Leichenblass, aber erleichtert

Nach elf Stunden ist die Kuh vom Eis: Einigung über Sozialplan für HAP erzielt

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Ungleiches Trio, das sich geeinigt hat: Thomas Nachtmann, Johann Schmidt-Davis und Daniela Fischer (von links).

Penzberg – Nach über elf Stunden Verhandlung die Lösung: IG Metall und die Konzernspitze von Hörmann Automotive Penzberg haben eine Einigung über den Sozialplan für alle Mitarbeiter des Werks an der Seeshaupter Straße erzielt.

Hätte man es nicht besser gewusst, wäre man unweigerlich auf den Gedanken gekommen, dass Thomas Nachtmann eine durchzechte Nacht hinter sich haben muss. Leichenblass schleicht er herein, man sieht ihm an, wie fertig er ist. Aber Nachtmann ist auch zufrieden, weil es ihm, dem Betriebsratsvorsitzenden des zur Abwicklung freigegebenen Autoteileherstellers HAP gemeinsam mit der IG Metall gelungen ist, mit der Konzernspitze von Hörmann eine Einigung über den Sozialplan für alle 648 Mitarbeiter zu erzielen, deren Arbeitsplatz am 30. Juni 2020 wegfällt. Bis es zu dieser Einigung kam, gingen alle Beteiligten auch an ihre physischen Grenzen: Am Montagabend um 18 Uhr setzte man sich an den Tisch, am Dienstagmorgen um 5.20 Uhr, nach über elf Stunden, hatte man sich endlich verständigt. 

Der Teufel im Detail

Im großen Sitzungssaal des Rathauses war die Erleichterung auf beiden Seiten förmlich mit Händen zu greifen, als man vor die Presse trat. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie oft sich Nachtmann und Daniela Fischer von der IG Metall auf der einen Seite und Hörmann-Finanzchef Johann Schmid-Davis auf der anderen Seite in den vergangenen Tagen und Wochen angegiftet haben müssen. Jetzt sieht man Schmidt-Davis wie beiläufig nicken, wenn Nachtmann spricht, hinterher stehen beide eng zusammen, es wird gelacht. Die Lösung, die beide Seiten in dieser verregneten Nacht gefunden haben, scheint auf den ersten Blick so einfach zu sein, doch der Teufel steckte im Detail. „Wir wollten Rechtssicherheit über die 20 Millionen“, sagt Nachtmann über jenen Betrag, den Hörmann schon vor einem Monat für die Abfindungen in Aussicht gestellt hatte. „Und wir wollten eine Regelung, die juristisch nicht angreifbar ist“, sagt Schmidt-Davis. Bis man letztlich das Treuhänder-Modell gewählt hat, wurden viele Optionen durchgespielt, von den Juristen beider Seiten aber stets als zu wackelig zurückgewiesen. Hinzu kam, dass sowohl die Konzernseite wie auch die Arbeitnehmervertreter jeweils für sich das Maximale herausholen wollten, was Thomas Nachtmann mit einem wunderschönen Satz auf den Punkt brachte: „Wenn es um so viel Pulver geht, hat der Spaß ein Loch.“ 

20 Millionen Euro, eine „gewaltige Summe“

Und viel Pulver ist hier wirklich im Spiel: Finanzchef Schmidt-Davis nennt die 20 Millionen Euro für Hörmann, immerhin nur ein mittelständisches Unternehmen, eine „gewaltige Summe“. Das sei mehr als ein Drittel dessen, was er für die gesamte Hörmann-Gruppe an Finanzmitteln zur Verfügung habe. Trotzdem wirkt er erstaunlich entspannt und keine Spur so erschöpft wie Thomas Nachtmann, was den Schluss zulässt, dass Schmidt-Davis zwischendurch ein Nickerchen wohl gemacht hat, während der oberste HAP-Belegschaftskämpfer die nächste Mammutbetriebsversammlung zu leiten hatte. 

„Unglaubliche Solidarität unter den Kollegen“

Und wenn er in diesen Tagen über die Belegschaft spricht, dann kann es schon passieren, dass Nachtmann, der beinharte Walter der Interessen jener, denen man demnächst die Firma unterm Hintern wegzieht, dass dieses gestandene Mannsbild plötzlich sentimental wird. „Wenn ich daran denke, dann kriege ich schon wieder eine Gänsehaut“, sagt er ganz leise. Er meint damit jene Betriebsversammlung vom vorvergangenen Freitag, als die Belegschaft den ganzen Tag diskutierte und debattierte und inzwischen so sauer war, weil Hörmann sich nicht bewegte, dass man kurz davor war, den Laden dicht zu machen und vor dem Werkstor in Sitzstreik zu treten. „Diese unglaubliche Solidarität unter den Kollegen, die macht mich unglaublich stolz auf diese Belegschaft“, sagt Nachtmann. 

Volle Auftragsbücher und Drei-Schicht-Betrieb

Wäre es wirklich zu einem Streik gekommen, hätte dies beinahe unausweichlich fatale Folgen für tausende andere Beschäftigte bedeutet. Um dies zu verstehen, muss man sich die skurrile Lage vor Augen führen, in der sich HAP derzeit befindet: Die Auftragsbücher sind voll, es wird im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet, vor allem bei MAN, aber auch bei Steyr und in den anderen Hörmann-Werken ist man abhängig von dem, was die Seeshaupter Straße verlässt. Noch eine ganztägige Betriebsversammlung mehr „und bei MAN in München wären die Bänder still gestanden“, so Nachtmann. Apropos MAN: Dort ist man an jenem Freitag schon ziemlich nervös geworden. „Die haben mich mitten in der Betriebsversammlung angerufen und angeboten, sich in die Verhandlungen mit Hörmann einzuschalten“, erinnert sich Gewerkschafterin Fischer. 

„Unser oberstes Ziel war es, einen Streik zu vermeiden“

Nun mag Johann Schmidt-Davis an jenem Freitag nicht das „zündende Momentum“ erkennen, das sein Unternehmen in die Gänge kommen ließ, aber immerhin hat Hörmann über das folgende Wochenende jenes Angebot vorgelegt, dessen Grundzüge nun zur Einigung führte. Aber der Finanzchef, der an diesem Tag so gar nicht an einen Manchesterkapitalisten alter Schule erinnert, räumt auch ein: „Unser oberstes Ziel war es, einen Streik zu vermeiden.“ Für Hörmann, das sich gerade 50 Millionen Euro über eine Anleihe auf dem Kapitalmarkt holen möchte, wäre dieses Bestreben unter keinem glücklichen Stern gestanden, hätte sich herumgesprochen, dass Kunden wie MAN wegen des Herumgezickes in Penzberg plötzlich nicht mehr produzieren können. Und deshalb darf man es Schmidt-Davis ruhig abnehmen, wenn er sagt: „Wir sind froh, dass wir nun diese Lösung gefunden haben.“ 

Eine Abfindung für jeden Mitarbeiter

Diese Lösung, und das ist Nachtmann wie Fischer gleichermaßen wichtig, garantiert, dass jeder aus der HAP-Belegschaft die ihm zustehende Abfindung erhält, ganz egal, zu welchem Zeitpunkt er bis zum 30. Juni 2020 aus dem Unternehmen ausscheidet. Die 20 Millionen Euro, die von einem Treuhänder verwaltet werden, reichen für alle, bestätigt Nachtmann. Das habe man nach schier endlosem Kalkulieren auf jeden Fall sicher gestellt. Auch wegen dieser Dauerrechnerei habe es am Dienstag bis in die frühen Morgenstunden gedauert, ehe über dem Werk an der Seeshaupter Straße weißer Rauch aufstieg. Und, was diesem ungleichen Trio Nachtmann-Fischer-Schmidt-Davis in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist: Die Lösung bietet die Voraussetzung dafür, dass bei der Belegschaft auch im Jahr des Abgesangs die Motivation hoch gehalten wird, sonst sei es nämlich nicht möglich, all die Aufträge abzuarbeiten, die noch in der Pipeline sind. 

Eine Anschlussbeschäftigung erfordert eine „gewisse Mobilität“

Im Übrigen, so versichert Schmidt- Davis, gelte nach wie vor das, was Hörmann von Anfang an gesagt habe: Man biete allen HAP-Mitarbeitern innerhalb des Konzerns eine Anschlussbeschäftigung an. Dafür brauche es aber eine „gewisse Mobilität“, das nächste Hörmann-Werk befindet sich schließlich in der Oberpfalz. An dieser Stelle ist Thomas Nachtmann sehr nachdenklich, er weist auf das hohe Durchschnittsalter der Belegschaft von 46 Jahren hin und meint: „Einige werden Schwierigkeiten haben, einen Job wie diesen zu finden.“ la

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