmgewaltige Chöre und Solisten dort erklingen ließen.

Ganz hinten, in der letzten Reihe, sitzt Pia Jan­ner-Horn und strahlt. Sie, die famose Geigerin und Konzertmeisterin des Symphonieorchesters im Pfaffenwinkel, war gerade aus München gekommen, von Proben für das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms. Und vorne, in der Klosterbasilika von Benediktbeuern, erklingt gerade, welche Koinzidenz, eben dieses Werk, das zu den großartigsten Oratorien der Musikliteratur zählt. Der Chor der Klangkunst im Pfaffenwinkel und das Iffeldorfer Bach-Orchester schicken sich unter dem Dirigat von Andrea Fessmann an, dem zu Ende gehenden Konzertjahr einen besonderen Höhepunkt hinzuzufügen. 

Brahms, der Protestant aus Hamburg, hat sich für sein Requiem von der klassischen katholischen Totenmesse ganz bewusst abgewandt und statt dessen aus der Luther-Bibel vorzugsweise Passagen aus dem Alten und Neuen Testament ausgewählt, die den Trost für die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt stellt. Dies zeigt sich vor allem im sechsten Satz, bei dem sehr lebendigen, beinahe fröhlichen „Denn es wird die Posaune erschallen“. Bis dahin hat Andrea Fessmann Chor und Orchester mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit durch die Untiefen dieses Werks geführt, die immer dann besonders groß sind, wenn Stimme und Instrumentierung in Gefahr sind, einander zu übertrumpfen. Dass beide Ensembles sich stets fein ausbalanciert die Waage hielten, ist zum einen das große Verdienst von Fessmann, zum anderen aber auch ein Beweis für die große Könnerschaft von Chor und Orchester. Dabei hat es Brahms der seine Werke interpertierenden Nachwelt nicht gerade leicht gemacht. Vor allem im fünften Satz, als der Chor einen anderen Text als die Sopranistin zu singen hat. Aber auch diese Klippe wurde mit einer Leichtigkeit umschifft, die höchste Anerkennung verdient. 

Bravourös schon der Beginn bei „Selig sind, die da Leid ertragen“, als ein langsam an- und abschwellender Klangteppich die Basilika mit ihrer wunderbaren Akustik erfüllt. Andrea Fessmann am Pult ist da schon tief eingetaucht in dieses Requiem, nur manchmal hebt sie fordernd die Hand, wenn sie mehr klangliches Volumen erwartet. Chor und Orchester folgen ihr wie von selbst, so dass während dieser 75 Minuten auch nicht nur einmal der Eindruck entsteht, dieses große Werk sei zu groß für Sänger und Instrumentalisten. Für Fessmann, den Chor und das Orchester und die hohe handwerkliche Fertigkeit dieses zu einer Einheit verschmolzenen Trios spricht, dass mit dem Bariton Klaus Mertens einer der renommiertesten deutschen Oratorien-Interpreten und der wunderbaren Sopranistin Judith Spießer zwei großartige Sänger die in diesem Requiem doch sehr überschaubaren Solopartien übernommen haben. 

Als der letzte Ton verklungen ist, verharrt Andrea Fessmann für eine kleine Ewigkeit mit erhobener Hand vor Chor und Orchester. Da merkt man, welcher Anspannung sie in den vorangegangenen Eineinviertel Stunden ausgesetzt war. Umso befreiter jetzt das Lächeln. Und stehende Ovationen, die erst nach über fünf Minuten endeten. Was Pia Janner-Horn angeht: Sie sagt nur ein Wort: „Wunderschön“. Und sie weiß, dass mit diesem Benediktbeurer Requiem die Messlatte hoch gehängt wurde. Sehr hoch sogar. la

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