Pizza und Joghurt

Jobbörse bei HAP zeigt Mitarbeitern erstaunlich vielfältige Perspektiven auf

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„Der persönliche Kontakt ist viel besser, als wenn man ein Mail schreibt“: Die Jobbörse bei HAP bringt Mitarbeiter auf Suche nach einer neuen Arbeit mit potenziellen Chefs in direkte Gespräche.

Penzberg – Wenn eine Firma den Bach runtergeht und ihre Abwicklung in vollem Gange ist, dann trifft man dort zuallererst auf Menschen, denen der besiegelte Verlust ihres Arbeitsplatzes sichtbar aufs Gemüt schlägt. Melancholie legt sich dann normalerweise über die Werkhallen. Nicht so bei HAP.

Die Firma HAP geht gerade den Bach runter und wird am 1. Juli zu existieren aufgehört haben. Als sich am gestrigen Mittwoch 45 Unternehmen und sechs Bildungsträger mit ihren Ständen in den Werkhallen aufgebaut hatten, waberte aber nichts Melancholisches umher, sondern den vielen freundlich gestimmten Gesichtern war Aufbruchstimmung zu entnehmen, als sie sich auf die Suche nach einem Job begaben. „So etwas hat es hier in der gesamten Region noch nie gegeben“, staunte Oliver Wackenhut von der Weilheimer Agentur für Arbeit auch ein bisschen über seine Behörde, die in Zusammenarbeit mit dem HAP-Betriebsrat und der Stadt Penzberg eine Jobmesse auf die Beine gestellt hat, die vor allem von einem gekennzeichnet war: dem ehrlichen Bemühen jenen 400 Beschäftigten, die derzeit noch bei HAP in Lohn und Brot stehen, eine Anschlussbeschäftigung zu vermitteln. Und die Chancen stehen nicht schlecht, wenn man die Erfahrungen zugrunde legt, welche die bereits aus dem Unternehmen ausgeschiedenen Leute gemacht haben. „Von denen haben etwa 90 Prozent eine neue Arbeit gefunden“, sagt Ulf Wiedemann, der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats. 

Tiefkühlpizza und Bio-Joghurt

Dass sich bei einer Jobbörse in einem Unternehmen der Automobilindustrie die üblichen Verdächtigen wie Bauer Kompressoren, die Deutsche Bahn, Tyczka oder Zarges tummeln, ist natürlich nicht überraschend. Aber Gustavo Gusto? „Wir wachsen ständig und suchen dringend neue Leute für die technischen Abläufe“, sagt die Frau von dem neuen Star am Himmel der Tiefkühlpizza, dessen Sitz sich im nahen Geretsried befindet. Klar, eine Pizza besteht zwar nur aus Teig, Tomaten, Mozzarella, Funghi und Prosciutto, aber bis das alles in der Schachtel ruht, sind jede Menge automatisierte Abläufe notwendig, für die man Leute wie jene von HAP durchaus gebrauchen kann. Das hat man sich auch bei der Andechser Molkerei Scheitz gedacht, die mit Trinkjoghurt in Bioqualität in die Personalakquise gestartet ist, weil man dort im Augenblick ganz gezielt einen Anlagenführer sucht. Mit Gummibärchen ebenfalls vor Ort: Garmisch Classic, das große Skigebiet unter der Zugspitze, wo man ebenfalls Leute sucht, die Metallarbeiten beherrschen. 

Persönlich statt postalisch

Gut gelaunt kommt einer ums Eck, der bei HAP und den Vorläuferfirmen schon seit 25 Jahren arbeitet. Jetzt muss er sich neu orientieren, was ihm offenbar keine allzu großen Probleme bereitet. „Ich habe was Interessantes in Weilheim und Lenggries gefunden, das zu mir passen könnte.“ Jetzt will er erstmal in Ruhe darüber nachdenken und dann seine offizielle Bewerbung einreichen. Manche, so freut sich Penzbergs Wirtschaftsförderin Monique van Eijk, haben gleich ihre kopierten Lebensläufe an den Ständen hinterlassen. Ein Mitarbeiter stößt dazu, einen dicken Packen Unterlagen unterm Arm. „Ich habe schon vier Firmen durch, zwei davon haben an mir Interesse gezeigt. Und die haben sich auch nicht davon abschrecken lassen, dass ich schon über fünfzig bin“, sagt er und grinst. Vor allem die Aufgeschlossenheit der potenziellen Arbeitgeber habe ihn sehr positiv überrascht. Vom Format dieser Jobbörse ist er ebenso begeistert wie alle anderen aus der Belegschaft, die man an diesem Tag trifft. „Es ist einfach super, wenn man sich ganz unkompliziert vorstellen kann. Das ist viel persönlicher, als wenn man ein Mail oder eine Brief schreibt.“ Sein Kollege nickt und meint: „Was hier stattfindet, ist optimal.“ 

Eine Perspektive aufzeigen

Oliver Wackenhut von der Arbeitsagentur ist in Sachen Jobvermittlung schon einiges gewohnt, die Stimmung in den Hallen lässt aber auch ihn vorsichtig optimistisch werden: „Wenn wir 30 Prozent der Belegschaft an diesem Tag eine Perspektive aufzeigen könnten, wäre das ein schöner Erfolg.“ 30 Prozent, das wären über 100 Mitarbeiter, wobei Wackenhut unter Perspektive nicht sofort einen neuen Job, sondern auch Umschulungsmaßnahmen, bezahlt von seiner Agentur, versteht. 

„Da wird der eine oder andere Abstriche machen müssen“

Bayram Yerli, der HAP-Betriebsratsvorsitzende, macht ebenfalls einen sehr zufriedenen Eindruck. Er zeigt sich überrascht, wie viele Perspektiven es auch für Kollegen ohne dezidierte Ausbildung gebe, sogar für gehörlose Mitarbeiter ist an diesem Tag ein Dolmetscher für Gebärdensprache im Einsatz. Bei aller Begeisterung über den Fortgang dieser Jobbörse, weist Yerli aber auch auf zwei Knackpunkte hin: die noch verbliebenen 55 schwerbehinderten Mitarbeiter in der Belegschaft, die sich bei der Suche nach einem neuen Job besonders schwer tun dürften, und den Tarifvertrag der Metallindustrie, der im Vergleich zu anderen Branchen überdurchschnittlich hohe Löhne vorsieht. „Da wird der eine oder andere Abstriche machen müssen“, sagt Yerli. Und angesichts des in der Region anhaltenden Fachkräftemangels, so rechnet er, werden einige Kollegen wohl bis zum Schluss pokern, in der Hoffnung, eine Anschlussbeschäftigung zu gleichen Konditionen zu finden. la 


Ungeachtet der Jobmesse bei HAP besteht die von der Stadt eingerichtete Online-Jobbörse weiterhin. Unternehmen, die offene Stellen haben, können sich per E-Mail an wirtschaftsfoerderung­@penzberg.de wenden.

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